Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 43 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425710--0395-2426675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 43 zu wirken, um den protestantischen Glauben, der von der Rückkehr der Juden nach Palästina die Wiederauferstehung seines Messias erwartet, zur Verwirklichung zu bringen. Während aber bei einem dem Verstorbenen sehr nahestehenden Monarchen die Betonung des Christentums stets einen Stachel für die Andersgläubigen in sich birgt, war beim Verstorbenen die zionsfreundliche Gesinnung ein Ausfluß seines wahrhaft frommen Gemüts. Das jüdische Volk ist um einen Freund ärmer. Und es gibt doch derer so wenige! Die neuesten Ausgrabungen in Palästina. In der „Zeitschrift des deutschen Vereines für Palästinakunde" veröffentlicht soeben der Wiener Professor der protestantischen Theologie Dr. Sellin die Resultate seiner neuesten Palästina-Forschungen. Dasvormehrals 33 Jahrhunderten von den Israeliten zerstörte kanaan'v tische Jericho Hegt verschüttet in den 2 Kilometer nordwestlich vom jetzigen Dörfchen eriha (Jericho) entfernten Hügeln und wird nun ausgegraben. Nach Josephus' Angabe war hier bei der Elisaquelle (2. Kön. 2, 19—22) jene uralte Stadt zu suchen und durch Professor Sellins Probeausgrabung in diesem Frühling hat jene Angabe volle Bestätigung gefunden. Bereits ist die Befestigungsart dieser Stadt im Norden festgestellt und durch eine größere Anzahl von Einzelfunden ist der Beweis geliefert worden, daß vieles im Innern der Stadt alle Stürme der Eroberung wie der Zeit überstanden hat. So wird eine gründliche Ausgrabung die ganze Kultur einer originell-kanaanitischen Stadt konstruieren können. Die Grabung auf einem Hügel ergab, daß dort nicht etwa ein größeres Bauwerk liegt, vielmehr war im Laufeder Jahrhunderte ein Privathaus über das andere geschichtet, so daß man Hausgeräte der verschiedensten Epochen fand. Das überraschende aber war, daß auch bereits das in der obersten Schicht Gefundene, nach unserer ganzen sonstigen Kenntnis altpalästinischer Keramik als Itanaanitische Ware in Anspruch genommen werden muß, so daß wir hier den Niederschlag einer etwa ein Jahrtausend durchziehenden rein kanaanitischen Kultur vor uns haben. Auf einem anderen Hügel stieß man bereits 80 cm unter der Oberfläche auf ein kompaktes Bauwerk, auf die Ruinen einer Burg, wie sie noch nie besser erhalten in Palästina ausgegraben ist. Die einzelnen Zimmermauern sind noch zum Teil vollständig erhalten, ja in drei Zimmern stehen auch noch die Backöfen. Mancherlei Steinmesser und Tonscherben sprechen beredte Sprache für die Entstehung in uralter kanaanitischer Zeit. Darunter befinden sich ganz" Erscheinungen, Scherben, in die mit wunderbarer Feinheit im Relief Tiergestalten,. Steinböcke und sie verfolgende Löwen, hineingearbeitet sind, Figuren die an babylonische Darstellungen erinnern. Ein Krughenkel trägt einen Löwenstempel. Auf der Plattform lagen zwei Bronzebeile und 22 kleine ungebrannte Tontafeln, die offenbar zum Schreiben bestimmt, leider aber noch nicht beschrieben waren. Dieses dürfte das am besten erhaltene, - aus kanaanitischer Zeit stammende Gebäude sein, welches bis jetzt bei den Ausgrabungen in Palästina ans Tageslicht gefördert wurde. Es ist von großer Bedeutung für die Baugeschichte und läßt uns mit seiner schrägen Anlehnung an den künstlichen Hügel einen