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Neue Nationalzeitung · 1907-10-04 · Heft 43 (4.10.1907) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 43 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 43 Menschengewimmel. Die Wohnhäuser dieses Stadtteiles sind eigenartig: Sie bilden ein längliches Prisma mit mehreren als Fenster dienenden Oeffnungen, einem pyramidenartigen Ziegeldach, einer Veranda und einer Tür an der Vorderseite. Ein solches Haus ist gewöhnlich von mehreren Familien bewohnt und besteht aus mehreren Stockwerken. Die Vorhalle und die Treppe sind am Sabbat der Versammlungsort der Hausfrauen und ihrer Nachbarinnen, um Stadtereignisse und Familien-Skandale zu diskutieren, gerade wie die Weiber anderer Länder. An diesem bedeutungsvollen Nachmittag aber sind die guten Frauen vor allem bemüht, die jungen Sprößlinge der Familie zum Zwecke einer letzten Reinigung zu sammeln und das ist nicht leicht, da die B'ne Israel-Buben es lieben, sich herumzutreiben, und meist außer dem Hause sind. Die Männer nehmen kurz vor der Dämmerung ihr letztes Mahl ein, und die Frauen folgen später ihrem Beispiel, denn es ist nicht gebräuchlich, daß Männer und Frauen zusammen speisen;.auch auf dem Wege zur Synagoge gehen beide Geschlechter getrennt. Die Synagoge liegt ziemlich entfernt und bis zu ihr sind mehrere Straßen zu passieren. Die B'ne Israel weichen den vorbeigehenden Marathas und Mohammedanern, die halbnackt und meist aussätzig sind, vorsichtig aus, denn ihre Berührung verunreinigt Den Jörn Kippur feiern auch diejenigen auf's strengste, die das Jahr über den religiösen Vorschriften nur lässig nachkommen mögen. Durch Entfernung der Bänke und Stühle ist die Synagoge am Jörn Kippur geräumiger gemacht Teppiche und Laken bedecken den mit Matten belegten Fußboden. Im Hofe befindet sich ein kleiner Brunnen für die barfuß Gehenden, die dort ihre schmutzigen Füße waschen. Die bessere Klasse, die bereits mit westlicher Zivilisation beleckt ist, zieht die Schuhe aus, ehe sie die Synagoge betritt. Die Plätze sind nach einer vorherigen Abmachung mit dem Schammes im Voraus reserviert. Die Teba befindet sich in der Mitte der Synagoge. Am Eingang ist zur linken Seite eine Almosenbüchse an der Wand angebracht; gegenüber dem Eingange und der Frauengallerie nimmt die ganze Ostwand das Hechal (heilige Lade) ein, über welchem zwei Marmortafeln mit den Zehn-Geboten angebracht sind. Hechal und Teba prangen in blendend weißer Seide. Diese sowie die zur Beleuchtung dienenden Kokosöl-Lampen wurden von wohltätigen Gebern gespendet, deren Namen der Schammes laut ausruft. Die Männer sind mit weiß-seidenen Talessim bekleidet, welche jedoch die bei uns gebräuchlichen Streifen nicht aufweisen; Die Mizwoth werden für so und so viel Oelspenden meistbietend verkauft. Der Gottesdienst vollzieht sich unter Leitung des Vorbeters, indem die Gemeinde bald niederfällt, bald sich wieder aufrichtet, bald laut und bald in einem stillen Gemurmel das Gebet verrichtet. Die Juden in der Schweiz zählen nach der Volkszählung vom Jahre 1900, wie Rabbiner J.. Wolf-Chaux de Fonds in dem soeben erschienenen Dictionaire geographique de la Suisse (herausgegeben von V. Attinger, Neuchatel) mitteilt, insgesamt 12.264 Seelen, die sich auf die einzelnen Kantone folgendermaßen verteilten: Zürich 2933, Basel-Stadt -1897, Bern 1543, Genf 1119, Waadt 1076, Neuchatel 1020, Argau 990, St-Gallen 556, Luzern 319, Freiburg 167, Solothura 159, Basel-Land 190, Graubünden 114 u. s. w. Die Juden bilden 22 Kultusgemeinden, welche sämtliche nach dem Bundes-Vereinsgesetz errichtet wurden. Sie sind demnach tatsächlich bürgerliche Gesellschaften, unabhängig von den kantonalen Behörden, von denen sie