Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-10-04 · Heft 43 (4.10.1907) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 43 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425710--0401-2426681
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 43 ihn kennen gelernt? Aha! Sie hatte für seine Mutter und Schwester genäht und die stolz'eri Frauen rümpften die Nase über die Jüdin. Aber dann als sie es erfuhren, waren sie freundlich, und gut. Er war der einzige Sohn und Bruder und sie kannten seine-tiefen unveränderlichen Gefühle; aber sie — sie muß abschwören den jüdischen Gott, bald . . . bald... Bei Anbruch des Tages muß sie verleugnen ihre Abstammung — ihre.. Lieben . . * „Mutter, Mutter! wach' auf! nehme in deine rauhen Hände meinen zermarterten Kopf, erzähle mir Märchen, schaurige, gruselige Geschichten^ Wiederhole mir die oftgehörte haarsträubende Leidensgeschichte des jüdischen Volkes ... Erzähle mir von den Fieberphantasien in meinen Kinderkrankheiten, von deinen durchwachten Nächten, von deinenzitternden Armen und schlotternden Knien und von deinen inbrünstigen Gebeten..' ' - Sie preßte beide Hände krampfhaft auf das Herz. Nein, schreien durfte sie nicht, konnte, wollte sie nicht. — Horch! — ein sanfter Glockenton — das. Zeichen--. —.— Schlaf wohl, Mütterchen — dein Erwachen wird grausam sein — du wirst mich verdammen.— ich kann nicht anders. Die unmöglichsten Gedanken schwirrten ihr durch den Kopi. Bebend, mit unzähligen inneren Wiedersprüchen schwang sie sieh über die Brüstung. Sie fiel in eine Pfütze, das Wasser spritzte hoch auf, sie stand auf und ging weiter im strömenden Regen, von krachendem Donner und grell aufflackerndem Blitze umtost. — Ihre Beine versagten den Dienst, sie zitterte am ganzen Leibe. — So viele Mütter starben, so viele Väter wurden wahnsinnig. .. vor Schmerz, und, ach L die kleinen, fleißigen Brüder, die schönen, unschuldigen Schwesterchen, überall würden sie verhöhnt werden und verdrängt und das alles um ihres Glückes willen. Glück? — Wer weiß--? Willenlos blieb sie unter einem Baume stehen; sie wußte, es war gefährlich, aber heute empörte sie sich gegen die elementaren Lichteffekte, gegen den Knall nnd das Rollen. — Was wollten diese gräßlichen, fürchterlichen Stimmen von ihr? — — Da, plötzlich — krachte es! Zur Bildsäule erstarrt stand sie da, aus Augen, Ohren, Nase, Mund floß Blut, immer reicher und reicher, immer heftiger und heftiger, als ob es nie versiegen könnte. Der Baum entzündete sich und mit ihm Taubele. Am nächsten Morgen beleuchtete die mattgoldene Sonne ein Häuflein Asche, ein paar Knochen, ein bißchen verbranntes Fleisch. — Ob das alles von den Kämpfen der Toten sprach? . . . fciferatar; Die Lektüre des jüdischen Proletariats, Der Bericht der jüdischen Bibliothek in Poltawa, ejner' der größeren Städte Rußlands, versucht an der Hand statistischer Daten ein Bild der Lektüre des jüdischen Proletariats zu geben; Es wurden im Jahre 1906 45.889 Bücher entlehnt. Hievon wareii* 41.146 russisch, 3620 hebräisch und 1123 jiddisch. Perzentell; stellt das Verhältnis von 89.6% : 7.97« : 2.5°/o. Im Jahresbudget des Vereines figurieren die Ausgaben auf die Anschaffung von russischen Werken mit 232, von .hebräischen mit 38 und von jiddischen mit 15 Rubel. Das Petersburger Tagblatt „Der Fraind" widmet diesem Berichte.einen ganzen Artikel, betitelt: „Traurige Ziffern". Der Artikel schließt mit den Worten: „Wer ist schuld an dieser traurigen Erscheinung: unsere arme Literatur, die zu wenig. Kraft besitzt, um die Aufmerksamkeit der jüdischen Leser zu erregen, oder die Gleichgiltigkeit des jüdischen Publikums gegenüber der eigenen Sprache und Literatur? 