Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 41 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 »Neue National-Zeitung« Nr. 41 Wahlrechtes haben sich auch die drei Handelskammern angeschlossen. Sie verlangen mehr Mandate, die Krakauer und Lemberger Handelskammer je drei, die B r o d y e r zwei Mandate. Bei dieser Gelegenheit wollen wir nun den Handelskammern einige Worte widmen. Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß die galizisehen Handelskammern in den Händen von Kliquen sind. Das merkwürdige Wahlrecht (auch brieflich) ermöglichte es reichen Fabrikanten und Kaufleuten, die Abhängigkeit ihrer Konsumenten auszunützen und denselben ihre Stimmzettel abzunehmen. Auch etwas Kleingeld wird bei solchen Wahlen unter die Leute gebracht. Auf diese Weise gelangen oft in die Handelskammer Leute, die über eine soziale Macht, aber auch oft über sehr wenig Wissen und etwas wurmstichige Reputation verfügen. Diese Herren verteilen dann unter sich die ihnen zukommenden diversen Ehrenstellen (Bankzensoren, Laienrichter, Eisenbahnräte, Kommerzialräte u. s. w.) — und halten so gute Freundschaft miteinander. An der Spitze der hiesigen Handelskammer steht ein Herr D a 11 n e r, der nach absolvierter Dienstzeit als Feldwebel verschiedene Geschäfte entrierte, bis er schließlich Propinationspäehter wurde. Dieser Herr erhielt den Franz Josephs-Orden, ist Kommerzialrafc u. s. w. — doch weiß man eigentlich nicht: wofür? An der Spitze der Lemberger Handelskammer steht der Ihren Lesern wohlbekannte Samuel E*dler v. Horowitz. Zum Präsidenten der Handelskammer wahrscheinlich deshalb prädestiniert, weil er zuerst Wucher, dann Güterschlächterei betrieben hat. In der Brodyer Handelskammer führt den Vorsitz Herr Lazar Bloch, bisher Vertreter der Oesterr.-ungar. Bank. Diese drei Herren sind natürlich kräftige Stützen des Polenklubs und des Schlachzizenregimes. Die drei Handelskammern mit jüdischen Majoritäten haben auch jüdische Landtagsabgeprdnete. In. Brody, hat sich selbes Dr. Nathan Löwenstein um bare 34.000 Kronen gekauft, Lemberg hat die zweifelhafte Ehre, durch Dr. Heinrich Kolischer vertreten zu sein, dessen Reichsratsmandat gewiß als erstes annuliert werden wird, und in Krakau ist jüngst Oberbaurat Sare gewählt worden, nachdem sein Vorgänger Doktor Arnold von Rappaport durch 27 Jahre das Mandat für sich ausgenützt hatte. Ich sage damit nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, daß diese jüdischen Vertreter der Handelskammern weder die Absicht haben, noch geeignet sind, die Interessen des jüdischen Handels und Gewerbes im Landtag zu vertreten. Dr. Löwenstein hat sich zwar während der Reichsratswahlen im Landtage an das galizische Massenelend erinnert. Das war aber auch alles, was von Seiten der jüdischen Landtagsabgeordneten in den letzten dreißig Jahren für die Juden Galiziens geschah. Wenn nun diese Handelskammern vom Landtag mehr Mandate haben wollen, so können dieselben wohl nur dazu dienen, entweder den Ehrgeiz einiger Streber zu befriedigen, oder die „Parität" zwischen dem christlichen und jüdischen Element in den Handelskammern herzustellen. Die jüdische Bevölkerung steht diesen Bestrebungen kühl gegenüber, wohl wissend, daß die Handelskammern für die Interessen des jüdischen Gewerbe- und Handelsstandes nach wie vor nichts leisten werden. Die Ermordung des Fabrikanten Dr. Silberstein. Lodz, den 15. September. (Orig.