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Neue Nationalzeitung · 1907-09-27 · Heft 42 (27.9.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 42 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 42 »Neue National-Zeitung« Seite 9 dieser Zeit hat er durch sein liebenswürdiges und konziliantes Wesen sich und der von ihm geleiteten Anstalt viele Freunde und Gönner erworben. Eine große Zahl von Schülern hat er herangebildet, die heute schon selbst in Ehren genannt werden und in Verehrung und Anhänglichkeit ihres Lehrers gedenken. Prof. Bloch hat speziell auf dem Gebiete des jüdischen Rechtes bahnbrechend gewirkt und eine Literatur des mosaisch-talmudi^chen Rechtes geschaffen. Da er sich nun von der offiziellen Lehrtätigkeit zurückzieht, wollen wir hoffen, daß er trotz des hohen Alters in ungeschwächter geistiger und körperlicher Frische seine talmudisch•reehtswissenschaftliche Tätigkeit fortsetzen wird. Deutsches Reich. Verband der Deutschen Juden. Frankfurt a. M. Die bereits angekündigte zweite Hauptversammlung des »Verbandes der deutschen Juden« findet definitiv hier am 13. Oktober statt. Die Gegenstände dieser Konferenz sind: 1. »Religiöse Postulate.« Referent: Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Cohen, Marburg. 2. »Staatsinteresse und Judenpolitik.« Referent: Prof. Dr. Philippsohn (Berlin). Korreferent: Dr. Max Loeb (Mainz). 3. Wahl des Ausschusses. 4. Wahl der Kassenprüfer. Ich werde Ihnen noch näher von den Verhandlungen dieser Versammlung berichten. Russland. Zur Ermordung des Dr. Silberstein. Lodz, 24. September. (Orig.-Korr.) Die hiesige Polizei hat sich über Ersuchen des Generalgouverneurs in Warschau endlich aufgerafft, um die entsetzliche Mordtat, die an Dr. Silber st ein begangen wurde, zu sühnen. Sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen der Fabrik, ca. 900 an der Zahl, ja sogar die Fabriksbeamten, wurden verhaftet. Es ist der Polizei gelungen, sowohl die unmittelbar als auch die mittelbar an dem Morde Beteiligten zu entdecken, und zwar sieben Männer und ein Weib. Dieselben wurden auch sofort standesgerichtlich zum Tode verurteilt und sind gestern erschossen worden. Nichtsdestoweniger dauert die Panik unter den Fabrikanten fort. Die reichste Fabrikantensfamilie Poznanski hat ihr Palais an eine englische Gesellschaft verkauft und übersiedelt nach Berlin. Die Familie Silberstein folgt demnächst diesem Beispiele. Da der russische Staat, wie es scheint, kein Geld hat, um Leben und Eigentum seiner Bürger zu beschützen, beschlossen die hiesigen Fabrikanten, zum Zwecke der Vermehrung der Polizei 182.000 Rubel jährlich beizutragen; sie haben bereits für Uniformierungszwecke der Polizei 200.000 Rubel erlegt. Trotzdem ist nicht abzusehen, wann in der Stadt Ruhe und in den Unternehmungen die Harmonie zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern eintreten wird. P-l. England. Der Rabbi von Minsk an die Juden in England. London, den 22. September. (Priv.-Korr.) Großes Aufsehen erregt ein hieher gelangtes offenes Schreiben des Rabbiners von Minsk. Dieser Brief lautet: „Unsere letzten Hoffnungen auf bessere Zeiten sind nun verschwunden, unser Los hat sich noch verschlimmert, ja, es ist fast unerträglich geworden. Am Neujahrstage wird uns verwehrt, unser Haus zu verlassen und das Bethaus aufzusuchen; auch am Versöhnungstage sind wir an unsere Schwelle gefesselt. Unsere tüchtigsten Söhne und Töchter sind entweder im Kerker oder in Sibirien. Wie glücklich seid Ihr zu preisen, daß es Euch vergönnt ist, in einem freien Lande zu leben! An wen sollen wir uns aber um Hilfe wenden? Zu wem sollen wir flehen, daß er sich unser annehme? Wir sind elend und verlassen! Aber Ihr, im freien England könnt Euch an die guten, gläubigen Christen wenden, damit sie