Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 42 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Neue National-Zeitung< Seite 11 MSüiLLEüON HERMANN BLIMEXTHAL (Berlin). Herr und Trau laubeles.*) Herr und Frau Taubeies, die das Schicksal dazu ausersehen hatte, die weitere Erziehung David's zu leiten, waren ein ungleiches Paar. Herr Taubeies war ein Mann, der die 60 längst überschritten hatte. Er gehörte zu den ßessersituierten in diesem Viertel, denn er war ein selbständiger Geschäftsmann und hatte eine eigene Wohnung. Das gab ihm unter seinen Landsleuten ein gewisses Ansehen. Er hatte auf dem Karmeliterplatz eine Fleischbude, deren Leitung in den Händen seiner um etwa 20 Jahre jüngeren Lebensgefährtin lag. Er selbst fühlte sich für das Geschäftsleben zu alt. Den ganzen Tag lag er im Bette und langweilte sich. Frau Taubeies war eine rüstige Frau, die alle Sorgen auf sich nahm. Am Vormittag war sie im Geschäfte tätig. Die übrige Zeit widmete sie der Hauswirtschaft. Die Wohnung bestand aus Vorzimmer, Küche und Salon. Letzterer diente auch als Schlafzimmer. Die Küche war zugleich Empfangs- und Speisezimmer, denn dort hielt sich die Familie am meisten auf. Wenn die Frau zu Mittag mit der Tageslosungnach Hause kam, begann die Tätigkeit des Herrn Taubeies. Er kroch aus dem Bette, revidierte die Bücher und zählte das Geld nach. Bis man sich zu Tisch setzte, spazierte er im Schlafrock durch die Zimmer und ließ seiner Rede freien Lauf, um sich für die Stunden der Einsnmkeit zu entschädigen. Der Alte schwatzte ohne Aufhören. Es war eine Qual ihm zuzuhören. Fast jeder Satz endigte mit den Worten „Ja, Ja — — a, a". Er sprach es seufzend, drohend — wie es gerade die Gelegenheit erforderte. Immer versuchte er den anderen seine Meinung aufzudrängen undwartete förmlich darauf, daß man ihm widerspreche. Dann redete er sich in Ekstase und ließ Argumente ohne Zahl aufmarschieren, die den Gegner ungeduldig und müde machten. Wer ihn kannte, gab sich nicht die Mühe ihm zu widersprechen! Taubeies griff alles an. Ueberall sah er Falschheit und Hinterlist. Nur an Eines glaubte er voll und ganz — und zwar an die unerschütterliche Richtigkeit seiner Aussprüche. Täglich las er die Zeitung von der ersten bis zur letzten Zeile. Nach den Tagesneuigkeiten interessierte ihn besonders die Politik ... Mit der liberalen Partei ging er durch Dick und Dünn —. „Denn die Liberalen sind die einzigen Freunde der Juden. Sie verlangen Freiheit für alle Menschen ohne Unterschied". Die x4ntisemiten hingegen verwünschte er aus tiefstem Herzen. *) In Kurzem erscheint unter dem Titel .. Knabenalter * von Hermann Blunienthal der zweite Band der Romantrilogie „Der Weg der Jugend". Im Vorstehenden bringen wir ein Kapitel aus diesem Buche, das in der Wiener Schiffgasse spielt, zum Abdruck. Anm. d. Red. Auch Frau Taubeies war sehr redselig. Aber sie pflichtete in allem ihrem Gatten bei. In ihren Augen war Taubeies der klügste Mensch auf Gottes Erdboden. Als junges Ding war sie ihm angetraut worden und in den langen Jahren ihres Beisammenseins hatte sie es verlernt, selbständig zu denken. Wozu sollte sie über Dinge grübeln, die er besser verstand? Sie konnte zu den Worten ihres Mannes nur mit dem Kopfe nicken und „Ja" sagen. Frau Taubeies verstand es ausgezeichnet ihrem Gesichte den Ausdruck der Freundlichkeit zu geben. Sie konnte jeden Augenblick, beim Sprechen, eine andere Miene aufsetzen. Aber ihre Liebenswürdigkeit hatte auch Abstufungen. So konnte sie einfach, mit gespitztem Mnnd, freundlich und über das ganze Gesicht lächeln. Sie hatten fast gar keinen Umgang in dieser großen Stadt. Seit einem Viertel)ahrhundert lebten sie hier, aber sie sprachen noch immer nur im jüdischen Jargon Für Taubeies gab es feine und gewöhnliche Menschen. Ein „fainer" Mann war immer der, — der Geld hatte. Mit dem war es eine Ehre zu verkehren. Von den eingewanderten ärmeren Landsleuten wollte er nichts wissen. Wenn sich einer zu ihm verirrte, dann klärte ihn Herr Taubeies gründlich über die „Wiener Verhältnisse" auf. Mit aller Kratt seiner Beredsamkeit suchte er ihm zu beweisen, daß die „Wienerstadt J kein Platz für ihn sei. Er ließ ihn nicht zu Worte kommen, seufzte über das Elend des jüdischen Volkes, schrie ihn an und wenn der arme Teufel trotzdem den Mut fand, Herrn Taubeies um eine materielle Unterstützung zu bitten, dann wurde ihm unbarmherzig die Türe gewiesen. — — Ein- bis zweimal im Monat kam es vor, daß sich Taubeies zu einem Ausgang rüstete. Dann ging der Herr des Hauses zum „Graffen*. Der „Graß" war ein verkrachter polnischer Edelmann, der Herrn Taubeies gegen Wucherzinsen Kapital zum Fleischeinkanfe vorstreckte. Da wurden die Kleider des Herrn Taubeies, die mehr als ein Jahrzehnt alt waren, hervorgeholt. Der Alte kleidete sich mit Sorgfalt an. Er setzte einen Halbzylinder von unbestimmter Farbe auf, verlangte kategorisch ein neues Taschentuch und machte sich, nach langen Beratungen mit seiner Ehehälfte auf den Weg. Auf der Straße hatte er für alles Auge und Ohr. Er suchte etwas, womit er sich beschäftigen konnte und war glücklich, wenn er gerade zu einem Auflauf oder Unglücksfall kam. Er brauchte Menschen, Menschen, denen er den Kopf voll reden konnte. Darum hielt er die Schnupftabakdose in der Hand und spähte nach einem Opfer aus. Wer sich herbeiließ eine Prise zu nehmen, mußte für einen Plausch herhalten. Taubeies sprach über das Wetter, über den Straßenverkehr und vor allem über Politik. Er stellte gewagte Behauptungen auf und reizte die Leute zum Widerspruch. Sie wurden ihn nicht sobald wieder los. Oft sprach er Passauten an und erteilte ihnen gute Ratschläge. Wenn man ihn unbeachtet stehen ließ, dann hatte Taubeies Gelegenheit, gegen die „heutige Welt* loszuziehen . . .