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Neue Nationalzeitung · 1907-09-13 · Heft 40 (13.9.1907) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 40 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 »Neue National-Zeitung« Nr. 40 Sonne von ihrer Höhe hinab, um zwischen den Schatten der mächtigen Eichen unterzugehen. Ein weißer, weicher Rauch dehnt sich wie ein Brautschleier über die Felder und Wiesen aus und bedeckt die Erde mit dünnem Tau. Hie und da höre ich noch ein Vöglein zwitschern, das sich zur Nachtruhe begibt, ein verirrtes Schaf trippelt unsicher dahin, eine Schlange springt erschreckt auf, um bald im Grase zu verschwinden. Im Sanatorium sehe ich bereits die Lichter brennen ... hiteratur. E. Kalischer: Aphorismen. Bonn, C. Georgis Verlag, 1907. Dieses Büchlein der Lebensweisheit, mit dem uns E. Kali scher, Rabbiner zu Bonn, erfreute, wird sicherlich von jedermann mit Freude immer und immer wieder gelesen und studiert werden. Es ist heute sehr beliebt worden, in kurzen Sätzen Gedanken und Erfahrungen zum Ausdrucke zu bringen, und geschieht dies in geistreicher Form, dann kann man mit unserem Verfasser in der Tat solche Aphorismen als »Phosphorismen«, »Lichtträger«, bezeichnen. In solchen kurzen, konzisen Sätzen hat nun Kai ischer seine Gedanken über Politik, Gesellschaft, Religion und Judentum niedergelegt. Menschen und Dinge betrachtet er mit der scharfen Brille eines klaren Verstandes und hellen Geistes. In der Tat, manche Sätze dieser Aphorismen sind wert, im Gedächtnisse behalten zu werden. Und wir sind überzeugt davon; es wird dies geschehen, man wird sie auch zitieren — aber ohne Angabe der Quelle. Wenn Kalischer in einem seiner »Aphorismen« sagt: »Viele meinen: Wie Kleider Leute machen, so machen Worte Gedanken«, so können wir auf ihn diesen Satz in umgekehrter Form anwenden, er macit nicht viele Worte, aber hinter diesen wenigen Worten bergen sich desto mehr Gedanken. Und so wollen wir denn aus diesen kurzen, kernigen Sätzen einige hervorheben, die sich mit der Religion im allgemeinen, mit dem Judentum im besonderen beschäftigen. Wer wird dem Verfasser nicht zustimmen, wenn er sagt: »Es ist ein Irrtum unserer-Tage, daß die Religion bloß auf Ethik hinauslaufe«. Wenn man mit Sittlichkeitsredensarten um sich wirft und glaubt, daß der Teeabguß moralischer Phrasen die Lehren der Religion ersetzt, ist man allerdings kein religiöser Mensch zu nennen. Wir Juden haben die Erfahrung gemacht, die Kali scher in dem Satze zum Ausdrucke bringt: »Unterdrückung beeinflußt den ästhetischen Sinn ungünstiger als den ethischen.« Daß eine der gefährlichsten Arten von Halbbildung die religiöse sei, wer wird dies wohl leugnen wollen? Welcher Jude weiß nicht die Wahrheit des Satzes zu schätzen: »Mancher Unsinn hat sein Leben auf tausend Jahre gebracht?« Ein Aphorisma, das einen ebenso wahren wie traurigen Gedanken zum Ausdrucke bringt, ist folgendes: »Die Faseleien von der neuen Religion, die aus der neuen Weltanschauung hervorgehen soll, kommen mir vor wie die Versprechungen der Alchimisten, Gold zu fabrizieren.« Wie man sieht, entbehren Kalischers Gedanken und Worte der Schärfe durchaus nicht. Ebenso wahr ist auch der folgende Satz: »Eine Religion, in der die einseitige Verständigkeit regiert, muß verdorren.« Und nun kommt ein Aphorisma, über dessen Inhalt auch von uns schon manches Wort gesprochen und geschrieben wurde: »In manchem heutigen Tempel geht es umgekehrt zu wie in Athen: dort war das Theater ein Heiligtum — hier ist das Heiligtum ein Theater.