Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 43 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 43 KPRReSPONiteNZffN ^* c Oesterreich-Ungarn. Die jüdischen Hausierer. Wien, 29. September. (Orig.-Korr.) Was sind Protestversammlungen? Eine Menge Leute kommen zusammen, hören zu, applaudieren weil's üblich ist, „beschließen" eine Resolution, weil das schon einmal zum „bon ton" des Protestierens gehört und dann gehen die Dinge ruhig den zumeist schon vorbestimmten Lauf. Samstag, den 28. d. M. protestierten die Hausierer. Im Saale des Hotels zum „Goldenen Widder" waren an 500 jüdische Hausierer zusammengekommen, um über die Maßregel zu beraten, die ihnen in ihrem schweren Kampfe um das trockene Brot, in ihrem Kampfe gegen antisemitische Roheit und Dummheit helfen könnten. Daß die Leiter des Hausiererverbandes die erste Abhilfe in einer Rede des Dr. Julius Ofner erblickten, ist eine verzeihliche Naivetät. Aber anzunehmen, daß der nicht mehr mosaische Gemeinderat Dr. von Fürth ihnen gute Ratschläge bringen werde, ist kühner Optimismus. Die einzig gut angebrachte und in jeder Beziehung treffende Rede hielt Dr. Arnold Ascher. Seine temperamentvollen Ausführungen bilden eine Ergänzung seines trefflichen Artikels in der letzten Nummer unseres Blattes. Reicher Beifall lohnte die Rede. Bedauerlich ist, daß aus der Mitte der Hausierer niemand sprach. Es wäre wirkungsvoller und richtiger gewesen, wenn einer das miterlebte Leid der Anderen erzählt hätte. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in welcher der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, das Ministerium des Innern werde die Beschlüsse der Bezirkskommissionen als ungesetzlich aufheben und hunderte von armen Leuten nicht brotlos machen: Im Großen und Ganzen haben alle Reden wenig Neues gebracht. Warum ist noch niemand auf den Gedanken gekommen, daß sich die tausende jüdischer und nichtjüdischer Hausierer in Wien mit Kind und Kegel vor das Parlamentsgebäude begeben, damit der Regierung und den Abgeordneten klar ad oculos demonstriert werde, welch schreckliches Unheil die „christliche" Politik der antisemitischen Streber über tausende menschlicher Existenzen heraufzubeschwören geeignet ist! Haben die Sozialdemokraten für ihre politischen Rechte vor dem Parlamente demonstrieren können, so darf es auch diesen Ärmsten aller Proletarier nicht verwehrt werden, im Kampfe um das trockene Brot zu diesem eigentlichen, richtigen Protestmittel zu greifen. Versammlungen zwischen den vier Wänden des Saales zum „Goldenen Widder" werden - niemandem imponieren. Nur durch einen Straßenaufzug werden sich die Hausierer jenen Faktoren in Erinnerung bringen, denen in Wien so viel daran liegt, daß die Straße ruhig bleibt. Zur Anerkennung der jüdischen Nationalität. Czernowitz. Im Anfang des Lektionskataloges für das Wintersemester 1907/08 sollte die Vormerkung der zur jüdischen Nationalität sich bekennenden Hörer unserer Universität ausgewiesen sein. Da nun ein solcher Ausweis nicht erschienen ist, begab sich eine Deputation der jüd.-nat. Verbindungen „Emunäh", „Hebronia" und „Zephirah" zum Rektor Prof. Dr. E h r 1 i c h und verlangte eine diesbezügliche Aufklärung. Der Rektor erklärte, daß dieses Vorkommnis durchaus nicht auf eine Aenderung in dem Verhalten des Senats gegenüber der berechtigten Forderung der jüdischen Studenten zurückzuführen, sondern blos einem Versehen (!) der Universitätskanzlei zuzuschreiben sei, das sicherlich im näch sten Semester gutgemacht werden wird. Im Uebrigen werde gemäß dem seinerzeit gefaßten Senatsbeschlusse die jüdische Nationalität in dem Rektoratsberichte, der der eigentliche statistische Ausweis der Universität sei, verzeichnet werden. Diese Erklärung des Rektors nahm die Deputation zur Kenntnis. Angesichts der bevorstehenden Inskriptionen haben die obgenannten Verbindungen an die gesamte jüdische Studentenschaft die neuerliche Aufforderung erlassen, im Nationale neben der Angabe der Muttersprache die Klausel „jüdischer Nationalität" einzufügen. Die 300 jüdischen Hörer unserer Universität müssen jetzt durch ein geschlossenes und geeintes Vorgehen beweisen, daß der Kampf um die Anerkennung ihrer Nationalität nicht eine gemachte Demonstration war, sondern daß er ein Postulat ihrer nationalen Ehre und den Beweis des nationalen Lebens bedeute. Holland. Der Anarchisten-Kongress. Amsterdam. Der internationale Anarchisten-Kongress, der hier stattgefunden hat, bildet einen eklatanten Beweis, welch trauriges Erziehungsmittel die russischen Massakres für die Juden sind. In auffallend großer Anzahl stellten sich auf diesem Kongresse jüdische Delegierte ein, die den russischen Despotismus mit dem Terrorismus und dem Anarchismus zu schlagen hoffen. Die bekannte Führerin der Anarchisten Nordamerikas, Emma Goldmann, schilderte die amerikanischen Partei- Verhältnisse folgendermaßen: Am intensivsten betätigen sich innerhalb unserer Partei die Juden. Wiewohl sie sehr arm sind, unterstützen sie doch alle revolutionären Bewegungen. Gegenwärtig werden fähige Agitatoren ausgebildet, die dann nach Rußland gehen. Das Organ der jüdisch sprechenden Anarchisten ist die „Freie Arbeiterstimme", welches in einer Auflage von 12.000 Exemplaren erscheint. Anfangs war es ein Tagblatt, gegenwärtig wurde es auf ein Wochenblatt reduziert. Im Namen der jüdischen -Anarchisten in England sprach Rudolf Rocker. Er schildert die Verbreitung dieser Bewegung unter dem jüdischen Proletariat in East-End als einejstets wachsende. Das Parteiorgan „Der Arbeiterfreund" existiert bereits seit mehr als 20 Jahren und erfreut sich großen Anhanges. Selbst die 11 jüdischen Gewerkschaften stehen unter dem Einflüsse der Anarchisten. Sie zählen in London fünf, in den Provinzstädten sieben Gruppen; auch ihre Hauptaufgabe besteht in der Ausbildung von Agitatoren und in Geldsammlungen. Sie besitzen eine schöne Literatur im Jargon. 'QEMSlND6=UNft VSREkNSNMRRiUrcW Jüdisches Museum. Wien. Die Sammlungen der .Gesellschaft für jüdische Altertümer", IL, Praterstraße 23, werden Samstag den 5. Oktober d. J., 11 Uhr vormittags, eröffnet. Dieselben bleiben während der ganzen Saison an jedem Samstag und Sonntag von 11 bis 1 Uhr für den allgemeinen Besuch geöffnet.