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Neue Nationalzeitung · 1907-10-04 · Heft 43 (4.10.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 43 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue Nationai-Zeitung" Nr. 43 gleich ihren „geistigen" Vorläufern, die noch größer an der Zahl waren, von der Regierung ignoriert wurden, bemühte sich der Ministerpräsident, mit dem „Jüdischen Klub" in Fühlung zu treten. Baron Beck erkundigte sich beim Klubobmann Dr. Straucher eingehend nach dessen Programm, er erklärte seine Bereitwilligkeit zu dessen Verwirklichung beizutragen, er bat sogar, allfällige Beschwerden ihm direkt bekannt zu geben. In der Obmännerversammlung hat auch der Obmann, des „Jüdischen Klubs" Sitz und Stimme; das jüdische Volk besitzt innerhalb des Parlamentes seine wenn auch kleine, aber würdige Repräsentanz. In der kurzen Zeit seines Bestandes hat dieser Klub noch sehr wenig geleistet; er nahm erst einen Anlauf zur Entwicklung parlamentarischer Tätigkeit. Seine eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Die gespannte Aufmerksamkeit des jüdischen Volkes ist auf ihn gelenkt, er steht vor einer großen, verantwortungsvollen Aufgabe, von der vielleicht die ganze Zukunft der jüdischnationalen Partei in Oesterreich abhängt. Es handelt sich dabei nicht blos um die Frage, was der jüdische Klub anzustreben, welche Gesetze und Kautelen er für die Rechtssicherheit und wirtschaftliche Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich zu fordern hat, sondern auch um die parlamentarischen Mittel und Wege, mit einem Worte: um die parlamentarische Taktik. Die jüdischnationalen Abgeordneten haben leider keine Gelegenheit gehabt, während der Ferien das Votum ihrer Wähler zu provozieren. Sie hätten sonst erfahren, was sie ja auch wissen, daß in der streng oppositionellen Haltung der jüdischen Wählerschaft im Laufe der letzten Monate keine Aenderung eingetreten ist. Die Allianz der Polen mit den Christlichsozialen, die die Regierung ins Schlepptau genommen haben, die Wahl eines antisemitischen Agitators zum Kammerpräsidenten, die bevorstehende Ernennung von 1 bis 2 antisemitischen Ministern, das sind grelle Signale für das Herannahen jener Stickluft, in der die jüdischen Volksmassen geistig verkrüppeln und wirtschaftlich ganz verkommen sollen. Zu diesem Parlamente, in dem eine polnisch«slovenisch-klerikal«christlich-sozial*deutsch-nationale Maj orität die Herrschaft ausübt und zu dem Ministerium, das vor dieser Majorität den Kotau macht, kann die politisch reife jüdische Bevölkerung auch nicht das mindeste Vertrauen haben. Die jüdisch-nationale Vertretung muß vielmehr auf der Hut sein und mit gespannter Aufmerksamkeit die Schliche und Intriguen verfolgen, mit denen die judenfeindlichen Parteien und ihre Parteiminister die Staatsgrundgesetze noch mehr illusorisch machen werden, um sich die Gunst ihrer Wähler zu sichern; diese Vertretung wird dann jeden Fall zum Gegenstande einer energischen Aktion machen müssen. Auf Vornehmheit und diplomatische Allüren wird man wohl dabei verzichten müssen. Mit Handschuhen wird in diesem Volksparlamente keine Politik gemacht; die Vertreter des jüdischen Mittelstandes und Proletariates können und dürfen das am allerwenigsten. Man wird mir darauf das Wort „Schejgec" entgegengehalten, den typischen Ausdruck des Ghettos für einen ungestümen Losgeher, der keine Autorität anerkennt, der sich nicht duckt und nicht beugt und sich von niemanden was gefallen läßt. Und man wird mir vielleicht die Frage stellen: „Soll denn der jüdische Abgeordnete ein „Schejgec" sein?" Ich will auf diese Frage die Antwort nicht schuldig bleiben. Ja! Der jüdische Abgeordnete muß ein ganzer Mann sein, unerschrocken und rücksichtslos. Denn er vertritt die Sache einer Minorität, eines gekechteten und entrechteten Volkes. Er kämpft für eine gute Sache, für die Sache aller Juden. Und gerade, weil dieser Klub nur vier Mann zählt, muß er sich den nötigen Respekt durch sein unbeugsames,unerschrockenes, wenn auch manchmal überlautes Auftreten verschaffen. Während der Budgetdebatte ist die Ungeheuerlichkeit geschehen, daß vom Präsidium dem Obmann Dr. Straucher das Wort nicht erteilt wurde, weil andere Parteien zu Worte kommen „mußten". Von jüdisch-sozialistischer Seite wurde dieses Schweigen aus böswilliger Entstellungssucht dahin gedeutet, daß vom „Jüdischen Klub" niemand — angeblich um die Regierung zu schonen — sprechen wollte. Es wäre zu dieser Verhetzung gewiß nicht gekommen, wenn der „Jüdische Klub" gegen die Verwaltigung durch das Präsidium in irgend einer Form protestirt hätte. Graf Sternberg, der doch keinem Klub angehörte, wußte sich das Wort zum Budget zu erzwingen; der „Jüdische Klub" hat die Zurücksetzung ruhig hingenommen. Das ist nicht die richtige Taktik, das ist gar keine Taktik. Die jüdische Nation in Österreich, die dem Staate Gut und Blut, Soldaten und Steuern, zur Verfügung stellt, muß auch das Recht haben, bei der Verwendung von Soldaten und Steuern mitzusprechen. Der antisemitische Präsident müßte, wenn er auch im privaten Verkehre mit den jüdischen Abgeordneten Süßholz raspelt, einmal gründlich belehrt werden, daß die Mitglieder des jüdischen Klubs nicht aus demselben Holz geschnitzt sind, wie die Byks, Pipes und Trachtenbergs. Ein jüdischer Klüb, der'das nicht könnte, hätte seinen Zweck verfehlt. Die Taktik der äußersten Opposition ist auch das beste Mittel, um die jüdische Wählerschaft politischzu erziehen. Wenn man vom jüdischen Staatsbürger während der Wahlkampagne die schwersten persönlichen Opfer verlangt hat, so muß man ihm auch beweisen, daß man entschlossen ist, ihm jederzeit mit allen politischen und parlamentarischen Mitteln beizustehen. Sonst hat man sein Vertrauen für immer verloren. Es gibt ja Parteien, die sehr vornehm tun, weil sie — groß sind. Sie wirken eben durch ihr ziffernmäßiges Votum. Kleine Klubs wirken aber nur durch die Macht ihrer Persönlichkeiten und die Entschlossenheit ihres Auftretens. Es muß ja nicht gleich der Klub wegen eines nebensächlichen Umstandes zu den schwersten Waffen greifen, aber er muß gewisse Postulate aufstellen, mit denen er seine ganze politische Existenz verknüpft. Diese Postulate müssen das Um und Auf seiner Betätigung bilden. Welche Postulate hat der jüdische Klub? Was will er, was soll er als seine Hauptziele ansehen? (Schluß folgt.) L. In der nächsten Nummer, erscheint über Wunsch vieler Interessenten ein Aufsatz: „Die Sparkassen der Jewlsh Colonisation Association in Galizien."

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