Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 41 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 »Neue National-Zeitung« Seite 5 wandererstrom auf ein bestimmtes Ziel zu richten, und daß dieses Ziel nur Palästina sein kann, weil nur dieses Land mehr zu bieten hat als die bloße Verbesserung der materiellen Lage. Ja, man unterschätzt sogar in zionistischen Kreisen sehr, daß die ideelle Zionssehnsucht des östlichen Juden ein ganz realer sozialer Faktor ist, mit dem ebenso gerechnet werden muß, wie mit jedem anderen. Einem Irrtum mußte ich oft begegnen : Herzl habe beabsichtigt, alle Juden nach Palästina zu bringen. Es ist eine ganz laienhafte Vorstellung, die nur mit Bezug auf die Anfänge seiner zionistischen Tätigkeit einigermaßen berechtigt ist. Vor allem sollte der in Palästina eine Heimstätte finden, der eine brauchte. Ganz natürlich aber würden späterhin auch noch eine beträchtliche Anzahl anderer Juden, Intelligenzen, die ihre Kraft nun dem eigenen Volke widmen wollten, nach Palästina gezogen, wie sich heute bereits eine ganze Reihe von solchen Personen in den Dienst der idealen Sache stellt, ohne daß ihr Erfolg noch gesichert ode. auch nur mit einiger Sicherheit zu erhoffen wäre. Theodor Herzls utopistischer Roman »Alt- Neuland«, von dem ich mit unter den ersten Kenntnis erhielt, schildert Verhältnisse geraume Zeit nach der Einwanderung, nicht diese selbst, teilweise auch wirklich zu märchenhaft und zu sehr mit der Phantasie des Feuilletonisten. Es konnte auch noch nicht alles klar sein. Und der Roman wollte vor allem, wie Herzl mir offen sagte, Interesse für die Sache erwecken; darum die populäre, feuilletonistische Form, die ihm in den Augen der Schweren, Ernsten so sehr schadet. Ich möchte hier weiter keine Apologie dieses neuesten Neubeiebers des alten Heimkehrgedankens schreiben. Das Facit ist nur ein Vielleicht. Für den Westen ha.t, scheint es mir, der Zionismus, in dem ich das nationale Judentum am stärksten und konsequentesten vertreten sehe, vorderhand nur eine Bedeutung in jenem angedeuteten Sinne, daß sich schon jetzt hervorragende Intelligenzen seiner Sache widmen. Sollte ein jüdischer Nationalstaat entstehen, dann würde vielleicht jeder sich endgültig für die Assimilation oder die Wahrung der Nationalität zu entscheiden haben oder doch jedem die Entscheidung näher gelegt werden. Es.könnte dann auch sehr wohl der Fall eintreten, daß ein Jude palästinensischer Staatsbürger werden, aber dabei doch an seinem früheren Orte und in seiner früheren Tätigkeit bleiben würde. Bei der zweifellos hervorragenden kommerziellen Begabung des Juden würden solche Fälle häufig genug sein. Gegenwärtig freilich ist die Entscheidung durchaus noch nicht so dringend, wie sie manchem erscheinen mag. Der Jude hat auch kaum ein Recht, sich' als'Staatsbürger zweiter Ordnung' zu betrachten, wie das wohl geschieht.' Die Mehrzahl hat immer größere Rechte und es ist z. B. eine Ungerechtigkeit gegen diese Mehrzahl, wenn in Frankreich der alte schöne Brauch der Schiffstaufen neuerdings abgeschafft worden ist, um einen geringen Prozentsatz NichtChristen — bei der französischen Marine wirklich verschwindend — nicht zu verletzen. Noch ein paar Worte haben dem Judentum als Rasse zu gelten. Die Vorstellungen hierüber sind im allgemeinen ebenso laienhaft wie. über den Zionismus und nicht etwa beim Nichtjuden allein. Ebensowenig wie von einer deutschen Rasse, kann man von einer jüdischen Rasse sprechen, wohl aber in beiden Fällen von einem deutschen resp. jüdischen Volk. Das Bewußtsein der Nationalität ist hier maßgebend. Die meisten großen Italiener, Franzosen und Spanier waren (und sind auch in dieser Zeit noch, wenigstens zu einem bemerkenswerten Teil) Germanen, aber darum doch keine Deutsche. Unter den Juden gibt es eine große Anzahl hervorragender Geister, die ebenfalls reinen nordischen Typus tragen; David nennt die Bibel blond, so wird auch ziemlich frühzeitig Jesus geschildert. Ein Volk setzt sich eben stets aus verschiedenen Rassenkomponenten zusammen,-die beim , deutschen Volke, von den Einschlägen des Judentums abgesehen, hauptsächlich zwei sind, die nordische und die alpine, beim jüdischen Volke drei, eben diese beiden und die wohl den Hauptstamm bildende mittelmeerländische, die ebenso in den romanischen Ländern eine weitere Komponente bildet und gegenwärtig die nordischen Elemente dort fast völlig verdrängt hat, so daß diese Länder sogar eine relativ dunklere, »südlichere« Rasse repräsentieren als die aus einem viel weiter nach Süden gelegenen Gebiete gekommenen Juden. Bei den Juden, denen des Ostens zumal, kommt noch — durch die in Rußland übergetretenen Chazaren — ein erheblicher