Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-09-20 · Heft 41 (20.9.1907) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 41 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425708--0366-2426644
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. ,41 »Neue Natlonal-Zeitung« Seite 3 Dr. D. PASMANIK (Genf): Der Poale-Zionismus in Rußland. Das russisch-jüdische Proletariat war nie recht assimilatorisch gesinnt. Seine ökonomischen und kulturellen Lebensbedingungen erzwangen seinen Nationalismus. Und sehr früh beteiligt er sich an der zionistischen Bewegung. Solange die Verwirklichung des Zionismus in der Form des Herzischen Charterismus als sehr handgreiflich und nahe bevorstehend galt, konnte kein ernster Gegensatz zwischen Zionismus und Sozialismus sich ausbilden. Sehr einfach: morgen sind wir in Palästina und übermorgen beginnt der wirkliche jüdische Sozialismus im eigenen Lande. Nun kam der herbe Schlag auf dem VI. Kongresse; der Charter sei nicht so schnell zu bekommen. I)ie Ereignisse überstürzten sich: Uganda, Territorialismus und die russische Revolution. Da begann die Differenzierung innerhalb des vom Zionismus angehauchten jüdischen Proletariats in Rußland. Es handelte sich ja um die Schaffung einer Synthese zwischen dem territorialistischen Ideal und der Klassenpolitik in der Gegenwart. Der eine Teil blieb bei dem Charterisraus: zuerst den Charter erhalten, sei es, wo es auch ist. und dann erst kommt der Sozialismus. Dazu gehören die sozialistischen Territorialisten oder wie sie sich aus taktischen Gründen nennen: die Sozialisten-Zionisten. Ein zweiter Teil stellte den Territorialismus zurück und schob den Sozialismus vor: die russische Revolution in ihren ersten Stadien war so hoffnungsvoll, daß manche an die nahe bevorstehende radikale Umgestaltung Rußlands glaubten. Man hoffte, daß man nun recht bald für die Juden eine nationalpolitische Autonomie (nach Springers Vorschrift) bekommen und dann erst das territoriale Problem töten wird. Dazu gehören die sogenannten „Sseimisten" (vom Worte Sseim-Landtag.) Diese beiden Gruppen haben also die Synthese einfach vernichtet, indem sie theoretisch einen der Faktoren ausgeschlossen haben. Theoretisch, denn praktisch treiben die Sozialisten-Territorialisten Klassenpolitik, nehmen an der russischen Revolution regen Anteil, aber dies geschieht nur ad gloriam dei zum Gefallen der echten Sozialisten. Denn theoretisch behaupten diese Leute, daß in der Diaspora die Lage des jüdischen Proletariats keineswegs verbessert werden kann. Und ebenso können die.„Sseimisten" nur theoretisch von der nahe bevorstehenden nationalpolitischen Autonomie der russischen Juden sprechen. Die einzigen, die wirklich eine Synthese zwischen Sozialismus und Zionismus anstreben, sind die Poale-Zionisten. Aber wohlgemerkt: hier sprechen wir nur von dem Poale-Zionismus in Rußland. Zwei Grundprinzipien charakterisieren die Weltanschauung dieser Partei: der orthodoxeste Marxismus, wobei sogar die Nationalität ausschließlich auf wirtschaftliche Momente zurückgeführt wird, und der konsequente Palästinismus, wobei Palästina als das wirtschaftlich und politisch günstigste Territorium betrachtet wird. Ihre Klassenpolitik, sowie ihre Anteilnahme an der russischen Revolution bezwecken neben der Schaffung normalerer Lebensbedingungen für die jüdische Masse hauptsächlich die Organisierung des jüdischen Proletariats. Sie glauben weder an die Möglichkeit eines jüdischen Landtags, noch an eine wesentliche Lösung der spezifischen Probleme, des jüdischen Lebens in der Diaspora. Sie wissen ganz genau, daß d:is jüdische Proletariat sich normal nur in Palästina, im eigenen Heim entwickeln kann. Somit spielt im Systeme des russischen Poale-Zionismus der Klassenkampf eine rein erzieherische Rolle, die Vorbereitung des echten Klassenkampfes