auch keinerlei Subvention erhalten. Sie verwalten sich selbst Sogar die Gemeinde in Chaux de Fonds, welche auf Grund des Neuchateier Kultusgesetzes von 1878 dem Staate sich hätte anschließen können, hat es vorgezogen, selbständig zu bleiben. Alle Verwaltungsangelegenheiten werden in den verschiedenen Gemeinden von Komitees erledigt, welche durch die Beitragleistenden gewählt werden. Das zur Deckung der Kultuskosten bestimmte Budget ist auf obligatorischen Steuern begründet, zu denen jedes Gemeindemitglied verpflichtet ist. Je nach ihrer Steuerkraft sind die Beitragenden in verschiedene Klassen eingeteilt. Ferner gibt es in jeder Gemeinde Wohltätigkeits-Einrichtungen, in mehreren auch Vereine zur Pflege geistiger Interessen, wissenschaftliche Zirkel, in denen man mit Vorträgen aus der jüdischen Geschichte und Literatur auf die Jugend erzieherisch einzuwirken sucht. Solche Vereine für jüdische Geschichte und Literatur gibt es in Zürich, Winterthur und St. Gallen. Der verehrte Nestor der Schweizer Rabbiner ist Oberrabbiner J. Wertheimer, Honorar-Professor der Universität, der die Gemeinde seit mehr als 45 Jahren leitet. „Konferenz deutscher Redakteure." Seit einigen Tagen stößt man in den Zeitungen auf die Berichte über die in Wien tagende „Konferenz deutscher Redakteure". Seltsam mutet es an, daß die Teilnehmer an dieser Konferenz durchwegs Schreiber antisemitischer Blätter sind. Und man versuche ernst zu bleiben, wenn antisemitische Journalisten das „Deutschtum" repräsentieren; dasselbe Deutschtum, mit dessen Sprache sie bekanntlich stets in einem verzweifelten Kampfe sind. Auf dieser Konferenz findet man aber auch eine Reihe klerikaler Journalisten. Daß den Deutschnationalen in dieser Gesellschaft vor ihren „Los von Rom "-Tendenzen nicht barige ist, wird verwundern. Ein Mittel, die deutschgeschriebene Presse vor der „Verjudung" zu schützen, werden die geschäftigen Herren natürlich nicht finden, denn es mangelt an deutschschreibenden Ariern. Man wird sich damit begnügen, im dringenden Falle — getaufte Juden zu acquirieren. " Telegramm. Jüdische Massen-Meetings für das allgemeine Landtagswahlrecht. Lemberg, 2. Oktober. (Privat-Telegramm der „N. N.-Z.") Im Sinne des von der Leitung der jüdisch-nationalen Partei gefaßten Beschlusses setzte die Agitation für das allgemeine Landtagswahlrecht heute mit einer Reihe von Volksversammlungen im ganzen Lande ein. Auf der Tagesordnung stand neben der Frage des allgemeinen Wahlrechtes auch der nationale -Kataster. Es haben heute in ganz Galizien über 50 jüdische Volksversammlungen stattgefunden, die sich für die Einführung des nationalen Katasters aussprachen und diese ihre Beschlüsse dem Landmarschall sofort telegraphisch mitteilten. Die hier unter Vorsitz des Dr. Zipper heute stattgehabte jüdische Volksversammlung nahm nach einer sehr lebhaften Diskussion gleichfalls eine Resolution an, in der das gleiche allgemeine- Landtagswahlrecht, sowie der nationale Kataster verlangt werden. Die jüdische Bevölkerung in ganz Galizien ist entschlossen, mit allem Nachdrucke eine ihrer Zahl, Intelligenz und Steuerkraft adäquate Vertretung im Landtage zu beanspruchen. Eventuelle Abmachungen mit den Moschkos werden , der Landtagsmajorität nichts nützen; die Macht der oppositionellen Elemente nimmt im Lande mit jedem Tage zu. Wenn es die Majorität durchaus will, kann sie die Juden auch auf dieser Seite finden. Die 800.000 galizischen Juden haben es endlich satt, sich drangsalieren und bevormunden zu lassen. Die jüdische Bevölkerung und insbesondere die jüdisch-nationale Partei wird dafür sorgen, daß der nationale Kataster nicht von der Tagesordnung verschwindet.

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