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Neue Nationalzeitung · 1907-09-13 · Heft 40 (13.9.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 40 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40 ^eue National-Zeitung« Seite 11 EUiLLEEÖN MORRIS ROSENFELD: Die weiften Schwefelquellen. (Eiue Reiseskizze.) Der Staat New-York ist, wie nur wenigbekannt sein dürfte, sehr reich an Schwefelquellen und sonstigen Heilwässern. Auch mir war das wenig bekannt. Erst mein Arzt, ein berühmter Nervenspezialist, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Nun bin ich hier im Bade, in den berühmten weißen Schwefelbädern von Siülivan Connty, etwa 2000 Fuß über dem Meere. Einige Meilen entfernt von hier liegt die Stadt Liberty mit ihren elenden Opfern der weißen Pest... Und wieder unweit ein Sanatorium für Schwindsüchtige. Beide Orte sind leider im Ghetto von New-York zu gut bekannt. Die Gegend ist wunderbar. Der Anblick der Natur und der imposanten Berge erfüllt mich mit einem stolzen Gefühle. Ich fühle mich erhaben über alle diese Städte mit ihren Intriguen und Eancunen. Ich denke an den schönen Vers Heines: »Auf die Berge will ich steigen Lachend auf euch niederschauen.« Allein, wenn man hier die Berge besteigt, dann lacht man nicht mehr. In allen Dorfhäusern findet man Brustkranke, die mit dem Tode ringen. Unglückliche, ihr habt die Berge zu spät bestiegen! Zu spät ist der Erdensohn von der verführerischen Zivilisation zur Mutter Natur zurückgekehrt. Sie empfängt ihn mit offenen Armen, sie fächert ihm balsamvollen Atem zu, sie erfrischt ihn mit ihren teuersten Gewürzen und wunderbarsten Düften: das kranke Kind kann das alles nicht mehr genießen. Die Berge können ihm das nicht mehr geben, was ihm die Sümpfe des Lebens genommen haben. So viele kommen in den Kurorten an in der Kutsche und kehren zurück im Kasten. Als ich hier in den weißen Schwefelbädern ankam, da glaubte ich in einem Paradiese zu sein. Dieses kleine Dorf blickte so zierlich hervor wie eine goldene Insel im grünen Meere. Die Häuschen glänzten zwischen den Bäumen wie Perlen, die man in die Haare flicht. Das Hotel, das mich beherbergen sollte, war von Leuten mit zufriedenen Gesichtern bewohnt. Die Männer saßen da mit ihren rauchenden Zigarren, die Damen waren von eleganten koketten Kleidchen umschlossen und atmeten Jugendfrischt: und Sommer. Es ist merkwürdig, wie leicht man in einem Kurorte miteinander bekannt wird. Kaum war ich nur einen halben Tag da und die meisten meiner neuen Nachbarn waren mir schon bekannt, ebenso ich ihnen. Und bald habe ich mich auch überzeugt, daß dieses schöne Gebäude mit den großen luftigen Sälen und mit den schön gekleideten Menschen ein Hospital ist. - Alle diese Gäste sind nervöse, gebrochene Menschen. Die schönen Damen und Mädchen erschrecken, wenn sie eine Fliege summen oder ein Blättchen rauschen L. Pilichowski: »AI chet« hören. Die Großstadt mit ihrem hastigen Leben hat ihre zarten Kräfte erschöpft. In einem verhältnismäßig viel ärgeren Zustande traf ich hier die Männer. Die Nervosität einer Frau ist noch lange nicht so böse, wie die eines Mannes. Denn er ist ja von der Natur geschaffen zum Helden, zum Kämpfer. Die Männer, die ich da vorfand, sind zumeist wohlsituierte Kaufleute. Aber sie haben zu viel gestrebt und gelebt; nun sitzen sie da und schweigen wie reuige Sünder. Sie warten, bis ihnen die Natur verzeihen wird, was sie an ihr verbrochen haben. Aber die Natur will niemandem was schenken. »Kaum hast du gegen die Natur verbrochen, Sie wird sich rächen mit wilder Gewalt. Sie zahlt dir später, zahlt sie auch nicht bald. Und mag es dauern Tage und Wochen, Der bösen Lust folgt die böse Strof. Süß der Anfang, bitter der Sof*).« Befolgen sie wenigstens die Ratschläge der Aerzte? Ruhen sie wenigstens hier? Aber nein! Das Hotel hat eine große Bibliothek und die Frauen verfolgen sehr gespannt die interessantesten Romane. Die Männer spielen Karten, rauchen, regen sich auf. Man schreibt eine Unmenge von Briefen und man erhält ebenfalls Briefe in Massen. Auch allerhand Zeitungen stehen hier zur Verfügung. Der moderne Todesengel, „Zivilisation" genannt, läuft seinen unglücklichen Opfern überall nach, er klammert sich an ihre Fersen und träufelt ihnen langsam sein Gift ein. Auch hier sind die Frauen Sklaven der traurigen Mode. Zu jeder Mahlzeit müssen sie ihre Toiletten wechseln, und auch hier wollen sie das Korsett, diesen Seelenpresser nicht vermissen.Selbstverständlich können Luft und Bäder ihre Wirkung nicht ganz tun. Die Kurgäste fahren nach Hause, wie sie gekommen sind. Was mich persönlich betrifft, so glaube ich, daß mir die Bäder sehr gut dienen. Wäre ich gesund hergekommen, so würde ich gewiß die herrlichen Gegenden von Sullivan besungen haben. Leider muß ich mich streng an die Vorschriften meines Arztes halten und jeder Aufregung aus dem Wege gehen. Allein es geht nicht so leicht, seine Gefühle zu beherrschen in dieser schönen Gegend, wo die Herrlichkeit der Natur und ihr heiliger Ernst unsere Seele mit Ehrfucht und Entzücken erfüllt. Meine Spaziergänge führten mich auf die einsamen, stillen Wege zwischen den Dörfern. Ich wählte dazu die Abendzeit zwischen dem Minchah- und Marib-Gebet. Ich höre auch, wie die Berge das Abendgebet verrichten und die Geister singen im Chor: „Amen". Hier, zwischen den Felsen erkenne ich die Schritte Gottes. Die Tauben murmeln, die Quellen rauschen und langsam steigt die *) Das Ende.

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