Einschlag von Tataren hinzu. So wie die Verhältnisse demnach liegen, ist es wahrscheinlich, daß bei einer völligen Assimilation der Juden in Deutschland durch den Prozeß der Entmischung, der in solchen Fällen eintritt, nach einigen Generationen die dunklen Elemente ausgeschieden würden, in den romanischen die lichten, d. h. stets dasjenige, was für das betreffende Volk fremde Elemente sind. Ob man den Juden als solchen der »Rasse« nach, um hier diesen populären Ausdruck zu gebrauchen, absolut als fremdes Element zu betrachten hat, ist sonach sehr fraglich. Tatsache ist nur, daß sich bisher kein jüdischer Dichter dauernd im deutschen Volk zu behaupten vermocht hat. Auerbach, Mosenthal, Beck, Hartmann, einst die gefeiertsten Literaturgrößen, sind bereits so gut wie ganz ausgeschaltet, und selbst der genialste Jude, Heine, hört merkbar auf, wie es aus der von Buchhändlern hervorgehobenen merkbar geringer werdenden Nachfrage nach seinen Werken hervorzugehen scheint, die frühere Bedeutung zu haben, eine in dem Sinne lebendige Kraft zu sein, wie es z. B. Mörike geworden ist. Die Ursachen müssen nicht in dem Judentum als solchem liegen, aber sie sind auffallend genug, daß gerade hierin ein Anzeichen jener eigentlichen Tragik des Judentums gesehen werden könnte. Und es mag sehr wohl sein, daß die nationalen Regungen im Judentum gerade heuzutage (auch im Westen: Petition von 2000 Wiener jüdischen Studenten um Anerkennung der jüdischen Nationalität) eben von hier ihren Ausgang nehmen. Wo ein Volk sich noch als solches fühlt, ist es allerdings das natürlichste, daß seine Intelligenzen ihre Kraft ihm selber widmen. Aber, wie gesagt, das kann so, muß aber nicht so sein. Es ist sehr wohl möglich, daß den gegenwärtigen aus dem Judentum hervorgegangenen Dichtern — ich spreche vor allem von diesen —, einem Schnitzler, H. von Hofmannsthal, das tragische Los erspart bleibt, vergeblich gewirkt zu haben. Mir scheint auch die gegenwärtig hie und da auftauchende nationale Bewegung der westlichen Juden kaum eine größere Bedeutung als die schon erwähnte im zionistischen Sinne zu haben. Der Prozeß der Assimilation vollzieht sich hier wohl unaufhaltsam und es ist dies sicher natürlicher, als daß das Judentum der Einzelnen sich in seiner vielfach innerlich zwiespältigen Stellung erhalten könnte. Solange aber von Osten her noch ein Zuzug von Juden stattfindet — der erst mit der Gründung eines nationalen jüdischen Staates dauernd enden würde — wird sich die Judenfrage stets wieder an neue Geschlechter wenden. So weit ich zu blicken vermag, sehe ich kein Ende. „Cine sonderbare Dudenehe". Die von uns in der vorigen Nummer geschilderte Trauung hat in den weitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung großes Aufsehen erregt. Zahlreiche Briefe aus allen Schichten der Bevölkerung kamen uns zu, in welchen einerseits das Erstaunen über diesen unglaublichen, in der Geschichte der Wiener Gemeinde einzig dastehenden Vorfall zum Ausdrucke gebracht wird, andererseits aber auch derselbe als eine begreifliche Folge des.Nepotismus bei der Besetzung von Beamten- und Rabbinerstellen geschildert wird. In einem dieser Briefe wird auch darauf hingewiesen, daß viele Kultusvorsteher in jüdischen Dingen, und zwar nicht etwa bloß in Fragen des jüdischen Eherechtes, sondern selbst in Fragen der jüdischen Geschiebte und des jüdischen Kultuswesens sehr schwach beschlagen sind. Es wird sogar ein Fall erzählt, in dem jüdische Kultusvorsteher (Dr. K u r a n d a und Dr. Adolf Stein) für Aufhebung aller spezifisch-jüdischen eherechtlichen Bestimmungen, die unsere Ahnen mit Mühe anläßlich der Abfaßung des bürgerlichen Gesetzbuches durchgesetzt haben, eingetreten sind. * Wir erhalten von einem Wiener Hof- und Gerichtsadvokaten nachstehenden Brief : „Geehrter Herr Redakteur! Mit Bezug auf ihren Leitartikel, in welchem das Zustandekommen einer im bürgerlichen Gesetzbuch (§125) für unzulässig erklärten Judenehe geschildert wird, sei es mir gestattet, auf die Plenarversammiung der n.-ö. Advokatenkammer vom 30. März 1905 aufmerksam zu machen. Um diese Zeit war nämlich der Rummel der geschiedenen katholischen Ehegatten wegen Lösung ihrer Ehe dem Bande nach sehr stark. Der Ausschuß der n.-ö. Advokatenkammer hat sich auch damals zum Dolmetsch dieser Wünsche in der Weise gemacht, daß er den Beschluß faßte, der Plenarversammiung eine Resolution auf Trennbarkeit aller Ehen ohne Unterschied der Konfession zu unterbreiten. Der Ausschuß hat sich jedoch damit nicht begnügt, er hat vielmehr beschlossen, in seiner Resolution auch die Beseitigung der bezüglich der Ehehindernisse und Ehetrennung geltenden besonderen Bestimmungen für das Eherecht der Juden