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Neue Nationalzeitung · 1907-09-13 · Heft 40 (13.9.1907) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 40 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 »Neue National-Zeitung« Nr. 40 an den hohen Feiertagen nnd zwar insbesondere an den Neujahrstagen als Zeugen oder als Beschuldigte in Uebertretungsfallen vorladen. Laut einer Bestimmung der Zivilprozeßordnung kann niemand verhalten werden, an seinen Feiertagen vor Gericht zu erscheinen. Darauf wollen wir den Herrn Polizeipräsidenten besonders aufmerksam machen, und erwarten wir von dessen Loyalität, daß er an die Polizeikommissariate in diesem Sinne Weisungen ergehen läßt. Diese Vorladungen von Juden an den hohen Feiertagen geschehen sicher ohne sein Wissen. Hoffentlich werden schon zum bevorstehenden Versöhnungstage derlei Vorladungen nicht erfolgen und wird auch die Polizei die Gewissensbedenken der jüdischen Bürger künftighin zu würdigen wissen. Die Salzfourger Ferialkurse. Salzburg, den 10. September. (Orig.-Korr.) Seit mehreren Jahren finden hier im September F e r i a 1- Hochschulkurse statt, an denen Professoren der deutschen Universitäten Vorträge halten und die von der liberalen Prese wegen ihres „Liberalismus" und „Fortschrittes" über den grünen Klee gelobt werden. Als eine Probe, wie liberal die Teilnehmer dieser Kurse sind, stelle ich Ihnen einen kleinen Auszug aus einer Rede zur Verfügung, welche in einer mit diesen Kursen in Verbindung stehenden Wanderversammlung des „Zentralvereines deutscher Aerzte in Oesterreich" gestern gehalten wurde. Der Redner, ein Dr. Rudolf Bayer, leistete sich nachstehende Hetze gegen die jüdischen Aerzte : Es sei, sagte der Redner, ein Börsenmanöver, wenn vor der Wahl des noch immer einträglichen ärztlichen Berufes gewarnt werde. Die Deutschen lassen sich durch solche Warnungen abschrecken und machen — den Juden Platz, die in den letzten Jahren mehrmals vier Fünftel der Hörer der ersten Jahrgänge bildeten. Der Redner berief sich dabei auf einen hervorragenden Wiener Professor und auf die Statistik des Juristen Plewa, dessen Berechnungen die 40 Jahre von 1863 bis 1903 umfassen und da sie sich an die amtliche Statistik halten, nur eine Konfessions- und keine Rassenstatistik bilden. Im Jahre 1891 studierten an allen österreichischen Universitäten 6739 Hörer Medizin, von denen nahezu ein Drittel, nämlich 2097 Juden waren. Die Ziffer 2097 gegen 4642 Christen »verschlechterte« sich jedoch bedeutend im Laufe der Jahre. 1902 studierten dank der erwähnten Agitation nur mehr 2441 Hörer aller Universitäten Medizin. Die Zahl der jüdischen Mediziner fiel weitaus nicht in diesem Verhältnis. Besonders kraß kommt dies an der Wiener Universität zum Ausdruck. Die Juden bilden fast stets die Hälfte aller Mediziner aller Nationen. Wie viel da deutsche Arier zu zählen sind, ist leicht einzusehen; kaum ein Viertel. Die anderen drei Viertel rekrutieren sich aus Juden und anderen Nichtdeutschen. Dabei muß in Betracht gezogen werden, daß Wien vier Sechstel aller Mediziner stellt, mithin von allen, die in Oesterreich Medizin studieren, nur ein Sechstel deutsche Arier sind. Welches Mißverhältnis dies bedeutet, geht am besten daraus hervor, wenn man die Prozentzahlen vergleicht. Die Deutschen in Oesterreich machen 36 v. H. der Gesamtbevölkerung, die J u d e n 4'6 v. H. aus. Von den Medizinern aller Fakultäten stellen die Deutschen jedoch nur gegen 15 v. H., indes die J u d e n 41 v. H. ausmachen. Von allen A e r z t e n Oesterreichs zählen die Juden 30 v. H., also nahezu ein Drittel. An diese Daten schloß der Vortragende die Erwägung, welche Gefahren die Entdeutschung im besonderen und dieEntchristlichung des Aerztestandes im allgemeinen nach sich ziehen. Wird sich ein „liberales" Blatt finden, welches diese „statistischen" Leistungen in das richtige Licht rücken wird? Ein jüdischnationaler Landes verein. Lemberg, den 1. September. (Orig.