Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 42 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 »Neue National-Zeftung« Seite 7 bewiesen, daß selbst das Privilegiensystem den Vertretern der radikalsten Strömungen eine parlamentarische Vertretung zu schaffen vermag. Die konservativen Parteien sind daher auch entschlossen, ein allgemeines, direktes und geheimes Wahlrecht zuzulassen. In diesem Punkte wären somit alle Landtagsparteien einig. Strittig ist nur die Frage bezüglich der G-leichlieit des Wahlrechtes, denn ein gleiches, allgemeines Wahlrecht hat bereits die Regierung abgelehnt. Ebenso herrscht keine Einigkeit über die Wahlkreiseinteilung, welche das Hauptmoment bei jeder neuen Wahlordnung bildet. Aber auch nach dieser Richtung sind sich die Parteien klar, daß eine Majorisierung unmöglich ist, denn die Reform kann nur auf Basis eines Kompromisses aller Parteien erfolgen. An Wahlreformentwürfen herrscht kein Mangel. Jede Partei hat einen anderen Entwurf vorgelegt: die Stanczyken, Allpolen, Demokraten, Zentrums-Klerikalen, Ruthenen, etc.; jeder Entwurf beruht auf anderen Prinzipien und Methoden. Sehr originell, und vom jüdischen Standpunkte bemerkenswert, ist der Entwurf des Prof. Glombinski, der den nationalen Kataster für Galizien einführen will, — aber nur für die Polen und Ruthenen. Die Juden existieren für Herrn Prot Glombinski als Nation nicht, er will sie nur als Stimmvieh und Wahlurnenfutter für die Polen gelten lassen. ^Viewohl dieses Projekt, welches eventuell noch zum Austritte der „Allpolen" aus dem Demokratischen Klub führen kann, kaum verwirklicht werden dürfte, da die meisten Polen darin den Anlauf zu einer Zweiteilung des Landes sehen, so wäre es wichtig, daß die jüdischnationale Partei zu diesem Projekt offen und klar Stellung nehme, ja, daß sie für die Schaffung eines Nationalkatasters, mit den Juden als dritter Nationalität, eine heftige Propaganda entwickeln. Ich kann mir auch gar kein besseres Agitationsmittel für die jüdischnationale Sache denken. Ueber die jüdische Wahlkurie für den Reichsrat kann man wohl verschiedener Ansicht sein, wenn man in Betracht zieht, daß es sich um ganz Oesterreich handeln würde, und daß in den westlichen Ländern mit ihrer zumeist dünn gesäten jüdischen Bevölkerung diese Wahlprozedur eine sehr schwierige wäre. Anders aber in Galizien, mit seinen kompakten jüdischen Massen, die kraft ihrer Zahl, ihres nationalen Empfindens und ihrer großen Steuerkraft auf eine ansehnliche Zahl von Vertretern im Landtag Anspruch erheben kann. Es wäre daher Pflicht der jüdischnationalen Partei, die Frage des nationalen Katasters aufzugreifen und auf ihren zahlreichen Massenversammlungen, die in den nächsten Tagen behufs Stellungnahme zur Wahlreform stattfinden sollen, zu vertreten. Während bisher im galizischen Landtag kaum vi er Juden u. zw. drei Vertreter der Handelskammern und ein Vertreter der Stadt Stryj Sitz haben, muß die polnisch-assimilatorische „Jednosc" selbst zugeben, daß die Juden bei der Wahlreform auf 24 Mandate Anspruch erheben können. Diese Zeitschrift führt auch sehr interessante Daten über die Steuerkraft der galizischen Juden an. So weist sie nach, daß in Lemberg bei einer christlichen Bevölkerung von 159.877 Seelen und einer jüdischen Bevölkerung von 44.528 Seelen, die Zahl der christlichen Steuerträger 9649 und die der jüdischen Steuerträger 6511 beträgt. Es zahlen in Lemberg über K 1000.— Steuer 288 Christen und 370 Juden; von K 500 — bis K 1000.