Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 40 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 »Neue NaHonal-Zeltung« der Pflichten gegen ihr eigenes Volk endlich auch in Ungarn erinnern, sie müssen sich darüber klar werden, daß Ungarn kein magyarisches, sondern ein polyglottes Land ist, und daß auf die Dauer auch der Forderung der nicht magyarischen Nationalitäten nach Gleichberechtigung und Autonomie umso weniger widerstanden werden kann, wenn sie diesseits der Leitha zum Durchbruche gelangen. In keinem Teile der Monarchie ist eben ein System der nationalen oder ökonomischen Knechtung mehr möglich, und Ethik wie Selbsterhaltung gebieten daher unseren Volksgenossen in Ungarn, auch dort, die Fahne des jüdischen Nationalismus offen zu entrollen und als moderne Juden für die nationale, konfessionelle sowie wirtschaftliche Gleichberechtigung jenseits der Leitha einzutreten im Interesse der Juden Ungarns, und der Gesamtmonarchie. Die jludenmassakres in Odessa. Berlin, den 8. September. Auf 7 Telegramme, die der Hilfsverein der Deutschen Juden nach Odessa an verschiedene seiner Vertreter geschickt hatte, um über den dortigen Pogrom genaue Nachrichten zu erhalten, empfing er anfangs nicht eine einzige Antwort. Erst am Mittwoch Abend lief das folgende bezeichnende Telegramm ein: „Telegraphische Nachrichten zu geben, wird uns unmöglich gemacht, briefliche Mitteilungen folgen". Diese wenigen Worte sind für die Lage in Odessa außerordentlich bezeichnend. Sie beweisen, daß die Regierungsorgane so gut wie jede Kormunikation der schwer heimgesuchten Stadt mit der Außenwelt systematisch abzuschneiden versuchen. Für Kenner der Verhältnisse in Odessa unterlag es übrigens keinem Zweifel, daß man nunmehr mit neuen Pogromen zu rechnen haben wird. Daß der Baron K a u 1 b a r s, der Generalgouverneur von Odessa, ein Protektor des schwarzen Hundert ist, war seit langem bekannt, und obgleich der Ministerpräsident Stolypin einige schüchterne Versuche unternommen hatte, den General Kaulbars zu entfernen, so erwies sich dies doch bei der mächtigen Protektion, die der Generalgouverneur von Odessa genießt, als unmöglich. Diese Protektion beruht darauf, daß die Schwester des Generals Kaulbars, eine Gräfin Stackelberg, zu dem intimen Kreise der Kaiserin gehört, mit dem sie zusammen singt. Solange das Stadtoberhaupt von Odessa Grigoriew seines Amtes waltete, verhinderte dieser aufgeklärte und tatkräftige Mann die schlimmsten Ausschreitungen. Nachdem es gelungen war, ihn zu entfernen und durch einen Kiewer Gendarmerieoffizier Nowitzki, dem der schlechteste Ruf voranging, zu ersetzen, war man darauf gefaßt, daß neue Pogrome in Odessa ausbrechen und den Ruin der schon bisher schwer geschädigten Stadt weiter steigern würden. Grigoriew ist ar berufen, der neue Stadthauptmann Nowitzki noch nicht eingetroffen, so ist die Stadt Odessa in der Gewalt der schwarzen Hundertschaften. Daß diese Banden Herren der Stadt sind, zeigt folgender ausführlicher Bericht, der dem Hilfsverein über die Vorgänge zugeht. Jede Möglichkeit, auf telegraphischem Wege irgend welche Berichte über die Vorgänge der letzten Tage in Odessa zu übermitteln, war ausgeschlossen. Soweit sich die traurigen Vorgänge übersehen lassen, seien sie nachfolgend geschildert: Die bevorstehende Beerdigung des bei einer Bombenexplosion ums Leben gekommenen Polizeisekretärs Welbin vom Petropawlowski-Revier, die am Sonntag stattfinden sollte, rief eine Panik in der jüdischen Bevölkerung hervor, da man wußte, daß derartige Beerdigungen immer als Anlässe für Judenhetzen dienen. Die Befürchtung war nicht unbegründet. Als der Leichenzug sich von der Gradonatschalnitzeskastraße zum christlichen Friedhof bewegte, hörte in den entlegenen Stadtteilen jeder Verkehr auf. Zum Unglück fiel die Beerdigung mit der Gedenkfeier, der im Jahre 1905 während des Pogroms getöteten Juden zusammen. Die Juden, die sich zu dieser Feier auf den jüdischen Friedhof begaben, waren die ersten, die den Gewalttaten der sogenannten Gelbblusenmänner (Hooligans) zum Opfer fielen. Die Hooligans versuchten die Tore des jüdischen Friedhofes zu sprengen, und begannen bald auf die Juden loszuschießen, wobei ein gewisser Israel Sabsai getötet und eine ganze Anzahl anderer verwundet wurde. Der Getötete und die Verwundeten wurden in das jüdische Krankenhaus gebracht. Auch dorthin schickten die Hooligans ihnen Schüsse nach. Die Kugeln flogen durch das Fenster des Krankenhauses. Zu gleicher Zeit begannen auf dem Jolkutzymarkt Ausschreitungen der schwersten Art. Dort wurde kein Mensch verschont. Ein alter, 66jähriger Jude, namens Hirsch Siegelmann, wurde mit