interessanten Einblick in die Entwicklung der aus ägyptischen Darstellungen bekannten stockwerkartigen kanaanitischen Bauweise, tun. In einem anderen Hügel stieß man bereits 40 cm -unter der Oberfläche auf die alte Stadtmauer. Es ist eine aus gebrannten Lehmziegeln massiv erbaute Mauer, die an dieser Stelle 3 m dick und 3 m hoch war, aber noch auf einem 60 cm hohen steinernen Fundamente ruhte. Sie ist außerordentlich stark und erinnert an babylonische Stadtmauern. An einer anderen Stelle ist sie gar 12 m breit. Und — rätselhaft —von der Höhe der Mauer führt hier eine ausgezeichnet erhaltene breite steinerne Treppe mit 19 Stufen hinunter in die Ebene. Wie kam man dazu, es scheinbar dem Feinde so leicht zu machen, die Mauer von außen zu ersteigen? Von Einzelfunden seien erwähnt: viele kleine, mittel- . große und große Krüge aus allen Schichten, von den einfachsten, mit der Hand gearbeiteten Exemplaren, bis zu den zierlichsten und künstlerisch schön gestalteten, weiter viele Lampen, ebenfalls vom primitivsten Napf bis zu den umgeschlagenen, drei- und vierschnauzigen, ferner Teller und Schalen, Spindeln, Gewichte, Mörser, Mühlen usw. In einem. Schachte fand man 20 große in den Boden eingemauerte Oel- und Weinkrüge, alle durch den groben Ton, die wagrechten, gewellten Handgriffe und den flachen Boden ihre Herkunft aus altkanaanitischer Zeit verratend. Als der wichtigste, ganz besonders interessante Einzelfund ist aber ein etwa 20 cm hohes steinernes Idol in menschlicher Gestalt zu bezeichnen. Es ist zwar sehr einfach gearbeitet, hat aber am Krughandgriff einen Stempel, in welchem Sellin nichts anderes zu sehen vermag als zwei alt hebräische Lettern. Trifft seine Erklärung zu, so haben wir hier einen sehr wichtigen urkundlichen Beweis dafür, daß die Kanaaniter bereits diese phönizischmoabitisch-althebräischen Lettern um 1500 y. Chr. gekannt haben, was neuerdings nach" den zahlreichen keilinschriftlichen Funden aus dieser Zeit mehrfach bezweifelt wurde. Es wäre höchst wünschenswert, wenn dem unermüdlichen Gelehrten, der an der Aufdeckung der altjüdischen Kultur arbeitet, auch von jüdischer Seite Mittel zur Fortsetzung seiner ruhmreichen, aber auch sehr kostspieligen Forschungen an die Hand gegeben würden. „Offene Anfrage an die perehrlidie Redaktion der ,[leue Ilational«Zeifung'; Sehr geehrte Redaktion! In dem Aufruf „An unsere Leser", der sich in Nr. 26 dieses Jahrganges Ihrer geschätzten Zeitschrift findet, heißt es u. a.: . . . . „dazu brauchen wir in erster Linie eine . . . . jüdische Presse, die mit offenem Visier, unerschrocken und, wenn es nötig ist, auch rücksichtslos für das jüdische Volk in die Bresche treten würde, die nicht von persönlichen Ambitionen oder Vorteilen, sondern von wahrhaft ideellem Geiste, von unabhängiger Gesinnung und vom Volkswohl geleitet wäre. Eine solche Presse repräsentiert die „Neue National- Zeitung". Mit der hier angekündigten Unerschrockenheit und Rücksichtslosigkeit ist nun offenbar der Artikel „Eine sonderbare Judenehe" geschrieben, der mit eisiger Kühle über ein Versehen des Wiener Rabbinats berichtet. Aber nicht die dort besprochene Angelegenheit an sich ist es, die mich zu diesem Schreiben veranlaßt, nur ein Satz des Artikels läßt mir keine Ruhe, bis ich eine Antwort auf die durch ihn in mir. und manch' anderen Lesern Ihrer Zeitschrift erregten Fragen und Zweifel habe. Dieser Satz lautet :