« Sehr traurig, aber auch wahr. Friedrich Delitzsch hat sich an unserem Judentum viel versündigt, wir glauben, unser Verfasser tut ihm kein Unrecht, wenn er von ihm sagt: er wolle »die Sünden der Enkel an den Großvätern rächen«. Auch unsere modernen Philosophen, Schopenhauer und Feuerbach, haben gerade nicht viel zur Verherrlichung des Judentums getan, vielmehr wo sie konnten, ihm einen oder mehrere Fußtritte versetzt. Kali scher sagt aber mit Recht: »Das Judentum besitzt so ungeheure Kraft, daß es selbst einen Feuerbach verdauen vermag.« Wie richtig werden doch die Kämpfe um die Religion und diese selbst durch folgende Worte gekennzeichnet: »Auch das Gebirgsland der Religion hat seine tätigen und seine erloschenen Vulkane«. Sehr richtig ist es, wenn vom Judentum gesagt wird: »Die Bibel ist der Ausgangspunkt des Judentums, nicht sein Zentrum«. Ein gutes Wortspiel besagt: »Die Herdenreligion soll zur Herdreligion und die Herdreligion zur Herzensreligion sich gestalten.« Wieviel haben wir Juden darunter zu leiden, daß wir und unsere Religion so wenig, selbst von großen Gelehrten und Universitätsprofessoren, gekannt werden? Daher sagt Kali scher mit Recht: »Seit 2000 Jahren fast leben die Juden unter den Christen und noch kennen diese sie nicht.« Auch die nachfolgenden Sätze kennzeichnen das Judentum vortrefflich: »Die jüdische Literatur hat kein vollendetes Drama hervorgebracht, die jüdische Geschichte dagegen ein umso großartigeres, von dessen letztem Akte wir noch weit entfernt sind.« Wissen wir nicht alle, wie sich der folgende Satz am Judentum gar oft bewährt: »Auf Bergen ward das Judentum geboren, auf Höhen muß es leben, in Niederungen verkommt es.« So scheiden wir von diesem Büchlein, das so viele Wahrheiten enthält, mit der Bemerkung, die auch als Aphorisma gelten kann: »Um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, bedarf es nicht einer Menge von Druckschwärze«. Nur eine kleine Blütenlese von diesem reichen Baume der Erkenntnis vermochten wir dem Leser darzubieten, denn wir wünschen mit dem Verfasser, daß die reifen und weichen Früchte, die hier geboten werden, gar vielen gut munden; freilich mancher wird sie herb finden. Denn es ist schon einmal das Kennzeichen der Wahrheit, daß das, was sie bietet, nicht immer süß schmeckt. Prof. Dr. M. Grünfeld. Zur Illustration. Wenn die polnische Presse und die polnischen Künstler von Pilichowski sprechen, so nennen sie ihn »nasz« (unser). Pilichowski ist aber weder Pole, noch polnischer Künstler. Er ist Jude und jüdischer Künstler. Seine Sujets entnimmt er ausschließlich dem jüdischen Leben. Sein »Laubhüttenfest«, »Andacht«, »AI Chet« sind Bilder aus dem polnisch-jüdischen Milieu und atmen echte Feiertagsstimmung im Ghetto; seine kollossale Leinwand »Unterwegs« schildert jüdische Auswanderer, die in einem Massenquartier zusammen gepfercht schlafen. Am letzten Zionistenkongreß hat Pilichowski die Ausschmückung des Kongreßsaales besorgt und dadurch sowie durch die Ausstellung seiner Bilder allgemeine Bewunderung erregt. Der Künstler lebt ständig in Paris; wir hoffen demnächst in Wien eine Ausstellung seiner Bilder zu sehen. Sammlung für. Morris Rosenfeld. Von E. K. in Holleschau 2 K. Briefkasten der Eedaktion. Neujahrs wünsche. Unser Herausgeber und die Redaktion danken herzlichst für die ihnen anläßlich des Neujahrs zugekommenen Glückwünsche. S. V. Von den drei genannten Herren ist uns bloß die Adresse des Herrn R. B. bekannt. Sie lautet: Berlin, Heilbronnerstraße 16. Maurice F. Wir sind leider nicht in der Lage, die Sache zu übernehmen, auch können wir Ihnen keinen besonders geeigneten Verlag empfehlen. eingesendet. Erste Wiener Teppich Leih- und Verkaufs-Anstalt p£T" neu eröffnet Wien, I., Krugerstraße Nr. 13. Es gelangen zum Verkaufe: Wirtschaftsteppiche, 200/300 ...... Persia, 200/300 ........... 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