Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 43 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Dr. D. PASMANIK (Geiif): Die Dumawahlen in Rufeland und die 3uden, Die Wahlen in die dritte Duma haben schon begonnen. Die Juden nehmen an der Wahl teil. Alle Parteien im russischen Judentum — die bürgerlichen sowie die proletarischen — haben beschlossen, an diesen Wahlen teilzunehmen. Und trotzdem ist die Judengasse still und trübe. Wer die Wahlen in die erste und sogar in die zweite Duma mitgemacht hat, wer dazumal die Judengasse beobachtet hat, der weiß, wie energisch bei uns gearbeitet wurde. Es tobte ein Kampf sondergleichen, ein Kampf zwischen den Nationalisten und den Assimilatoren, zwischen den Zionisten und den Bundisten, aber dieser Kampf konnte nicht vollauf den Einheitsgedanken, der das jüdische Volk immer während einer Krisis beherrscht, ersticken. Und so wurde mutig gearbeitet, denn man hoffte... man erwartete von diesen Wahlen ein unmittelbares Resultat in der Form der vollen Emanzipation. Heute fehlt dieser Glaube. Man erwartet von dieser Duma nichts, aber gar nichts; man will nur ein paar Verteidiger in die Duma hineinbringen. Und auch diese Hoffnung ist sehr wenig begründet. Warum? Als die neue Verordnung über die Wahlen in die dritte Duma bekannt wurde, riet ich meinen Freunden, sich der Wahlen vollständig zu enthalten. Der neue Wahlmodus, der der Regierung die Möglichkeit giebt, die Wähler in Nationalkurien einzuteilen, macht alle Anstrengungen der Juden illusorisch. Der Sachverhalt ist folgender: Sogar in den. Städten mit überwiegender jüdischer Bevölkerung finden sich einige Russen. Diese bekamen das Recht, eigene Wahlmänner zu wählen. Da aber der Deputierte von allen Wahlmännern zusammen, deren Majorität dank der Großgrundbesitzer¬ und Bauernkurie immer christlich ist, gewählt wird, so kann kein Jude auf ein Deputiertenmandat hoffen. Also Zweckmäßigkeitsrücksichten sprachen für Boykott der Dumawahlen. Aber früher wollte man davon nichts hören. Es fanden sich sogar solche Optimisten, die behaupteten, gerade jetzt werden die Juden viele Deputierte bekommen. Jetzt aber, wo wir mitten in den Wahlen stehen, hat sich das Bild geklärt. Sogar in Wilna spricht man jetzt unter den Juden vom Boykott. Leider werden die Juden keine prinzipielle Wahlenthaltung proklamieren können, weil die jüdisch proletarischen Parteien jetzt sehr energisch für die Wahlbeteiligung sind und zwar — aus agitatorischen Rücksichten. Das allein genügt aber nicht, um die jetzige Indifferenz der russischen Juden gegenüber den Wahlen zu erklären. Wenn man keine Juden wählen kann, so wählt man gute fortschrittliche Christen. Aber auch dieser Glaube an die christlichen Verteidiger fehlt den Juden, und zwar beginnt man zu zweifeln — weil den Christen das Wollen und das Können fehlt. Das Wollen! O ja, von den „Kadetten" bis zu den Sozialdemokraten, alle predigen sie die Gleichberechtigung der Juden, aber nur in ihren Programmen. Was. unsere Masse früher nur instinktiv fühlte, das weiß sie jetzt nur zu genau, nämlich: Die Judeninteressen können nur von Judendeputierten vertreten werden, aber nicht von Christen und seien es die orthodoxesten Marxisten. Während der Wahlen in die zweite Duma konnte man folgendes beobachten: Die Vertreter des jüdischen Proletariats — vom Bund bis zu den Poale-Zion — behaupteten, die Sozialdemokraten