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Neue Nationalzeitung · 1907-10-04 · Heft 43 (4.10.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 43 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 43 „Neue National-Zeitung" Seite 11 JfEUiLLg&ON REGINE GOLDSCHLÄGER: Ein SeelenkanipL Sie drückte ihre heiße Stirne an die Scheiben des Fensters. Ihr Herz klopfte bis zum Halse hinauf und schnürte ihre Kehle zusammen. — Links vom Garten, von dort mußte das Zeichen kommen .... Sie wußte es, sie ließ hinter sich der Eltern Fluch, der Schwestern Abscheu, der Brüder Empörung, all das konnte sie ertragen, wenn auch mit schwerem Herzen. — Sie strich sich mit der feuchten Handfläche über die rotgeweinten Augen und fuhr erschrocken zusammen, als die Uhr zum Schlagen ausholte. — Sie zählte — voll banger Ahnung und süßer Hoffnung — eins, zwei, drei, bis elf, nur noch eine einzige Stunde, ein einziger Kreisumlauf des großen Zeigers, ein qualvoller tobender Kampf, der ihre Jugend vernichtete, ihr Kindesherz zernagte und dann — das erwachte Weib, die andere Welt, der andere Gott. . . Wie fest er sie in den Armen gehalten; wie er sie geküßt, auf die Augen, auf den Mund und auf den Hals, und wie er mit berauschender Stimme von Liebe geflüstert — von Glück. Eine feurig-flüssige Masse rann anstatt Blut, durch ihre Adern. Seine reine, erhabene Braut hatte er sie genannt.. .'. Reinheit und Erhabenheit! — Wo sind die? — Im Begehren, im Entsagen? Im letzteren nicht, gewiß nicht — eine traurige Zukunft, ein alterndes Mädchen, müde Augen und ein — liebendes Herz in vertrockneter Hülle! Nein, vor dieser Zukunft wollte sie sich bewahren — mit der Macht ihrer großen, heißen Liebe. .. . Und er hatte die nicht Widerstrebende geküßt, auf den Hals, auf das Gesicht. Es brannte sie an diesen Stellen. Schamröte bedeckte sie. Sie wurde geküßt! Furchtbar! Schrecklich! Sie müßte sich die Haut abschälen, die Haut, die von fremden Männerlippen berührt wurde ... Fremd? — Er sollte doch ihr Gatte werden, vor allen Menschen und vor dem Gott, der sie mit offenen Armen empfing, nachdem der andere seine segnende Hand von ihr zurückgezogen, weil sie das Herz einem — Christen geschenkt. Ach Gott! Wie unermüdlich die Uhr tickte; sie war so müde und hätte so gerne schlafen mögen; nicht essen, nicht trinken, nichts, nichts — als schlafen, traumlos und tief, bis in den Tod. Sie nahm die Groschenkerze in die Hand und blickte auf die Schlafenden. Sie empfanden nicht die gräßliche Hitze, den dumpfen Luftdruck, sie schliefen ruhig und friedlich in der niederen Stube und ahnten nicht ihren wilden Schmerz, ihre klaffende Wunde. — Sie beugte sich über das Bett ihrer Mutter, ein leises, süßes Lächeln schwebte um ihre Lippen, der harte Zug, den sie tagsüber trug, war verschwunden . . . Was mochte ihr der Traumgott vorspiegeln? Erzählte er ihr von geheizten Stuben im kalten Winter, von gutgekleideten, satten Kindern? O, trügerischer, zweimal trügerischer Traum, warum erzählst du ihr nichts von namenlosen Kämpfen, von innerer Zerrissenheit? Von dem Kinde, dem sie das Leben geschenkt, das sie mit ihrem Blute genährt, und das jetzt all die Lieben verlassen will, die ihre Jugend behütet, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen; durch Nacht