Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 41 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425708--0364-2426642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m&mmmmmmmm^mm NQUB MCiONAL-ZEiOJNG IX. JAHRGANG. JÜDiäCRPOUCISCRS WOCRSNSCRRIFC RBRAÜS6BB5R! DfS.R. LANDAU!! WIEN, 20. SEPTEMBER 1907. No. 41. Die Duden in IDien. Das soeben erschienene „Statistische Jahrbuch der Stadt Wien für das Jahr 1905" gibt nicht bloß ein sehr interessantes Bild der physischen -und. geistigen Entwicklung der im Kähmen der Keichshaupt- und Residenzstadt Wien ansässigen Juden. Vermöge der feinen Fäden, die Wien mit der ganzen Monarchie verbinden, vermöge der großen Anziehungskraft, welche die geistige und politische Zentrale des Reiches, die Pflegestätte von Kunst und Musik auf die ganze Monarchie ausübt, finden wir in Wien eine sehr zahlreiche fluktuierende jüdische Bevölkerung aus allen Teilen des Reiches. Die Statistik macht zwischen ihnen keinen Unterschied. Sie gibt uns nur Ziffern. Aber diese leblosen Ziffern enthalten in sich sehr oft tiefe und weise Lehren. Wir erfahren nicht nur die Anzahl der Geburten und Todesfälle, der Selbstmorde und Verbrechen, der Eheschließungen und Scheidungen, der Taufen und Abschiebungen, sondern auch die Frequenz der Mittel- und Hochschulen aller Branchen, wir entdecken sogar, daß es an einer Hochschule gar keinen Juden gibt, weil an dieser ein Jude garnicht aufgenommen wird. So schaffen uns die trockenen Ziffern doch einen tiefen Einblick in den Anteil der jüdischen Bevölkerung am Hochschulstudium, sie zeigen uns ihre moralische Widerstandskraft (Kriminalstatistik) und ihre Charakterfestigkeit (TaufStatistik). Wer sich über die Verhältnisse der Wiener Judengemeinde informieren, wer den Bildungsdrang der österreichischen Judenschaft beurteilen, wer schließlich die Lücken in der religiösen Erziehung und in der Praxis der Staatsgrundgesetze aufdecken will, ohne sich von bloßen Vermutungen leiten zu lassen, dem gibt das statistische Jahrbuch den nötigen Inhalt zur Hand. Eheschließungen und Geburten. Im Jahre 1905 wurden unter 16.756 Ehen 939 Judenehen nach mosaischem Ritus geschlossen. Beim Bürgermeisteramt sind überdies 105 Ehen geschlossen worden, von denen entweder beide Brautleute oder ein Teil jüdisch war. An Geburten haben die Juden unter 26.443 Knaben, 1507, unter 24.836 Mädchen 1448 aufzuweisen. Todesfälle und Selbstmorde. Im Jahre 1905 sind in Wien 2104 jüdische Personen gestorben; verhältnismäßig groß ist die Zahl der Todesfälle an Tuberkulose (289). An Selbstmorden zählt das Jahresbuch bei den Juden 47 auf. Hievon haben sich 16 Männer erschossen; 9 Frauen endigten durch Sprung in die Tiefe. Staatsbürgerschaft und Heimatsrecht. 857 Personen wurden in den Heimatsverband von Wien aufgenommen. (718 Personen im Jahre 1904). Unter den Bürgern von Wien, den „Grenadieren" Luegers, figuriert überhaupt die Rubrik „mosaisch" nicht. Es hat seit der Lueger-Wirtschaft kein einziger Jude in Wien das Bürgerrecht erhalten. Kriminalstatistik und Abschiebung. 222 Männer und 7 Frauen sind wegen verschiedener Verbrechen abgeurteilt worden. Das Hauptkontingent bilden die Verbrechen des Diebstahls und des Betruges. Roheitsdelikte, wie Mord, Kindesmord, Abtreibung der Leibesfrucht, Brandlegung sind nicht vorzufinden. Bei den Abschiebungen von Wien sind wohl das Geschlecht, Alter und Familienstand, aber nicht die Konfession angegeben. Bildungswesen. Ein klassisches Bild jüdischer Bildungsbestrebungen geben uns die Universität und die sonstigen Hochschulen in Wien. Wir finden unter 8107 Studenten an der k. k. Universität Wien im Wintersemester 1905/1906 1857 Juden. In der gleichen Zeit frequentierten die Technische Hochschule unter 2786 Hörern 720 Juden,