auf sigenem Boden in der jüdischen Wirtschaft in Palästina. Und was die Lösung des territorialen Problems anbetrifft, so scheint sie sehr einfach zu sein: die geschichtliche Notwendigkeit treibt die jüdische Masse von einem Lande ins andere und dieser Migrationsprozeß wird nicht aufhören, bis nicht die Juden einmal eine stabile Wirtschaft auf eigenem Boden begründen werden. Die Konzentrierung der Juden in Palästina sei ein mit geschichtlicher Notwendigkeit bedingter Prozeß. Die Rolle des jüdischen Proletariats besteht dabei nur darin, das Klassenbewußtsein der in Palästina sich bildenden arbeitenden Masse zu entwickeln und die revolutionäre Energie anzusammeln, die an Ort und Stelle die endgültige Befreiung des jüdischen Volkes bis zu Ende führen wird. Soweit die Theorie. Aber die Theorie ist... grau und nur das Leben ist grün. Wir wollen hier keine Kritik dieser Theorie üben, was uns sehr weit führen würde. Wir wollen hier lieber ein Lebensbild skizzieren. Das jüdische Proletariat! Es klingt so großartig. Und die Wirklichkeit ist so traurig. Vor allem sind es keine Fabriksarbeiter, die schon durch die Fabrik zu kompakten Massen, die wirklich das Bild der dröhnenden Bataillone hervorzuzaubern vereinigt sind, sondern Handwerkerlehrlinge und -Gehülfen, meistens Schneider und Schuster, viel weniger Arbeiter von Zwergfabriken mit Handarbeit, dann sehr viel Handelsangestellte und... „Externe". Der „Externe" ist ein spezifischer Typus des russischen Ghetto und bedeutet einen jüdischen Jüngling, der jahrelang sich zu irgend einem Examen vorbereitet. So was hungert furchtbar, mindestens 11 Monate im Jahre, lernt ein bißchen, liest ziemlich viel Broschüren, kennt großartig alle marxistischen Ausdrücke und diskutiert sehr viel und sehr leidenschaftlich Tage und Nächte hindurch. Die Hauptbeschäftigung aber des „Externen" ist die Konspiration. Man konspiriert sehr viel und gegen alle: gegen den reaktionären „Gabai" der jüdischen Gemeinde und den Orlspolizisten, gegen den „Isprawnik" (Bezirkshauptmann) und gegen den schrecklichen jüdischen Ausbeuter, der statt heute erst morgen hungert, aber auch gegen die Großen und die sehr Großen. Und es scheint, da wird die große Geschichte geschmiedet, da werden die Ketten zerrissen, denn an Opfermut fehlt's nicht. Es wird „gearbeitet" sehr heiß, aber noch mehr wird gestritten. In einem kleinen Nest mit 50 hungernden Proletariern finden sie 4, 5 bis 6 Parteien: Bund, Sozialisten-Zionisten, Poale-Zionisten, Sozialdemokraten u. s. w. Dabei wird viel gestritten, gezankt, hie und da werden auch Hiebe ausgeteilt. Alles dreht sich um Marx und seinen Propheten Kautsky. Und als der große Tag der russischen Revolution kam, da . .. galt die revolutionäre Energie des jüdischen Proletariats gar nichts. Wer kümmerte sich um die Streiks bei den jüdischen Handwerkern und Kaufleuten? Bei den großen jüdischen Fabrikanten, bei den Poznansky, Brodsky u s. w. sind keine jüdischen Arbeiter angestellt. So ist es: dem jüdischen Revolutionär blieb die Phrase. Die Tat — die gehörte dem nichtjüdischen, normalen, großkapitalistischen Proletariat. Da wurde vieles klarer, den einigen früher, den anderen später, aber es wird immer klarer. Das jüdische Proletariat der Diaspora stellt an und für sich gar keine soziale Werte schaffende Kraft. Schrecklich, aber so ist es. Das haben vor allem die Sozialisten-Territorialisten verstanden und deshalb suchen sie jetzt mit allen Mitteln mit der territorialistischen Bourgeoisie Hand in Hand zu gehen. Das haben die „Sseimisten" verstanden, die mit der national-jüdischen Bourgeoisie anzuknüpfen suchen und jetzt die Eroberung der Gemeinden predigen. Nur die Poale-Zionisten Rußlands scheinen es bis jetzt noch nicht verstanden zu haben, Gott bewahre, daß sie sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.