— Steuer 265 Christen und 240 Juden; von K 400.— bis K 500— Steuer 88 Christen und 90 Juden u. s. w. In Krakau wohnen 65.893 Christen und 25.430 Juden; christliche Steuerzahler gibt es 3756, hingegen jüdische 3346. In Przemysl wohnen unter 37.781 Einwohnern 13.390 Juden. Von den Steuerzahlern sind 1824 Christen und 1862 Juden. Die neue Wahlreform durfte als Gegengewicht gegen die allgemeine Wahlkurie s.eparate Wahlkurien für die bisher privilegierten Wähler, soferne sie einen höheren Steuersatz zahlen, in Aussicht nehmen. Innerhalb derselben haben die Juden entschieden die Majorität, und dies muß bei der Verteilung der Landtagsmandate entschieden berücksichtigt werden. Bei aller Sympathie, welche die Juden dem Zentralparlament entgegenbringen, dürfen sie auf ihre Teilnahme am Landtag und an seinen legislatorischen Arbeiten nicht verzichten. Seitdem die Stadt Brody einen jüdischnationalen Abgeordneten gewählt hatte, scheint sie sich die Sympathien der Polen ganz verscherzt zu haben. Nun muß die Strafe folgen, die ihr schon die längste Zeit angedroht wurde: die Transferierung der Handels- und Gewerbekammer nach Tarnopol. Dieselbe wurde im Landtage angeregt und dürfte möglicherweise auch erfolgen. Schwer getroffen werden dadurch einige Handelskammerräte, die um ihre Mandate und damit um den Anteil an dem Erlöse für das eine, resp. auch für das neu einzuführende zweite Landtagsmandat kommen werden. Der Bevölkerung der Stadt Brody dürfte an dieser Transferierung sehr wenig liegen. Der Landesausschuß hat dem Landtage bereits einen Gesetzentwurf betreffend die Errichtung eines jüdisch-theologischen Instituts in Lemberg unterbreitet. Das Institut soll schon im September 1908 ins Leben treten. Das Gehalt für die Lehrkräfte soll vom Lande bestritten werden, während die sonstigen Erhaltungskosten aus den Beiträgen der Kultusgemeinden bestritten werden. Während die Polen sich noch nicht von ihrer Angst über die dritte Nation erholt haben, droht ihnen bereits eine neue Gefahr seitens der deutschen Kolonisten in Galizien. Unter auswärtigem Einfluß haben sich dieselben zu organisieren begonnen und dieser Tage haben sie hier die Gründung des Vereines der „Christlichen Deutschen inGalizienu vorgenommen. Ein eigenes Organ („ Deutsches Volksblatt für Galizien") hat die Aufgabe, ihre Verbindung mit dem Auslande, speziell mit den alldeutschen Organisationen aufrechtzuerhalten. Vielleicht werden die Polen jetzt erst erkennen, daß die Juden trotz ihrer nationalen Individualität dem Lande zugetan und entfernt davon sind, die nationalen Gefühle der Polen zu verletzen oder zu provozieren. Die Emanzipationsbestrebungen der Deutschen in Galizien, verbunden mit der Feier des Sedanfestes und der Enthüllung des N'3derwald-Denkmals sind erst recht geeignet, die J len zu einem politisch entscheidenden Machtfaktor i. Galizien zu machen. Zu Begi m des Schuljahres finden wir in der polnischen Presse ausführliche Betrachtungen über das Anwachsen des Intelligenzproletariates und über die rasche Zunahme der Mittelschüler. Und da ist besonders bemerkenswert die kolossale Zunahme der jüdischen Mittelschüler. Es beweisen dies nachstehende Ziffern: An den Mittelschulen gab es jüdische Schüler im Perzentsatze zur Gesamtzahl: 1875 1883 1905 Gymnasium 1196 19*24 19-76 Realschule 16*46 22 80 27*06 Dieses Anwachsen der jüdischen Mittelschuljugend ist ein Beweis für das große Bildungsbedürfnis der jungen Generation und für die seltene Opferwilligkeil der jüdischen Eltern. — n.