Kautschukknütteln grausam geschlagen, und als er niederfiel, trat man Füßen auf ihn herum. Dort wurden auch die Juden Lewitin, Isak Kohn, Abraham Loyew sowie viele andere durch Messerstiche verwundet. Die Polizei blieb völlig untätig. Der stellvertretende Polizeimeister Kislakowski begab sich zwar in das jüdische Krankenhaus, wo er die Verwundeten und ihre Angehörigen zu beruhigen suchte und besichtigte auch die Leichen der Getöteten Sabsai und Sandler, aber er tat nichts, um dem Pogrom selbst ein Ende zu machen. Das Schießen auf den Straßen dauerte noch bis 11 Uhr nachts an. Gestern morgens setzten die Gelbblusenmänner ihre Greueltaten fort. Schon am frühen Morgen sprang eine Gruppe Hooligans in den Straßenbahnwagen auf der Linie Togowaja- Malorossiyska und fiel über die dort befindlichen Juden her. Nach der Beerdigung der Schutzleute, die bei der Explosion getötet worden waren, verteilten sich die Hooligans in kleine Gruppen und zogen in alle Teile der Stadt, Auf der Prochorowskastraße hörte man bereits Schüsse fallen. Bald wurden vier Juden mit Schußwunden ins jüdische Krankenhaus gebracht. Die Hooligans passierten ungestört die Preobraschenskastraße und gelangten in die Hauptstraßen Odessas, Richelienska und Deribassowska. Ueberall auf ihrem Wege mißhandelten und verwundeten sie die Juden, die ihnen in den Weg kamen. Auch Läden und Wohnungen blieben nicht verschont. Sie zerschlugen Fensterscheiben, zerstörten Ladeneinrichtungen und schössen auf die Leute, die sich in den Läden zu verbergen suchten. Der Obsthändler Barbalat wurde dabei schwer verwundet, ebenso ein christlicher Buchhalter namens Dobrowolski, den man irrtümlich für einen Juden hielt. Ins jüdische Krankenhaus wurde ferner eine Anzahl Juden gebracht, die Brandwunden aufwiesen, so Wolf Polokow, Perzachis, Samuel Jachiz und andere. Einen erschütternden Eindruck machte im Krankenhause die Einlieferung der* verwundeten Kinder, vier Knaben und Mädchen von vier bis acht Jahren. Die Polizei ließ die Hooligans ruhig ihre ruchlose Arbeit verrichten. An einigen Orten gab sie sich den Anschein, als suche sie die Hooligans zu zerstreuen, sie ließ sie aber sofort wieder zu, daß sie sich an derselben Stelle wieder versammelten. Der stellvertretende Stadthauptmann Nabokow bat den Rabbiner Dr. Awinowitzki, der bei ihm über die Greueltaten Klage führte, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen und ihr zu erklären, er habe die energischesten Maßnahmen getroffen, um solche »vereinzelte« Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Als ob er von all dem Furchtbaren, was geschehen, keine Ahnung hätte, bat er gleichzeitig, der Rabbiner möchte ihm (dem stellvertretenden Stadthauptmann), über die Vorgänge Berichte liefern. Auch am Dienstag und Mittwoch dauerten die Ruhestörungen fort. An diesem Tage wurden die kleinen Judengäßchen vom Mob schwer heimgesucht. Die Militärpatrouillen standen bei den Untaten dabei, ohne einzuschreiten. In einer Synagoge im Stadtteil Moldawanka wurden sämtliche Fenster zertrümmert. Die Zahl der Opfer läßt sich noch nicht feststellen. Die Unruhen dauern noch immer an. Aus den Außenvierteln der Stadt flüchtet die jüdische Bevölkerung in das Innere, wo sie mehr Schutz zu finden hofft. Bei der völligen Untätigkeit der Behörden werden für die Rosch-Haschonatage die schwersten Befürchtungen gehegt. Hoffentlich gelingt es durch die Entrüstung der öffentlichen Meinung Europas die russischen Behörden an ihre Pflicht zu mahnen. * Dem Hilfsverein der Deutschen Juden geht folgendes Telegramm aus Odessa zu, aus dem hervorgeht, daß die Stadt noch immer unter der Schreckensherrschaft des schwarzen Hundert steht. Odessa, den 8. September. Die Mißhandlungen von Juden dauern, wenn auch nicht mehr in früherem Umfange, an. Man hört auch fortgesetzt noch vereinzeltes Schießen; des nachts ist die Unsicherheit noch außerordentlich groß. Die Börse ist geschlossen, die Kaufmannschaft mißtraut der jetzigen Verwaltung und wartet die Ankunft des neuen Stadthauptmanns Nowitzki ab. Der Verband des russischen Volkes ist kühner als je, er fordert -alle Juden auf, wenn sie der bevorstehenden fürchterlichen Vergeltung entgehen wollen, sich mit ihren Lehrern und Rabbinern in den Synagogen zu versammeln, öffentlich Buße zu tun, die jüdische Intelligenz zu verfluchen, die unerreichbaren Träume der Gleichberechtigung aufzugeben und sich zu einem Judenverband für Aufrechterhaltung der unbeschränkten Selbstherrschaft zusammenzuschließen. Interview mit dein Gendarmerie-General Nowicki. Ein Redakteur des Petersburger »Ruß« hat den General N o w i c k i, der aus Kiew nach Odessa abgeht, um dort als