und Nebel, durch Not und Gefahren? ... Ihr Kopf hatte auf seiner Brust geruht und sie hatte gelauscht, sie hatte seine Worte von den Lippen getrunken. Er sprach vom herrlichsten Menschenbunde — von Liebe. „Mutter, Mutter, es darf nicht sein." Sie hatte die Worte ausgestoßen, gellend und schrill, mit nnheimlich glänzenden Augen und wahnsinniger Gebärde. — Erstaunte Augenpaare öffneten sich und blickten erschrocken nach der Richtung, woher die Stimme kam. Sie sahen die hinsinkende Gestalt, obwohl die Kerze schon verlöscht war, jetzt war die ganze Stube taghell erleuchtet und im nächsten Moment hüllte sie tiefe Finsternis ein, ibis es wieder hell war und wieder dunkel wurde und so fort — es drohte ein Gewitter. Die allzeit hilf bereite Mutter beugte sich über sie und das schwache, dürre Weib bemühte sich die kraftvolle Mädchengestalt aufzurichten. „Was ist dir, mein Kind, mein teueres?" Mit der äußersten Anspannung der Kräfte erhob sich das Mädchen und stand aufrecht da. „Es — es ist nichts, Mütterchen, wirklich nichts — ich bin nur da gestolpert." Sie suchte ihrer vibrierenden Stimme einen festen Klang zu geben. „Ich habe es schon seit langem gesagt," ließ sich die Stimme ihres Vaters vernehmen, „unsere Taubele strengt sich an, sie liest viel, viel zu viel, und was hat sie von dieser brotlosen Studiererei, eine Näherin wird niemals eine Philosophin." Wie ihr Vater sie an ihren schmerzenden Rücken erinnerte, an ihre zerstochenen Finger. Er hatte ihre Fingerspitzen geküßt und gesagt: Meiner teuern Tony Hände müssen schön und glatt sein wie ihr Gesicht und ihre Nägel müssen glänzen wie ihre Zähne. — Wie sie immer an ihn denken mußte, ach was! komme es wie es will, es ist ja alles gleich. „Nur noch eine Spanne Zeit, bis ich genug Geld hab', dann schiff ich mich hinüber in die neue Welt, dann schicke ich euch Geld, wenn wir Glück haben, kannst du ihn heiraten, er hat selbst gesagt er hat dich lieb, wenn du nur etwas Geld hättest." Sie zuckte zusammen. Erst hatte sie gedacht ihr Vater spräche von ihm, aber nein, er will ja kein Geld .. . nur sie . . . sie . .. Ihr Vater hatte ja gar keine Ahnung, sie hätte sich auch gehütet ihm etwas zu sagen. Er sprach doch vom Viehhändler Schloime ... mit den großen roten Händen, der sie ohne Geld nicht heiraten durfte und wollte. Ein Kind weinte. Ihr Vater steckte den Fuß von der Decke hinaus und wiegte es. Die Wiege kreischte, das Kind schrie, die anderen schnarchten, draußen blitzte und donnerte es, und das vereinigte sich zu einem Getöse in ihrer Seele, verbunden mit dem Liebesgeflüster einer tiefen, sanften Stimme. „Geh' schlafen, mein Kind." Wie sanft es ihre Mutter aussprach. Das Mädchen küßte sie und zwei große Tränen rannen von ihren Augen auf der Mutter Wangen. „Wie, du weinst?" „Es ist nichts — nur das — Wetter — gute Nacht!" „Schlaf wohl, Taubele." Ihre Mutter drehte sich um und bald verrieten tiefe Atemzüge, daß die müde Frau schlief. Das Kind hatte zu weinen aufgehört, ihr Vater war mit dem Fuß an der Wiege eingeschlafen und jetzt war sie wieder allein .. . O Gotf, so durfte es nicht weiter gehen, sonst wird anstatt meines entschlossenen, liebenden Mädchens eine Wahnsinnige zu ihm eilen. — — Wo hatte sie

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