für uns ihre Stimme erheben! Bemüht Euch Euer erlauchtes Königshaus, welches durch seinen Edelmut bekannt ist, auf unser Schicksal aufmerksam zu machen. Ein Wort aus ihrem Munde würde die Herzen von Millionen unserem unglücklichen Volke zuwenden. Möge Gott walten, daß die mächtige und furchtlose englische Presse sich unser annehme und auch uns Gerechtigkeit verschaffe!"' $|US ftlLCN WCLttCiLCN Der jüdische Religionsunterricht in Preußen. Eine Vereinigung jüdischer Lehrer hatte vor einger Zeit eine Eingabe um Abänderung der Ministerialerlässe von 1863 und 1870, welche die Erteilung jüdischen Religionsunterrichtes auch durch nicht geprüfte Volksschullehrer gestattet, an das Kultusministerium gerichtet. Daraufhin ordnete der Minister eine Umfrage darüber an, wieviel ungeprüfte Lehrer (Schächter und sonstige Kultusbeamte) jüdischen Religionsunterricht erteilen. Gleichzeitig wurden die Regierungen zu Berichten darüber aufgefordert, ob die von den Lehrern angeregte Aenderung wünschenswert und bei der geringen finanziellen Leistungsfähigkeit vieler kleinerer jüdischen Gemeinden durchführbar ist. In dieser Frage nahm der geschäftsführende Vorstand des deutschen Rabbiner- Verbandes beim neuen Kultusminister Dr. Holle Audienz. Die Deputation hat dabei die Befürchtung ausgesprochen, daß bei dem Mangel an geprüften jüdischen Lehrern und bei ihrer ungünstigen Finanzlage zahllose jüdische Gemeinden auf die Erteilung von Religionsunterricht dann verzichten müßten. Der Kultusminister hat den Rabbinern eine wohlwollende Prüfung ihrer Wünsche zugesichert. Die Handelsschule in Petersburg. Eine Gruppe hier lebender Juden hat bei der Stadtverwaltung um die Aufnahme ihrer Kinder in die Handelsschule auf den Namen Peter des Großen nachgesucht, in die laut Statut nur Kinder christlichen Bekenntnisses aufgenommen werden können. In ihrem Gesuche weisen die Bittsteller darauf hin, daß derartige Einschränkungen beispiellos in der Geschichte des Petersburger Schulwesens sind und nicht der Würde der Stadtverwaltung entsprechen, welche für die Gesamtbevölkerung und nicht für besondere Gruppen derselben zu sorgen hat. Außerdem wird in dem Gesuche hervorgehoben, daß die Juden ebenso wie die übrigen Bewohner der Residenz Steuern zahlen, aus denen auch die Handelsschule unterhalten wird. Auf eine Anfrage der Stadtverwaltung sprach sich der Pädagogische Konseil für die Aufnahme auch nicht christlicher Kinder aus, wenn auch nur im Umfange von zehn Prozent. Gleichzeitig erklärte es der Konseil für wünschenswert, daß in obigem Sinne um die Aenderung des Status der Handelsschule nachgesucht werde. Hiermit erklärte sich jedoch das Stadtamt nicht einverstanden und zog über die Zahl der Juden in Petersburg Daten ein, aus denen es sich ergab, daß die Juden nur V5 Prozent der Gesamtbevölkerung Petersburgs bilden und es daher zweckmäßig erscheint, in diesem Verhältnis die Zahl der aufzunehmenden jüdischen Kinder festzusetzen. In diesem Sinne soll denn auch bei der Duma die Aenderung des Schulstatuts beantragt werden. Ein jüdisches Lehrerseminar soll demnächst in Warschau gegründet werden. Fabrikant Herz in Lodz hat zu diesem Zwecke 100.000 Rubel (V* Million Kronen) gespendet. Die Witwe nach dem Großrabbiner Zadoc Cahn ist am zweiten Tage Rausch-Haschanah in Paris gestorben. Sie war eine Dame von edlem Charakter und großem Wohltätigkeitssinn. In der Pariser Gesellschaft wird dieser Todesfall allgemein betrauert. Maßregelung der jüdischen Presse in Rußland. In Wilna wurden sämtliche jüdischen Blätter eingestellt, u. zw.: das hebräische Tagblatt „Hasman", das jiddische Wochenblatt der „Poale Zion", „Das jüdische Volk" und das jiddische Wochenblatt der Sozialisten-Territorialisten „Das Wort',

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