Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-09-20 · Heft 41 (20.9.1907) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 41 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425708--0372-2426650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 41 »Neue Nationai-Zeitung« Seite 9 Dr. Silberstein ist von polnischen, christlichen Arbeitern ermordet worden. Sein Vater und der alte Poznanski, die größten Farikanten in Lodz, haben sich mit aller Entschiedenheit dagegen gewehrt, auch nur einem einzigen Juden unter ihren Tausenden Arbeitern einen Platz einzuräumen. So müssen denn die 20.000 jüdischen Hausweber in Baluty für Hungerlöhne von fünf Uhr morgens bis elf Uhr nachts arbeiten, während die jüdischen Fabrikanten an christliche Arbeiter weit höhere Löhne bezahlen. In der Broschüre des Doktor S. R. Landau, „Unter jüdischen Proletariern* wo diese Verhältnisse in Lodz eingehend gewürdigt werden, findet sich auch eine Unterredung des Verfassers mit einem jüdischen Fabrikanten über diese Frage. Der Fabrikant erwiderte damals: »Wir können nicht christliche Arbeiter entlassen und jüdische aufnehmen. Das würde zu schrecklichen Exzessen führen." Solche Exzesse haben auch wirklich nicht stattgefunden. Dr. Silberstein wurde aber trotzdem erschossen. Deutsches Reich. In Odessa ist es — „ruhig". Berlin, den 19. September. Dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle wird aus Odessa vom Mittwoch abends 91/* Uhr telegraphiert, daß in Odessa nur ganz unbedeutende Fälle von Ordnungsstörungen vorgekommen sind und jetzt alles ruhig ist. England. Zionistisches ans England. London, den 15. September. (Orig.-Korr.) Am letzten Dienstag sprach Mr. J. L. Greenberg in einer großen Versammlung der »West Central Zionist Society« über die Resultate des letzten Kongresses. Redner ging von der Erklärung Schiffs aus, welcher den Zionismus als unvereinbar mit Patriotismus erklärte, und bewies daran, mit welchen Mitteln die Assimilation arbeitet. Als Resultat des Kongresses bezeichnet er dann die »endgiltige Arbeit in Palästina«, wofür man dem Kongresse dankbar sein sollte. Er selbst sei von jeher dafür eingetreten. Doch handle es sich hier um ganz etwas anderes, als es die J. C..A. und Baron Rothschild versucht haben. Die zionistische Arbeit müsse Hand in Hand gehen mit der politischen Arbeit. Und nach dieser Richtung sei's ein großer Fortschritt, daß das engere Aktionskomitee 'nur aus drei Mitgliedern bestehen werde. Der VIII. Kongreß, welcher von mehreren Gesichtspunkten aus als der erfolgreichste Kongreß bezeichnet werden müsse, habe.in Holland selbst großen Eindruck gemacht, und der werde auch bleiben. Die Bewegung selbst dürfe sich jedoch nicht auf »Zedokah und Rachmones« stützen, die einzige Basis müsse die nationale Idee bleiben. Die Rückkehr nach Palästina soll offen vor aller Welt geschehen, in Loyalität vor dem Sultan, gegenüber den Gesetzen. Dann würden die Juden fähig sein ein Volk zu erziehen, würdig des Landes, und sie würden ein Land besitzen, würdig des Volkes. Das Referat wurde sehr beifällig aufgenommen und dem Referenten der Dank ausgesprochen. Der »J e wish Ch roni cl e«, das leitende Blatt der assimilatorischen Kreise, beschäftigt sich in seinem Leitartikel sehr eingehend mit den bekannten Aeußerungen Jakob Schiffs über »Amerikanismus und Zionismus« in einer Weise, die Herrn Schiff kaum angenehm sein dürfte. Die Auslassungen des Herrn Schiff werden wie folgt kommentiert: »Kurz gesagt, Herr Schiff wiederholt die alte und wohlbekannte Fabel, daß Zionismus mit Patriotismus nicht vereinbar sei. Das ist ein schwerer Vorwurf gegen Tausende seiner jüdischen Mitbürger, welche Zionisten sind und gegen noch mehr Tausende seiner jüdischen Brüder in der ganzen Welt, die sich als offene Anhänger der zionistischen Bewegung angeschlossen haben. Herr Schiff war sehr schlecht beraten, als er sich entschloß, unter den jetzigen Umständen einen beträchtlichen Teil der Juden jedes Landes als unpatriotisch zu brandmarken. Ein so seltener Jude und ein so edler Wohltäter wie es Herr Schiff ist, sollte sich nicht dazu hergeben, die Geschäfte der Antisemiten zu besorgen. Der Schluß, zu dem Herr Schiff gelangt, beruht auf einer mißverständlichen Auffassung der zionistischen Bewegung. Der Zionismus lenkt nicht die Juden von der Loyalität gegenüber demjenigen Volke, in dessen Mitte sie leben, ab, er ist im Gegenteile ein Weckruf zur Loyalität gegenüber dem eigenen Volke. Und es ist merkwürdig, daß der Amerikaner Jacob Schiff den Zionismus zur selben Zeit unpatriotisch nennt, als die kanadischen Minister Mr. Aylesw orth und Mr. Patterson, sowie der englische Botschafter bei den Vereinigten Staaten Mr. Bryce, der jüdischnationalen Bewegung ihre Sympathie aussprechen. Möchte doch Herr Schiff der Worte eines wahren Amerikaners,. J a m es Rüssel-Lowell, gedenken: »Bevor wir zu Staatsbürgern geworden sind, machte uns die Natur zu Männern!