Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 41 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 41 die Akademie der bildenden Künste unter 251 Schülern 6 Juden. An der Hochschule für Bodenkultur finden wir unter 668 Hörern 20 jüdische Frequentanten; an der tierärztlichen Hochschule unter 426 Frequentanten 18 Juden. Die k. u. k. Konsularakademie. Diese Hochschule zur Heranbildung von Konsulatsbeamten für den Orient nimmt keine Juden auf. In der statistischen Uebersicht der letzten fünf Jahre ist auch kein einziger Jude zu finden. Auf welche Weise das Ministerium des Aeußern diesen Gewaltakt rechtfertigt, wären wir neugierig. Wir hören oft, daß man Juden zu Bezirksrichtern oder Staatsanwälten nicht ernennen könne, weil sich die bäuerliche, „katholischgesinnte" Bevölkerung dagegen auflehnen würde. Würden sich denn die Türken, Araber, Chinesen, Japaner auch dagegen auflehnen, wenn einmal ein nichtgetaufter Jude zum Konsul im Orient ernannt wird? Das Studium an der Konsularakademie ist ein sehr kostspieliges, aber es gibt hunderte jüdische Familien in Oesterreich, die gerne 2—3000 Kronen jährlich für die Erziehung ihrer Söhne zum Konsularberuf ausgeben würden. Sie wären nicht gezwungen, ihre Söhne nur zu Aerzten oder Advokaten heranzubilden, damit sie armen Studenten Konkurrenz machen. Aber, aber . . .! Mit der Konsularakademie geht es gerade so, wie mit dem Generalstab, der Intendanz, und seit jüngster Zeit mit der militärärztlichen Karriere. Die gemeinsamen Ministerien sind über die Staatsgrundgesetze erhaben .... Die Israelitisch-theologische Lehranstalt. Die Frequenz dieses Seminars bewegt sich in den Jahren 1901—1905 zwischen 26—30 Schülern. Die meisten Frequentanten (9—14) stammen aus Galizien. Wien und Niederösterreich haben im Jahre 1902/3 einen Schuler beigestellt, welcher im nächsten Jahre schon austrat. Seitdem befindet sich kein Wiener Schüler in der Lehranstalt: ein sehr interessanter Beitrag zur Beurteilung der Sympathien, derer sich das Talmudstudium und der Rabbinatsberuf in den Kreisen der Wiener Judenschaft erfreuen. Mittelschulen. Unter 6889 Mittelschülern finden wir 1923 jüdische. Bedauerlicherweise sind die Hörer am k. k. Technologischen Gewerbemuseum, an der Kunstgewerbeschule des k. k. Museums für Kunst und Industrie, an den k. k. Staats-Gewerbeschulen, an der k. k. Lehranstalt für Textilindustrie etc. etc. nicht nach Konfession angeführt. Handelslehranstalten. Die im Jahre 1890 eröffnete Exportakademie, welche tüchtige, kaufmännisch geschulte Kräfte für kommerzielle Aufgaben des Konsulardienstes heranziehen soll, hat in jüdischen Kreisen den Anklang gefunden, den sie verdient. Im Studienjahre 1901/1902 zählte sie kaum 60 Hörer, im Jahre 1905/1906 195, darunter 105 Juden. Die Wiener Handelsakademie weist eine Frequenz von 1143 Schülern auf, hievon verblieben am Ende des Schuljahres 774, daranter 337 Juden. Die im Jahre 1904 begründete „Neue Wiener Handelsakademie" weist unter 88 Schülern 42 jüdische auf. Konservatorium für Musik und darstellende Kunst. Sehr bemerkenswert ist die große Beteiligung der jüdischen Jugend an der Musik- und Schauspielkunst. Unter 873 Schülern waren 239 jüdischer Abkunft. Städtische Lehrpersonen. An männlichen Lehrpersonen hat die Stadtgemeinde Wien im Oktober L905 2707 Männer und 1975 Frauen beschäftigt. Darunter waren 92 Juden und 62 Jüdinnen. Die Zahl der jüdischen Lehrpersonen geht allmählich, aber konsequent zurück. Von den 92 jüdischen Lehrern sind 3 Bürgerschuldirektoren, 4 Oberlehrer, 22 Bürger^ schullehrer, alle übrigen sind Volksschullehrer. Die jüdischen Lehrerinnen dagegen sind in ihrer Karriere nur bis zu Bürgerschullehrerinnen angelangt. Acht von ihnen haben diese Stufenleiter erreicht. Alle anderen blieben Volksschullehrerinnen. Die Kultusgemeinde Wien. Auch darüber gibt das Jahrbuch Aufschlüsse. Es erzählt, daß der jüdische Religionsunterricht in Wien von 95 Eeligionslehrern erteilt wird und im Jahre 1905 229.789 Kronen kostete, wozu der Bezirksschulfonds 36.508 Kronen beitrug. Es bestehen bereits 34 Bethausvereine, die Subventionen von 50.000 Kronen jährlich erhalten. Die Taufstatistik. Eine Statistik der Fahnenflüchtigen. Wir sehen nur die Ziffern, aber wir finden, nicht die Motive. Die sind so mannigfaltig, wie die Konfessionen, die den Zuwachs erhalten und wie die Berufe, denen die Renegaten angehören. Aber in eine bestimmte Konfession treten die meisten ein: konfessionslos ist ja heutzutage soviel wie jüdisch. Und man hat durch den Austritt eigentlich nichts erreicht. Im Jahre 1905 sind in Wien aus dem Judentum 577 Personen (im Jahre 1904 590) ausgetreten: 308 Männer und 269 Frauen. Nur 19 Personen sind konfessionslos geblieben, alle anderen haben eine Konfession angenommen, zumeist die katholische (283). Die Ausgetretenen sind zumeist Angehörige freier Berufe, höhere Angestellte im Handel und Studenten; öffentliche Beamte und Diener haben sich nur mit der spärlichen Zahl von 9 eingestellt. Wir sehen Väter, die ihren Kindern die Karriere nicht verderben und Mädchen, die sich versorgen wollen; es fängt aber auch schon bei den ganz jungen Leuten an, die sich von allem Anfang ihre Karrierezukunft sichern wollen. Von den Getauften steht die Majorität (277 Personen) im Alter zwischen 20—30 Jahren und gehört dem ledigen Stande an (226 Männer und 183 Mädchen.) In den Jahren 1901—1905 variiert die Zahl der Austritte zwischen 551 und 601. * So interessant auch diese Daten des Statistischen Jahrbuches bezüglich der Juden in Wien sein mögen, sie bleiben eigentlich nur ein Notbehelf. Ein Bild der sozialen Struktur unseres Volkes, seiner geistigen Produktivität und seiner wirtschaftlichen Bestrebungen geben sie nicht. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Und doch sind wir darauf angewiesen, daß antisemitische Behörden und staatliche Aemter für uns die Statistik besorgen, weil der geistige Horizont unserer Gemeindeführer und „Versorger" über die Schechitah und Mikwah nicht hinausgeht. Wir haben in Oesterreich reiche Judengemeinden, wir haben sogar einen Gemeindeverband (er schlafe sanft!), aber an ein statistisches Bureau denken sie nicht, wenn sie auch sonst zur „Bekämpfung des Antisemitismus" große Opfer nach ihrer Art bringen. Diese alten braven Leutchen vergessen aber, daß „die gute alte Zeit" längst verschwunden ist. L,