-Korr.) Abgesehen von den Pogroms, die bei uns leider bald da, bald dort ausbrechen, gibt es auch sonst Morde, die mit der Judenfrage nichts zu tun haben, sondern vielmehr eine Konsequenz der schrecklichen, wirtschaftlichen Anarchie sind, die das ganze Land beherrscht. Als Opfer dieser Anarchie wurde vor einigen Tagen Dr. Miecislaus Silberstein' der Hauptaktionär und Direktor der „Aktiengesellschaft Silberstein" von seinen eigenen Arbeitern ermordet. Dieselben hatten nämlich durch 14 Tage gestreikt und als sie dann wieder in Arbeit traten, verlangten sie von Dr. Silber st ein, als dem Fabriksdirektor, die Bezahlung der Löhne für die ganze Zeit, was 18.000 Rubel ausgemacht hätte. Dr. .Silberstein weigerte sich dies zu tun, worauf ihn die Arbeiter in das Packmagazin einluden, um mit ihm zu unterhandeln. Dort wurde Dr. S i 1 b e r s t e i n, als er lediglich erklärte, die Wünsche der Arbeiter beim Verwaltungsrat zu unterstützen, von dreien derselben niedergeschossen. Der Verstorbene war Doktor der Chemie der Universität Heidelberg und hat als Vertreter der polnisch-assimilatorischen Richtung hier eine hervorragende Rolle gespielt. Er war ein Schwager des verstorbenen Krakauer Advokaten Dr. P r o p p e r. Für die hiesigen Verhältnisse sehr charakteristisch sind die Vorgänge in der Silbersteinschen Fabrik am darauffolgenden Tage. Wiewohl in der Fabrik weder ein Direktor noch ein Beamter anwesend war, drangen die Arbeiter in dieselbe ein, heizten die Kessel und ließen die Maschinen arbeiten, als wenn nichts passiert wäre. Angesichts der Lebensgefahr, die jedermann, reich und arm bedroht, sind alle Menschen hier rein apathisch geworden. Die allgemeine Stimmung ist die, wie in einer Schlacht zwischen feindlichen Kugeln. Jedermann ist auf das Aergste gefaßt. In dieser einst blühenden Stadt, wird man bald nichts anderes sehen, als wandelnde Leichen. Die polnische Presse, ohne Unterschied der Schattierung, widmet dem Falle und dem Verstorbenen ausführliche Betrachtungen. Im „KurjerPolski" schreibt der bekannte Publizist Straszewicz: „Es fehlt schon an .Tränen.!, Jtfm, haben -keine-Kräf te -mehrj ■ um» die Hände zusammenzuschlagen. Hier hat nicht das Banditentum, sondern der Abschaum der Gesellschaft ein Verbrechen begangen. 600, ja 700 Arbeiter haben einen Menschen ermordet. Sie haben ihn nicht ermordet; sie haben ihn gequält. Nicht einmal ein Glas Wasser wollten sie ihm reichen!... Armes Land, unglückliche Heimat! Wir gehen einem Abgrunde entgegen, und nicht bloß der Tod erwartet uns, sondern auch die Schande. Die frische Vergangenheit hat uns nicht gelehrt, die Tragik der Gegenwart hat uns nicht erschüttert, gleichgiltig sehen wir der Zukunft entgegen. Und vor einigen Jahren hatten wir uns nicht genung entrüsten können, weil einer einen Wahnsinnigen niederstreckte, der auf die Passanten geschossen hat. Weit haben wirs gebracht!... Denn wir alle sind schuldig. Der Mord erregt in uns nicht jenen Widerwillen, den er in jedem ehrlichen Kulturmenschen erregen sollte. Das Verbrechen hat in unserer Mitte nicht jene Atmosphäre des Widerstandes gefunden, in der es ersticken müßte. Wer sich von uns um die Ergreifung eines Banditen bemüht hätte, wäre mit Vorwürfen überhäuft worden. Die Gleichgiltigkeit gegenüber den Freveltaten galt bis zuletzt noch als eine Tugend, als eine Bürgerpflicht. Die englischen Geschichtsforscher verweisen mit Stolz darauf, daß ihre Nation selbst in der revolutionärsten Stimmung vor dem Blutvergießen zurückschreckte. Darin sehen sie eine der Ursachen ihrer Gesundung, sowie ihrer sozialen, politischen Kraft. Und wir! .... Glücklich derjenige, der es nicht erlebt hat." P—l. Anmerkung der Redaktion: BeiallemMitgefiihl.daswiriardas Opfer dieses grausamen Altentales empfinden, können wir doch nicht umhin, im öffentlichen nnd im jüdischen Interesse einiges zu konstatieren: