Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 41 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 »Neue National-Zeltung« Nr. 41 irgendwie mit dieser verflachten zionistischen Bourgeoisie vermengen! Da hört ja jeder Klassenunterschied auf! Und was würde dazu Kautsky sagen! Und so haben die Poale-Zionisten Rußlands beschlossen, die finanziellen Institutionen des Zionismus — die Kolonialbank, den Nationalfond — zu boykottieren. Vor dem letzten Kongresse debattierte man weit und breit darüber, ob man den Schekel kaufen und am Kongreß teilnehmen soll. Tatsächlich fand man folgenden Ausweg: man bezahlte für 1000 Schkolim, um eine fünfgliedrige „Delegation" zum Kongreß zu senden. Dementsprechend war auch die Bedeutung dieser Delegation am Kongresse: gleich Null. Wie anders würde die Rolle dieser Partei, die ungefähr 10.000 Mitglieder zälüt, ausfallen, wenn sie die tatkräftige Avantgarde des Zionismus in Rußland bilden wollte! Diese opfermutige Jugend als zionitierendes Ferment könnte Wunder leisten. Sie würde die Verwirklichung des zionistischen Ideals um viele Jahre beschleunigen können. Aber ... die Klassengegensätze vor allem! So hat Marx gesagt! Aber Marx hatte keine Ahnung von der Judenfrage, von der spezifischen jüdischen Wirtschaft, die er mit der des Börsenjuden identifizierte. Nun eine Frage: Wenn die russischen Poale- Zionisten nichts, aber "gar nichts für die Stärkung der finanziellen Institutionen tun wollen, mit welchem Rechte können sie dann vom Kongresse verlangen, er soll dies oder jenes in Palästina tun? Und noch eine Bemerkung. Es ist ja theoretisch wohl zulässig, daß eine neue sich gründende Gesellschaft manche Fehler der alten Gesellschaften vermeide. Ebenso wie eine neue Stadt direkt die elektrische Beleuchtung einführen kann, ohne mit der Petroleumlaterne zu beginnen, kann auch ein neuer sozialer Bau manche soziale Fehler vermeiden und neue soziale Lebensformeln schaffen. Das haben die österreichischen Poale-Zionisten begriffen und treten deshalb so energisch für die Kooperativgenossenschaft ein, die sicher doch eine gerechtere soziale Lebensform darstellt, als der Kapitalismus. Franz Oppenheimer verspricht sich mit dieser von ihm vorgeschlagenen Wirtschaftsform jeglichen Klassenkampf unmöglich zu machen. Vielleicht dürfen wir nicht so optimistisch sein, aber sicher ist es doch, daß wir durch die landwirtschaftliche Kooperativgenossenschaft die giftigste Wurzel des Klassenkampfes vernichten. Aber die russischen Poale-Zionisten sind orthodoxe Marxisten und der Papa Kautsky hat bis jetzt seinen Segen dem Oppenheimerschen Plane nicht erteilt. Ergo müssen sie gegen die Kooperativgenossenschaft, als gegen eine das „Klassenbewußtsein verdunkelnde" kleinbürgerliche Unternehmung auftreten. Und weiter? Das Leben, das viel komplizierter als die komplizierteste Theorie, viel einfacher, als das logische System ist, wird die Lösung bringen. Und die wird meiner Meinung nach folgende sein: Ein Teil — der kleinere Teil — der jüdischen Masse wird assimiliert werden, teilweise durch die Sozialdemokratie der umgebenden Völker. Der überwiegende Teil des jüdischen Proletariats wird zionistisch werden müssen, weil nur der Territorialismus ihm die Möglichkeit der normalen Entwicklung verschaffen wird. Wer Territorialismus sagt, sagt Palästina, denn der konkrete Ausdruck des abstrakten Territorialismus kann nur Palästina sein. Und die Verwirklichung des territorialistischen Ideals hat die Zusammen Wirkung aller Elemente des jüdischen Volkes zur Voraussetzung. Nicht etwa durch Harmonie aller Klasseninteressen — das ist unter den gegebenen Umständen ein Ding der Unmöglichkeit — sondern durch die Koordinierung aller Klassenenergien. Dann aber wird auch der russische Poale-Zionismus ein nützlicher Faktor im jüdischen Leben werden. Jetzt stellt er ein schwankendes Element dar, das noch seiner inneren Energie unbewußt ist. In dem Momente, wo er wirkliche zionistische Tatkraft entwickeln wird, wird auch die so sehnsüchtig angestrebte Synthese zwischen Sozialismus und Zionismus sehr leicht geschaffen werden: nicht in der Theorie, sondern durch das schaffende Leben. Und dieses ruft uns kräftig zu: das Ziel ist nichts, die Bewegung ist alles! OTTO HAUSER (Wien): Die hösung der 3udenfrage.*) Der Dichter wie der Forscher isl: als solcher ein cwov anofoti/.ov. Sein Interesse gilt nicht nur einer Partei, sondern auch dem Gegner, überhaupt allem, was Leben ist. Und Leben ist wohl naturgemäß Kampf. Aber er möchte nicht selbst in diesem Kampfe Mitstreiter sein. Er weiß zu gut, daß die endgültige Entscheidung mit unabänderlicher Notwendigkeit zugunsten des Lebenskräftigeren erfolgt. Ein Prognostikon stellen kann er nicht. Ich selbst habe der Judenfrage meinen Roman »Spinoza« gewidmet, der in seinen drei Hauptgestalten die Typen des nationalen, des Assimilationsjuden und des genial begabten einzelnen Juden (Spinoza) behandelt. Das Werk mag wohl als ein zionistisches gefaßt worden sein, da es, wie icrr höre, in Rußland ins Hebräische übersetzt wurde, und in der Tat ist der Vertreter des nationalen Gedankens, der eben zu Spinozas Zeit die Gemüter der Juden so mächtig erregte (Sabbathai Zewü), am sympathischsten geschildert; er ist der Schöne, der Träumer, der Gläubige, dem es zuletzt genug ist, auf dem Wege zum heiligen Lande zu sterben, der fast fürchtet, es zu betreten, um nicht ernüchtert zu werden. Alle Poesie des Judentums konnte auf ihn vereinigt werden. Daß der Assimilationsjude, selbst nicht aus reinem Stamme, in dem Romane weniger sympathisch sein mag, hat seinen Grund darin, daß er mir zugleich der Träger eines anderen Problems wurde, des Problems der unbekümmerten Stärke, die Spinoza bewundert, die aber zu Gewalttat führt und ihm am Ende ebenso eitel erscheinen muß, wie alle Dinge dieser Welt. Sein Uebertritt geschieht ganz unter dem Zwang der Verhältnisse. Aber das Problem ist bei ihm weiter nicht ins einzelne ausgedeutet. Der genial begabte Jude zudem macht an sich selbst schon alle Kämpfe durch, die sich in jenem nur wiederholen müßten. Ich betone dies hier, damit mir nicht vorgeworfen werden kann, ich stehe jenen Juden, die sich zu dem entscheidenden Schritte des Austritts aus dem Judentum gedrängt sehen, feindselig gegenüber. Spinoza war mir der Typus des genial begabten Juden. Ich denke, daß hier die eigentliche Tragik des ganzen Judenproblems liegt. Denn wie die Verhältnisse damals waren, mußte er sich einerseits ebenso von der Klasse seines Volkes getrennt fühlen, wie er andrerseits das tiefe Gefühl hatte, nie völlig einer jedes anderen Volkes zu werden, unter dem und mit dem er lebte. Nur darum überhaupt, weil der genial begabte Jude dieses Gefühl hatte (und wohl in vielen Fällen auch heute hat), konnte (und kann) von einem Judenproblem ohne jegliche Gehässigkeit oder Parteinahme gesprochen werden. Und nun die Lösung? Die Umfrage, auf die diese Zeilen eine Antwort zu geben suchen, ist mir selbst nur ein Zeichen der Lebensbewegung innerhalb des Judenstums. Ich müßte Politiker sein können, damit ich mich bestimmt entscheiden könnte. So sehe ich nur Möglichkeiten. Jedenfalls glaube ich nicht, daß die Judenfrage im Osten und im Westen die gleiche ist, wenigstens so weit ich durch meine Berührung mit Herren aus jenen Gegenden informiert bin. Es kann sein, daß für die Juden des Ostens der Zionismus in der Tat kein bloßer Traum ist. Wenn man dem gegenüberhält, daß die Rückkehr eines zerstreuten Volkes in der Weltgeschichte noch nicht dagewesen sei, so ist zu sagen, daß die Weltgeschichte stets voller Wunder gewesen ist und das letzte Wunder, die Einigung Deutschlands, kaum erst über dreißig Jahre zurückliegt. Ich spreche nicht bloß aus persönlicher Sympathie für Theodor Herzl, dessen Intentionen mir sicher die besten und aufrichtigsten gewesen zu sein scheinen, sondern aus nüchterner Erwägung der Tatsachen. Ich denke mir, daß es sehr wohl möglich sein müßte, den Aus- *) Ans den Aushängebogen des Sammelwerkes „Die Lösung der Judenfrage B (Verl. Cnrfc. Wigand, Berlin—Leipzig), welches Dr. Julius Moses demnächst erscheinen läßt, veröffentlichen wir obigen Aufsatz. Wir geben obige Ausfährungen des bekannten Wiener Literaten, dessen jüngster Eoman „ SpinozaB allgemeine Beachtung gefunden hat, nur wegen der Persönlichkeit des Autors wieder, können uns aber mit deren Inhalt nicht vollständig identifizieren. D. Eed.