-Korr.) Das Bestreben der jüdischnationalen Partei geht bekanntlich dahin, eine von der zionistischen Partei ganz unabhängige Landesorganisation zu schaffen, in deren ausschließliches Ressort die Fragen der inneren Politik gehören würden. Zu diesem Zwecke wurde ein über ganz Galizien sich erstreckender politischer Verein „Techiath Zion" in Lemberg gegründet. Die Statuten sind bereits von der Statthalterei am 30. Juli 1907, z. Z. 87.877 genehmigt worden. Den Zweck des Vereines bilden: Die politisch ökonomische Erziehung der breitesten jüdischen Bevölkerungsschichten Galiziens, die Verteidigung aller jüdischen Interessen, insbesondere der politischen und ökonomischen, die Wahrung aller den Juden als Staatsbürgern und Angehörigen der Kultusgemeinden zukommenden konfessionellen und politischen Eechte, schließlich die Pflege der Solidarität unter den galizischen Juden. Mitglied des Vereines kann jeder Jude werden, der im Genüsse politischer Rechte steht. Als Eintrittsgebühr haben die in Lemberg wohnhaften Mitglieder 5 Kronen, alle anderen 2 Kronen zu bezahlen. Für die Ersteren beträgt die Monatszahlung 2 Kronen, sonst 50 Heller. Wir erwarten von diesem Vereine eine sehr ersprießliche Tätigkeit im jüdischnationalen Geiste. Wir halten jedoch den Vereinsnamen für sehr inopportun. Er kann leicht irreführen und Verwechslungen mit der zionistischen Partei herbeiführen, was ja eigentlich durch die separate Organisation verhindert werden sollte. Dem Verein steht jetzt bei Beginn der Kampagne für die Landtags-Wahlreform eine wichtige Aufgabe bevor. Es wäre auch schon die höchste Zeit, daß die jüdische Nationalpartei für. die Wahlreform in den Kampf trete. —l— Deutsches Keich. Der Hilfsverein der Deutschen Juden. Berlin. Am 4. September fand unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" statt. Mit lebhaftem Beifall nahm der Ausschuß die Mitteilung des Geschäftsführers im Ehrenamt, des Herrn Dr. Paul Nathan entgegen, daß die Mitgliederzahl des Hilfsvereins von 13.000 am Ende des Jahres 1906 zur Zeit, also bis September 1907, auf 17.000 gestiegen ist. Die Ausbreitung des Hilfsvereins und die sich immer steigernden vielfältigen Aufgaben, die an ihn herantreten, lassen die Mitarbeit möglichst zahlreicher hervorragender und opferwilliger Persönlichkeiten aus allen Teilen Deutschlands als unumgänglich notwendig erscheinen. Demzufolge wurden für das Zentralkomitee 40 neue Mitglieder und für den geschäftsführenden Ausschuß drei Mitglieder in Vorschlag gebracht; diese einstimmig angenommenen Vorschläge werden dem Zentralkomitee unmittelbar zur Bestätigung vorgelegt werden. Herr Dr. Nathan gab einen Bericht über den Stand des Hilfswerks für die Opfer der Judenverfolgungen in Rumänien und Marokko. Weitere Mittel für diese Zwecke wurden für eventuelle Erfordernisse bereit gestellt. Die Hilfsaktion für die russischen Juden erfordert nach wie vor dauernd erhebliche Aufwendungen. In dieser Sitzung wurde die Subvention für die Auswandererherberge in Königsberg in Preußen, die unter Verwaltung des dortigen Schutzkomitees des Hilfsvereins steht, erhöht; die Subventionen für das Hilfskomitee für jüdische Auswanderer in Basel und für den jüdischen Volksverein in Berlin, die sich beide die Fürsorge für Auswanderer angelegen sein lassen, wurden erneuert; dem jüdischen Volksverein wurde außerdem ein einmaliger Beitrag von 200 Mark gewährt. Die jüdische Studentenkasse Esrath Achim in Zürich, die besonders infolge der noch immer tieftraurigeü wirtschaftlichen Lage des Zarenreiches durch russische Studenten sehr stark in Anspruch genommen wird, erhielt wie im Vorjahre 300 Franks.

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