Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 41 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 »Neue Natlonal-Zeitung« Seite 7 bereits außerhalb des Judentums steht. Ein sonderbares Licht auf den Todesfall wirft die Tatsache, daß sich Graf Boos-Waldeck, der Schwiegersohn des Verstorbenen, bei der „Einsegnung" der Leiche von der Familie absentierte und sich bei den Trauergästen in einem Nebenzimmer aufhielt. Diesem Herrn scheint also auch die Taufe nicht genügt zu haben, um den Makel des Judentums von der Familie zu nehmen."*) In der traurigen Komödie des Abfalls wirkt diesmal auch ein bekannter Wiener Schauspieler mit: Eugen Jensen vom Deuschen Volkstheater. Er ward vom Jacobsen zum Jensen, und kann die Last des Judentums nicht mehr ertragen . . . Die Taufe von Privatdozenten fängt an, nicht mehr zu überraschen. Diesmal ist es Herr Dr. Gustav Singer, Privatdozent an der Wiener Universität, der sich als Mann der freien Wissenschaft in die für Avancementbedürftige stets offenen Arme der „alleinseligmachende Kirche" flüchtet. Wie naß sind die Wege zur Professur!... Der Kunsthistoriker Dr. Otto Fröhlich glaubt mit dem Austritte sein Verständnis für antike Kunstwerke zu schärfen. Der städtische Oberarzt Dr. Ignaz Bauer ist kein guter Turner; er muß Christ werden, damit er die nächste Sprosse der Rangsleiter erreicht. Daneben ein Maturant, der sich früh übt. Weil er rasch „Meister" werden will. Der ist noch jung, er kann also noch ein paarmal tour retour, wenns nötig ist. Daß Fräulein Gertrud B a r u c h es wirklich notwendig gehabt hat, wird niemand bestreiten, der etwas auf das schöne Adelsprädikat „von Felsö-Vany" gibt. Wer auf Menschen-und Seelenadel mehr hält, wirds natürlich nicht begreifen. Wird auch die graduierten Herren nicht begreifen, die jede Taufliste zieren, Monat für Monat ... DäS'"war's jä immer: die-Intelligenz marschierte voran. Hungernde galizische Juden haben im assimilatorischen Milieu der westlichen Länder ihr Judentum bewahrt; die ihnen Führer sein sollten, sind geflohen, weil ein Aemtchen winkte . . . Zur Zeit, als in Frankfurt die Taufe im- Schwung war, schrieb Ludwig Börne in den Briefen an die Henriette Herz immer wieder: »Was macht die Tauferei?" Jeden Monat haben wir Antwort darauf. Es macht sich. Es geht. Zwischen 50—60 variiert die Zahl der im Monat Austretenden. Das gäbe im Jahre .... Doch nein, wir wollen nicht zählen. Wir wollen nicht wissen, wieviel es sind. Wenn wir von der Zahl unseres Volkes sprachen, haben wir sie ja nicht mitzählen können, denn sie waren nie unser. Wer unser ist, der bleibt es, in Not und Gefahr, in Elend und Verfolgung. Die haben nie mitgezählt. Wenn wir für unsere Brüder Gott anriefen, wir schlössen sie nicht ein in unser Gebet. Wir wußten es nicht, aber sie selbst waren sich längst klar. Ihr Abgang ist nicht zu beklagen, denn sie waren nicht . mit Recht in unserer Mitte. Die Schädlinge müssen vom " Baum, wenn er lebensfroh, in voller Blüte sich entfalten soll. Nur ihre Namen seien genannt, damit die Christen wissen, wen sie gewonnen! *) Der ganze Fall erscheint uns ziemlich mysteriös. Der Verstorbene Baron Emil Kubinzky figüriert nicht in der Liste der Kultuswähler, wiewohl er in Wien domiziliert hat; im „Gothaer freiherrlichen Almanäch" wird diese Familie als „katholisch" angeführt. Plötzlich, und zwar am 26. August 1907, gerade am Todestage, trifft bei der israelitischen Kultnsgemeinde die Anstrittsanzeige ein. Wenn der Verstorbene," als er im Jahre 1903 die Baronie erwarb, schon Katholik war, wozu diese-Anzeige? Und war er wieder Jude, wie kommt es, daß ihn die Kultusgemeihde nicht zur Steuerzahlung anhielt, und daß ihn . sein freiherrliches Patent als katholisch, bezeichnet?! Es wäie dringend erwünscht, daß die Kullusgeme'nde hier Licht schaffe. Solche Sachen legt man nicht bloß ad acta. ' Die Redaktion. RÖRReSPCNüeNZCN Oesterreich-Ungarin Ignatz Brüll. Wien, den 18. September. (Orig.