« AUEN WEßKiLCN Die Juden in Marokko schildert sehr eingehend der Forschungsreisende O. Lenz, der im Jahre 1880 Marokko von Norden nach Süden durchzog. Seine Schilderungen treffen auf die Zustände des Landes in allem wesentlichen noch heute zu. Zur Zeit unseres Reisenden war die arabische Bevölkerung in Tanger bereits völlig abhängig von der christlichen, die nahezu die Hälfte der Stadtbewohner ausmachte und der die Mohammedaner »Verdienst uno Arbeit verdankten«. Daher wohnten hier auch die Juden mit den übrigen Ortsinsassen untermischt, wie sie überhaupt in den Küstenstädten unter dem Schutz der Konsuln größere Freiheit genossen und genießen. In den Städten des Innern ist dies nicht der Fall. Sie hausen dort in einem besonderen Quartier, der Mellah, die — wie der europäische Ghetto seit der zweiten Hälfte des Mittelalters — abends durch besondere Tore geschlossen wurde. Einzelne Mellahs schildert der Reisende als ausgedehnt, aber mit engen, schmutzigen, übervölkerten Straßen. Ausgesaugt von den Großen, verachtet vom Volke, führt der Jude das Dasein eines harten und zähen Kampfes. »Es gibt für den strengen Gläubigen Marokkos nichts Verächtlicheres als das Wort Jhudi, eine Verachtung, die in allen Kreisen der Bevölkerung hervortritt, so daß sich der ärmste Lastträger oder Negersklave für unendlich höher stehend hält, als einen Israeliten«. Außerhalb der Mellah erscheint der Jude in dürftigster und schmutzigster Kleidung, denn er will den Schein des Reichtums vermeiden, um nicht die Habsucht zu wecken. Scheu und gebückt schleicht er längs den Häusern hin und meidet vorsorglich die Straßen, in denen sich eine Moschee befindet. Jenseits der Tore seines Quartiers darf er, ob Mann, ob Frau, nur barfuß sich blicken lassen. »Es macht einen merkwürdigen Eindruck, alte echt biblische Gestalten mit schönem Kopf, oder Frauen, deren Männer ein Vermögen von Hunderttausenden haben, die Pantoffeln unter der Dschellaba verborgen, sich ängstlich durch die maurischen Bazare drängen zu sehen«. Und doch ist der Jude trotz seiner äußerlich gedrückten Lage in Marokko unentbehrlich. Für den Mächtigen ist sein Reichtum eine stets sprudelnde Quelle, aus der sie mit vollen Händen schöpfen. Ohne den Juden würde Handel und Wandel ins Stocken geraten. Ein sehr großer Teil des Handels ruht in ihren Händen, besonders der Import und der Export. Viele der Jhudi sind daher wohlhabend. Von ihrem scheuen Auftreten in den Straßen der Stadt sticht ihr Benehmen in der Mellah wesentlich ab. Hier tragen sie nicht nur das Selbstbewußtsein des wohlhabenden Mannes zur Schau, sie kleiden sich in reiche Gewänder und -zumal die Frauen tragen sehr wertvolle, reich in Gold gestickte Kleider, »alte Erbstücke, die seit Jahrhunderten in derselben Familie sich befinden«, sowie große Stücke Gold- und Silberschmuck. Massen von Gütern sind in der Mellah aufgehäuft, um die den ganzen Tag ein lautes Schachern und Handeln geht. Die gedrückte Stellung schlingt ein Band der Gemeinsamkeit um alle und die Bereitwilligkeit, sich gegenseitig zu unterstützen, ist groß; »nie wird man einen Juden völlig zugrunde gehen lassen«. Die jüdischen Frauen tragen das Gesicht unverschleiert, doch bedecken sie den Kopf mit einem seidenen Tuch, um die Perücke zu verhüllen, die sie vom Tage der Verheiratung an tragen müssen, da ihnen bei der Hochzeit das Haar abgeschnitten wird. Die Vermählungsfeierlichkeiten tragen ein altes absonderliches Gepräge. Im Hause der Eltern auf einem Bette sitzend wird die Braut von ihren Verwandten geschmückt im Beisein einer großen Anzahl geladener Gäste. Ist sie aus dem hohen mit Gardinen verhüllten Bett hinausgetragen worden, so muß sie die Augen ständig geschlossen halten. Alte Frauen legen ihr dann den Kopfputz an, die Perücke und eine Menge hoher schmaler, aus goldener und silbener Filigranarbeit bestehender Zylinder. Zwischendurch erheben die Weiber von Zeit zu Zeit ein eigentümliches Geschrei, während die Schwestern und Freundinnen der Braut unter Gesängen Tamburins schlagen. Dann wird die Braut bemalt. Die Augenbrauen werden geschwärzt, die heiden Wangen mit je einem großen roten Flecken versehen und der übrige Teil des Gesichts weiß gepudert. Ist diese stundenlang währende öffentliche Ausschmückung vollendet, so tragen einige Männer die Braut auf einem Stuhl aus dem Haus ihrer Eltern in das des Bräutigams, wobei die Jugend beiderlei Geschlechts laut lärmt und kleine Wachskerzen in den Händen hält. Am nächsten Morgen findet dann die eigentliche Uebergabe der Braut an ihren zukünftigen Mann statt. Bei streng orthodoxen Juden soll noch ein weiterer Brauch bestehen. Der Mann darf an dem der Feierlichkeit folgenden Morgen nur kurze Zeit mit seiner Frau allein sein. Dann wird diese in ein Bad geführt und in das Elternhaus zurückgebracht. Erst nach weiteren vierzehn Tagen kommt der junge Ehemann in den unverkümmerten Besitz seiner Gattin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.