Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 42 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 »Neue National-Zeltung« Nr. 42 Literatur. Golus von David Rothblum. Jüd. Buchu. Kunstverlag, Brünn, 1907. Vorausgeschickt sei: die Ehrlichkeit dieser Novellen und Erzählungen aus dem jüdischen Leben gewinnt unsere Sympathien vollends. Ehrlich und schlicht ist der Ton, in dem sie erzählt sind. Echt und treu ist alles wiedergegeben, was die Leute im Krakauer Ghetto denken und dulden, sinnen und sagen, träumen und tragen . . . Wie sanfte Wölkchen am Himmel eines Herbsttages ziehen die Schicksale und Erlebnisse der stillen Ghettobewohner an uns vorüber. Stille, versonnene, gedrückte Gestalten. Gedämpft ist die Luft, gedämpft die Stimmen und Seufzer . . . Knaben, die wie Greise aus dem Cheder gehen. Blasse Jünglinge, die im Beth-Hamidrasch über dem Talmud hocken. Ein einsamer Bachur, der mit dem unseligen Dämon des Zweifels ringt. Ein volkstümlicher Idiot, der durch die Gassen irrt, Gelächter weckend und Erbarmen. Ein Mädchen, das von den Nonnen im Kloster dem verzweifelten Vater vorenthalten wird . . . Großvater beim Seder, wie ein silberhaariger König . . . Und die Kinder lauschen der tiefen Geschichte von dem seltsamen Packträger und glühen . . . Es sind stille, schlichte Geschichten. Auch wenn sie sich zur Tragik erheben, schweben sie in gedämpfter Stille hin. Da geht ein liebendes, junges Ehepaar auseinander, um eine schwere Sünde zu sühnen: die Beiden wechseln nur einige Worte in gedämpftem Ton, resigniert und leise, kaum hörbar. In diesem Verschweigen ihres von Aberglauben und Angst verursachten Jammers offenbart sich des Autors Kunstsinn und Begabung. Man bedauert nur, daß ihm das Leben keine größeren, allgemeiner verständlichen Konflikte und Vorwürfe dargereicht. Denn nicht alle seiner Novellen und Skizzen stehen auf der Höhe; manche sind bloß lose Blätter, Alltagssachen, Feuilletons, aber keine ist banal, auch wenn sie ohne Pointe ist! Auch die geringste ist noch wie ein Fenster, durch das wir in die eigentümliche, anheimelnde Ghettowelt blicken. Man fühlt: Rothblum kettet sich menschlich an die Figuren, die er zeichnet. Er hat sie in seiner Kindheit gekannt und geliebt, mit ihren Tugenden und Fehlern, mit ihren Träumen und Gedanken. Und diese seine Liebe teilt sich uns mählich mit. Am Ende ist's gar unsere eigene Großmutter, die, in weißes Linnen gehüllt, beim Barschtsch sitzt und sinnt? Und fast unwillkürlich wiederholen wir flüsternd die Frage: Warum Großmutters Barschtsch so salzig schmeckte? Eines vermißt man leider in diesem Buche: den Humor. Leise Ansätze hiezu finden wir nur in dem schönen »Indian«, der stellenweise wie eine Maupassantsche Erzählung anmutet und bloß wegen des rabbinistischen, allerdings ins Menschliche umschlagenden Schlusses auf einen engeren Leserkreis angewiesen ist. Dieser fließend und kräftig erzählten Geschichte reiht sich würdig die größte Novelle des Buches an: Awromele Chasens Glück und Ende. Und fehlt auch die psychologische Vertiefung des Motivs, so geben wir uns doch dem Zauber der Geschichte hin, die der blinde Abba den Jungen im Beth-Hamidrasch an einem Ellulabend zum Besten gibt. — Mit einfachen Mitteln erzielt Rothblum Wirkungen, wie in der »Geschichte« betitelten Skizze, die historischen Sinn bekundet und den Polen eine Lehre erteilt . . . Die Sammlung enthält auch einige Stimmungsbilder von poetischer Schönheit, um nur »Die Märchen meiner Mutter« zu erwähnen. Weniger nuanciert ist die Sprache in der knappen Skizze .»Jeruscholajim«, allein hier wird durch die Prägnanz des Ausdrucks und die feine Symbolik der Natur die Stimmung aus der Enge des persönlichen Gefühls in die Sphäre des nationalen gehoben. Dr. M. Scherlag. Literarische Gesellschaft »Sinai«. Am 19. August hat, wie wir bereits berichtet haben, im Haag die konstituierende Versammlung der literarischen Gesellschaft »Sinai« zur Förderung des hebräischen Schrifttums stattgefunden, die sehr zahlreich besucht war. Die Gesellschaft beginnt ihre Tätigkeit mit der Herausgabe der hebräischen Quartalschrift »Heatid«, deren erstes Heft (15 Bogen in Großoktav stark) jetzt im Druck vorbereitet wird. Diese ernste Zeitschrift will sich der wissenschaftlichen und ernst-publizistischen Behandlung aller Probleme des Judentums und des jüdischen Volkes widmen. Die bedeutendsten jüdischen Gelehrten und Schriftsteller, alle, welche über Juden und Judentum in gediegener Form etwas zu sagen haben, werden als Mitarbeiter des »Heatid« herangezogen werden. Die jüdischen Denker und Forscher, welche nicht hebräisch schreiben, werden Gelegenheit erhalten, ihre Geistesprodukte durch gute Uebersetzungen zu veröffentlichen. Die Zeitschrift »Heatid«, die in Berlin erscheint, wird das Organ der Gesellschaft »Sinai« sein, die ebenfalls ihren Sitz in der deutschen Hauptstadt hat. Von da aus sollen alle Kräfte im jüdischen Volke zur Pflege der hebräischen Sprache und Literatur organisiert werden. Nach den ersten vorbereitenden Arbeiten zur zweckmäßigen Einrichtung dieser Organisation gedenkt die Leitung der Gesellschaft mit Hilfe der hervorragenden geistig Schaffenden des jüdischen Volkes ein umfassendes Programm zu entwerfen. Es wird beabsichtigt, das bereits Vorhandene, was in der hebräischen Literatur von bleibendem Werte ist, volkstümlich zu machen und dasjenige, was nicht mehr mit dem Bewußtsein unserer Zeit zu vereinbaren ist, dadurch vom Untergang zu retten, daß sein sprachlicher und kultureller Inhalt in einer geeigneten Form aufbewahrt werde. Außerdem sollen gediegene Schriften zeitgenössischer Gelehrter und Forscher auf dem Gebiete der Bibelforschung, der Religionsgeschichte, der Religionsphilosophie, der jüdischen Geschichte, des geistigen Lebens des jüdischen Volkes überhaupt mit Hilfe der Gesellschaft publiziert werden. Die Gesellschaft »Sinai« gedenkt schon in der nächsten Zeit ihr Programm zu veröffentlichen und hofft auf die tätige Mitwirkung aller Freunde der hebräischen Sprache und aller, die an die Zukunft des Judentums glauben. Sie gehört keiner Partei an, sondern will dem ganzen jüdischen Volk angehören, allen Juden des Morgen- und des Abendlandes. Sie steht allen religiösen und politischen Kämpfen fern und will nicht trennen, sondern vereinigen. Um jedem Juden die Möglichkeit zur Anteilnahme an der Gesellschaft zu geben, wurde ein Jahresbeitrag von M. 10.— festgesetzt, wofür sämtliche Publikationen der Gesellschaft mit einer Ermäßigung von 25°/0 geliefert werden. Beitrittserklärungen, Geldzuwendungen und Anfragen sind zu richten an das Zentralkomitee des »Sinai«: Herrn S. Hurwitz in Berlin W., Kurfürstendamm 51. Büeliereiiiläiif. »Bericht des Vorstandes der Czernowitzer Kultusgemeinde über deren Gesamttätigkeit innerhalb .der Wahlperioden 1901—1904 und 1904—1907.« Im Selbstverlage der Czernowitzer israelitischen Kultusgemeinde. »Der Ursprung der Synagoge und ihre allmähliche Entwicklung.« Eine historisch-kritische Studie zur Erforschung Beider, von Dr. M. Rosen mann, Rabbiner und Prediger in Wien. Verlag Meyer u. Müller, Berlin NW. 7. »Geschichte der Juden im Markgrafentum Bayreuth«, von Rabbiner Dr. A. Eckstein. Verlag von B. Seligsberg, Bayreuth." »Eine ungekannte Welt«, Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben von Judäus. Verlag von Sänger und Friedberg, Frankfurt a. M. »Illustrierter Jüdischer Familien-Kalender für das Jahr 5668« (1907—1908). Erschienen bei Kurt Wigand, Modernes Verlagsbureau, Berlin-Leipzig. 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