-Korr.) Die musikalische Welt hat nach Joachim und Grieg, abermals einen schweren Verlust erlitten. Dienstag, den 17. d. M. starb im 61. Lebensjahre Ignatz Brüll. Die gesamte Weltpresse hat dem Verstorbenen ehrende Nekrologe gewidmet, die bedeutendsten Musikkritiker haben seine Bedeutung gekennzeichnet. Ignatz Brüll war aber nicht nur ein großer Künstler, er war auch ein edler, charakterfester Mensch. Wie viele haben ihren Erfolgen durch den Taufschein nachgeholfen! Ignatz Brüll blieb Zeit seines Lebens ein guter Jude. Wir wollen ihm nicht die sonderbare Anerkennung spenden, daß er ein Jude geblieben. Das ist doch für Menschen von Charakter selbstverständlich. Aber daß er überall dort zu finden war, wo es galt, arme Juden durch seine Kunst zu erfreuen, daß er humanitäre Bestrebungen immer förderte, sei ihm nicht vergessen. Für das arme, aber bildungseifrige Publikum der „Toynbee-Halle" war es ein Festtag, wenn Meister Brüll ein Konzert gab. Und wie freute ihn der enthusiastische Beifall der Armen! Ignatz Brüll ist in früheren Jahren auch der zionistischen Bewegung nahe gestanden. In den letzten Jahren seines Lebens hatte er sich jedoch vom öffentlichen Leben fast ganz zurückgezogen und erschien auch nur selten im Konzertsaale. Als er im Vorjahre seinen 60. Geburtstag feierte, war er der Gegenstand großer Ehrungen. Damals äußerte Brüll, er habe nie gewußt, daß er „so geschätzt und beliebt sei". Einige seiner Kompositionen werden über den Tag hinaus Geltung bewahren. Diese wenigen, aber aufrichtigen Zeilen seien nicht dem Künstler allein, sondern auch dem Andenken des stillen braven Mannes gewidmet, der wohl nicht getragen ward von der Popularität einer großen Masse, der aber in einer wechselvollen Zeit der Alte blieb. Die Scheidung im Hanse Rothschild. Wien, den 18. September. (Orig.-Korr.) Wie in den der Familie Wertheimstein nahestehenden Kreisen mit Bestimmtheit verlautet, ist die Scheidung der Ehe des Barons Charles Rothschild bevorstehend. Von seiner Ehe wußten die an den geschäftlichen Unternehmungen der Kothschilds partizipierenden Blätter zu berichten, daß es „eine Liebesheirat" sei. Für die Schilderung der Gefühle des Barons Rothschild zu Fräulein Rozika v. Wertheimstein wurden ganze Spalten verbraucht. Es scheint aber nicht ganz so gewesen zu sein. Denn jetzt wird als Grund angegeben, daß, da Fräulein von Wertheim st ein um zehn Jahre älter ist, sich „Differenzen ergeben mußten". Auch die Frömmigkeit der Edlen v. Wertheimstein soll nicht auf sehr festem Grunde stehen; ihr Verhalten anläßlich des Passahfestes soll vom rituellen Standpunkte aus auch nicht ganz einwandfrei gewesen sein. Wie dem auch sei, es nützt nichts, wenn die christlichste Elite zur prachtvollsten jüdischen Trauung kommt. . . . Geschieden muß sein! . . . Baron Rothschild soll seinen Rechtsanwalt mit der Einleitung der nötigen Schritte betraut haben; seine Gemahlin ist in ihre ungarische Heimat zurückgekehrt ... Der zum Ehescheidungsverfahren notwendige Trauungsschein wurde dieser Tage dem kompetenten Matrikelführer abverlangt. Die Landtagsmandate der Handelskammern. Krakau, den 16. September. (Orig.-Korr.) Dem aligemeinem Bestreben nach Erweiterung des Landtags-