Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 43 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 „Neue National-Zeitung" Seite 5 Man kann sich von der Erregung, die diesen Worten folgte, keinen Begriff machen. Doch man war sich klar: Schmelke H o r o w i tz und sein Anhang wollten nicht, daß die Kinder des Armen dieselbe Bildung genießen sollten wie die der „Mejichesim" (Vornehmen). Die Sache kam aber nicht zur Ruhe. Ein Einblick in die Protokolle des Vereines „Schomer Israel" wird jeden belehren, daß wir den Plan der Errichtung dieser Lehranstalt auch weiter propagierten, bis auf dem Gemeindetag im Jahre 1878 das Projekt wieder zur Diskussion gelangte. Am Gemeindetag waren 23 Hauptgemeinden vertreten. Zum Ehrenpräsidenten wurde der sei.'Kultuspräsident Meier Mieses, damals schon ein hoher Greis, gewählt. Dr. Emil Byk eröffnete als Präsident des Vereines die Verhandlungen. Alles verlief in Ordnung bis der letzte Punkt der Tagesordnung kam: Die Eröffnung eines Proseminars. Wer beschreibt den Lärm, welcher tobte. Die Anhänger des Beizer Rabbi erhoben einen ohrenbetäubenden Lärm; die rechte Hand des Rabbis, ein Herr M a rg o s c h e s, schrie: „A Saminar far galachische Rabbiner!" Der Präsident konnte mit diesen Leuten, denen das geringste parlamentarische Empfinden fehlte, nicht fertig werden. Und hinter unserem Rücken spann sich eine Intrigue zwischen dem Prediger Löwenstein und dem Rabbiner O r n s t e i n ab. Jeder wollte das „Capo" abgeben. Der Gemeindetag konnte damals über eine Summe von 250.000 fL verfügen. Ein so großes Kapital mußte durch Fanatismus und gegenseitige Intriguen der Volksführer dem großen Zwecke entgehen. Die Frage eines jüdisch-theologischen Lehrinstituts war noch immer eine interne Frage der galizischen Juden. Die Polen und insbesondere die herrschende Schlachzizenpartei kümmerten sich darum gar nicht. Nur einmal ergriff der galizische Landtag überhaupt die Gelegenheit — es war dies am 26. August 1868 — der Judenfrage näherzutreten, und zwar als vom Ministerium das Gesetz wegen Aufhebung der Rechtsbeschränkungen der galizischen -Juden herablangte. Seitdem gingen der Landtag und die polnischen Parteien über die Juden hinweg. Und als jüngst das Statut über den Landesschulrat dahin geändert wurde, daß auch die Juden eine Repräsentanz erhielten, fanden die Herren „von oben" keine geeignetere Persönlichkeit als den Professor für — klassische Philologie an der Universität Krakau: Dr. S t e r n b a c h. Nun hat plötzlich das allgemeine Wahlrecht in Galizien eine politische Verschiebung herbeigeführt; die Juden sind als politischer Machtfaktor mehr in die Front gerückt. Die Schlachta braucht wieder jüdische Faktotums, um das jüdischnationale Volksbewußtsein mit ihrer Hilfe niederzuhalten. Die Herren Schmelke v. Horowitz und Dr. Nathan Löwenstein sind ausersehen, eine längst bankerotte Partei zu organisieren und sie machten es dem Statthalter plausibel, wie leicht die Zionisten zu erdrücken seien. Aber das allein genügte schließlich nicht. Es mußte etwas geschehen: Dr. Löwenstein hielt im Landtage eine fulminante Rede über den Mangel einer theologischen Lehranstalt in Galizien. Er vermochte die Herzen der Polen zu erweichen, umSomehr als die der jüdischen Wissenschaft geweihte Anstalt als Polonisierungsmittel gedacht war und als Mittel benützt werden konnte, um die jüdische Bevölkerung zu versöhnen, die über den Kampf des Dr. Sternbach gegen das Hebräische erbittert war. Auch den klerikalen Mitgliedern des Landtages schien mit einem Male die Dringlichkeit einzuleuchten. Die Art aber, wie man die nötigen Mittel zu beschaffen gedenkt, stellen die Sache ins richtige Licht. Abermals will man durch Eröffnung einer Kollekte bei den jüdischen Gemeinden Galiziens die Summe aufbringen, wiewohl die Gemeinden durch den siebenprozentigen Steuerzuschlag hart genug betroffen sind. Schließlich gebührt uns diese Lehranstalt, ebenso wie anderen Völkern Oesterreichs ihre Lehrinstitute, auf Staatskosten. Verfehlt ist auch dieses Danaergeschenk deshalb, weil man seinen armen, galizischen Jüngern nicht die Mittel zum Leben geben könnte. Und dann gibt es noch Sprachschwierigkeiten. Aber das Wichtigste in diesem Falle, ist eine Frage an die Behörde: Wo befindet sich der jüdische Landesmassafond, dessen Teilbetrag vor 29 Jahren 500.000 Kronen betrug? Es wird auch gut sein, nach dem Verbleib des Königsbergerschen Stipendiums für Wundärzte zu forschen, das seit der Auflösung dieser Fakultät dispositionslos — verschwunden ist... . Soll mit dieser jüdisch-theologischen Lehranstalt eine Drillanstalt für polnische Literatur und Linguistik geschaffen werden, welche „Proformajuden" erziehen will, dann rufen wir den Herren Dr. Löwenstein und Dr. Sternbach zu: „Hände weg, von unserem Heiligtume!" Wir haben keine Veranlassung, katholischpolnische Fortschrittskomödianten in religionibus zu züchten. Was wir erstreben, ist eine Pflegestätte echtjüdischen Geistes und gediegener Hebraistik. Wir wollen, daß diese höchste jüdische Lehrstätte uns gehöre, für Volkszwecke, für jüdische Bestrebungen. Aber sie soll nicht eine Dienstmagd sein für polnische Theologie und Philologie. 8Grossherzog Friedrich von Baden. I ..■BHHHBBnBBHBHHHHHMHj Es wäre banal, den Fürsten der Geburt und der Gesinnung, der reich an Ehren und an Jahren das Zeitliche gesegnet hat, einen Judenfreund zu nennen. Denn welcher Fürst, dem das Schicksal beschied, auch über jüdische Untertanen sein Scepter zu schwingen, wird nicht in überschwänglicher Weise als solcher gefeiert? Großherzog Friedrich von Baden war mehr, weit mehr: er war ein Freund des jüdischen Volkes. Und nicht nur jenes Teiles, der mit ihm das Vaterland teilte, sondern des gesamten jüdischen Volkes. Denn der Verewigte war nicht nur seinen jüdischen Untertanen ein liebevoller Herrscher, er war nicht bloß der erste Souverän in Europa, der Juden zu Ministern ernannte, sondern auch die nationalen Ideale der jüdischen Volksmassen fanden bei ihm das richtige Verständnis, und so weit möglich, auch die nötige Förderung. Großherzog Friedrich hatte großes Interesse für die zionistische Bewegung, er verfolgte mit Aufmerksamkeit ihre Entwicklung und war bemüht, das Verständnis für den Zionismus selbst in jenen Kreisen zu verbreiten, die sonst gar nicht in die Lage gekommen wären, diese Idee kennen zu lernen. Es ist bekannt, das der Verewigte gerne zionistische Führer bei sich empfangen hat; auch der Audienzerteilung an die zionistische Deputation durch Kaiser Wilhelm II. in Palästina ist der Verstorbene nicht ganz ferne gestanden. Allerdings waren es bei diesem frommen Fürsten wohl auch religiöse Momente, die ihn bewogen haben, für die Rückkehr der Juden nach dem heiligen Lande