seien die besten Verteidiger der jüdischeu Interessen, da sie die Gegner jedweden Druckes sind, da sie eben ... Sozialisten sind. Und an manchen Orten glaubte die Masse, es sei einerlei, ob jüdische oder sozialistische Deputierte gewählt werden. Die zweite Duma hat auch diese Hoffnung zerstört. Sogar der „Bund" mußte in seinem Organ gegen die Indolenz und die vollständige Passivität der sozialistischen Deputierten gegenüber der Judenfrage protestieren. Und somit fehlt jetzt der letzte Ansporn zur Teilnahme der Juden am Wah kämpf, der momentan in Rußland stattfindet. Aber damit soll nicht gesagt werden, daß da der Antisemitismus eine Rolle spielt. Das Wollen hängt jetzt ausschließlich vom Können ab. Alle oppositionellen Parteien Rußlands zusammen sind jetzt so schwach, daß sie nicht nach ihrem Willen handeln können, sondern sie müssen sich an die Umstände anpassen. Nun ist nicht blos die Bureaukratie, sondern hauptsächlich der Hof ungemein antisemitisch. Wenn Sie sich an die jetzigen „Preßfreiheiten" in Rußland erinnern, so werden Sie wohl verstehen, wenn in der „Retsch" (Nr. 212) folgendes veröffentlicht wurde: „Man teilt uns aus sicherer Quelle mit, daß während der letzten Wochen „in den Sphären" (so bezeichnet man bei uns die Hofkreise, resp. den Hof selbst) eine Stärkung des „Verbandes des russischen Volkes" (d. h. der schwarzen Banden) bemerkbar wird. Zugleich beginnt in denselben Kreisen (d. i. am Hof) eine feindlichere Stimmung gegenüber den Juden zu tage zu treten." Nun wuTde mir noch vor vielen Monaten von einem Mann, der seiner Stellung nach zu den Hoikreisen gehört, mitgeteilt, daß der Zar ein entschiedener Gegner der Judenemanzipation ist und jede Duma auflösen wird, die die Gleichberechtigung der Juden proklamieren würde. Das wissen jetzt alle Parteien in Rußland. Und nicht blos die nachgiebigen Kadetten, sondern auch die tapferen Sozialisten werden nicht wagen, wegen der Judenfrage eine Dumaauflösung herbeizuführen. Somit fehlt den christlichen Deputierten, mögen sie noch so radikal sein, jedwede Möglichkeit, den Juden zu helfen. Vergessen wir nicht, daß der Hof, wie die „Retsch" mitteilt, den Juden gegenüber gerade feindlich ist. Der beste Beweis: die Ereignisse in Odessa, wo der Liebling des Hofes, der berüchtigte General Kaulbars, waltet. Nebenbei noch die Begnadigung fast aller verurteilten Rädelsführer der Pogrome. Das alles weiß ganz Rußland. Also, was kann die dritte Duma den Juden geben, und wenn sie sogar in ihrer Mehrheit oppositionel sein wird? Nichts oder fast nichts, höchstens wird eine Kommission die Judenfrage nicht blos beraten ,sondern sogar einen den Juden günstigen Entschluß fassen. Aber dabei wird es bleiben — vorläufig. Nun aber handelt es sich nicht blos um die Reaktion von oben. Viel schrecklicher ist die Reaktion von unten. Vergessen wir nicht, daß schon während der Wahlen in die zweite Duma die Juden unterlegen sind. Die Reaktion, die vom Volke selbst ausgeht, hat es verursacht. Während der ersten Wahlen haben die Juden 12 Deputierte in die Duma durchbringen können. Warum? Weil noch keine scharfe Differenzierung der Parteien stattgefunden hat. Alles war fortschrittlich, sogar die Großgrundbesitzer-Kurie. In manchen Gouvernements. (Grodno z. B.) haben sich die Juden mit dieser Kurie verbunden, und auf diese Weise ihre Deputierten durchgedacht. Dazu kam noch die Uner-