2.5°/o jiddischer:Bücher in der jüdischen Bibliothek einer großen Judenstadt — diese Tatsache ist gewiß traurig!" Zeifschriffen°RundschaiL Die nationale Autonomie. -Im Oktoberhefte der Berliner „Neue Rundschau", findet sich ein längerer Artikel des Reichsratsabgeordneten Engelbert Pernerstorfe r, dem wir wegen seiner Aktualität folgende Stellen entnehmen: „Wie soll man (von Westösterreich.allein gesprochen) acht Nationen in eine gemeinsame Staatsordnung so eingliedern, daß das: chronische, den Staat, immer, wieder-erschütternde, allen wirtschaftlichen und geistigen Fortschritt hindernde Fieber des nationalen Paroxismus endgiftig überwunden ist? Die Antwort ist schrecklich einfach: Indem man ihnen allen das gleiche Recht gibt. Aber theoretische Rechfsgrundsätze nützen garhichts. Der Artikel. XIX. unserer Staatsgrundgesetze spricht dieses, gleiche Recht den Nationen zu. Solche staatsgrundgesetzliche Bestimmungen sind aber bloße Deklamationen. Sie nützen nichts, wenn nicht konkrete Ausführungsgesetze da sind. Ja, sie können direkt schaden, indem sie Rechtszustände vertäuschen, denen keine Wirklichkeit entspricht. Wir könnten jenen prahlerischen Artikel XIX. leicht und. gern entbehren, wenn wir statt seiner ein gerechtes Nationalitätengesetz hätten, dessen Durchführung errungen werden könnte. Aber wir brauchen sogar mehrere Natiöualitätengesetze; wir brauchen eine Nato n a I i t ä t e n v e r f a s s u n g. Es wird ein dauerndes Verdienst der österreichischen Sozialdemokratie bleiben, daß sie, die in sich alle österreichischen Nationalitäten von je vereinigt hat, daß ihr Brünner Programm heute schon von großen, bürgerlichen Parteien als die Grundlage einer künftigen Nationalverfassung anerkannt wird. Der-Grundgedanke dieses Programmes ist die'Nationale Autonomie. Vor allem muß jedes Volk völlig selbständig gemacht werden, so selbstäudig, daß es sich als national unabhängig fühlen kann. Also nationale Parlamente. Nun haben wir Delegationen, ein Reichsparlament, dazu kämen noch 6 bis 8 nationale Parlamente! Ein beachtenswerter Einwand! Aber glaubt man wirklich daß die Landtage noch weiter bestehen könnten, wenu eiumal die nationalen Volkstage bestehen? Die nationalen Parlamente aufgebaut, sei es auf dem Prinzipe der Personalität, des nationalen Territorialismus, -oder auf dem Prinzipe der Personalität (in jedem Falle wäre eine nationale Matrikelführung vorausgesetzt), gäben nun jeder Nation nebst der absoluten Sicherung ihres Bestandes die Gelegenheit, sich "national auszuleben. Hier, wo es sich zumal um die großen Gegenstände der geistigen Kultur handelte, wo nur in der Muttersprache gesprochen werden dürfte, hätte jede Nation die Gelegenheit der Entfaltung öffentlicher, politischer Talente, hier könnten ihre großen Redner sich hören lassen, hier würden ihre Kulturkämpfe ausgefochten!" Briefkasten der Redaktion. O. A. Sarajevo. Wir haben Ihren Brief betreffend die bei Ihnen offenen zwei Gehilfenstellen dem Vereine für jüdischen Arbeitsnachweis zur Erledigung übergeben. J. Sp. Sie müssen Ihren Sohn in jüdischen Fächern (Mischnah, Talmud etc.), gleichzeitig aber auch in Gymnasialfächern ausbilden lassen. Er kann eventuell zu Hause bis zur V. Gymnasialklasse vorbereitet werden. eingesendet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.