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Neue Nationalzeitung · 1907-09-13 · Heft 40 (13.9.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 40 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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^Nf.MÖ »Neue National-2eitung« Seite 5 Dr. H. KADISCH: Die antisemitisdie Bewegung in Ungarn. Die wieder eröffneten Verhandlungen zwischen den Ministerien der beiden Reichshälften betreffs Erneuerung des „Ausgleiches" lenken auch die Aufmerksamkeit auf die i n 11 e rp oli tischeLageUngarns. Diese gestaltet sich von Tag zu Tag trostloser, besonders für die ungarisch en Juden. Das nun Vj2 Jahre am Ruder sich befindliche Regime der magyarischen Koalition steht am Anfang vom Ende seiner Herrlichkeit. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das Koalitionsministerium Wekerle-Kossuth-Zichy vom Schauplatz verschwindet, die magyarisch-chauvinistisch-klerikal-antisemitische Reichstagsmajorität in Trümmer geht und hiermit auch die Allein herrschaft der magyarischen Oligarchie den Todesstoß erhält. Die Krise, die sich jetzt in Ungarn vorbereitet, iStudie schwerste seit der 40jährigen dualistischen Epoche; denn nicht eine Minister- und Parlamentskrise allein, sondern eine Verfassungskrise ist in Sicht! Zuspitzung der nationalen Gegensätze, wachsender Antisemitismus und Sozialismus sind die Vorzeichen! Nicht der alte Kampf der magyarischen Bourgeoisieparteien, der dualistischen 1867er und der personalunionistischen 1848 er, der Klerikalen und Liberalen allein, ist das Kennzeichnende der politischen Situation, sondern in erster Linie der Ansturm der unterdrückten nichtmagy arisch en Nationalitäten und der ausgebeuteten besitzlosen Klassen, der Aufmarsch der ungarischen deutschen Volkspartei, der rumänischen Nationalpartei in Südungarn und in Siebenbürgen, der slowakischen Nationalpartei, sowie der rutheni sehen Nationalisten in Oberüngarn, der internationalen Sozialdemokraten*) .und klerikal-antisemitischen Christlichsozialen im gesamten Lande. Alle diese Gruppen, soweit sie auch in politischer und ökonomischer Hinsicht auseinander gehen, sind einig im Kampfe gegen das kapitalistische assimilatorische Judentum, die Budapester Machthaber, und gegen den Kossuthismus, sowie im Streben nach Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes in Ungarn. Dieses Wahlrecht würde die kossuthische Mehrheit des ungarischen Reichstages hinwegfegen und zirka 200 deutsche, slowakische, ruthenische, rumänische, serbische, kroatische, sowie sozialdemokratische Abgeordnete hineinbringen, schließlich auch eine sehr große Zahl von antisemitischen christlichsozialen Klerikalen. Darum sträuben sich die meisten magyarischen Politiker gegen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. Bloß e i n T e il der Volksparteiler, welcher das untergehende Schiff der magyarischen Koalition verlassen will, tritt plötzlich für die Einführung desselben ein, weil er hofft, mit Hilfe der christlich-sozialantisemitischen Propaganda und durch ein Bündnis mit den Nicht magyaren bei den nächsten Wahlen große Erfolge zu erringen. Bereits jetzt hat ein Flügel der Volkspartei das christlich-soziale Banner entrollt und arbeitet mit allen Mitteln an der Entwurzelung der bisher noch mit ihr im Koalitionsverbande stehenden Kossuthisten. Welche große Erfolge die christlich-sozial-klerikale Propaganda in Ungarn bereits gezeitigt hat, bewies der so imposant besuchte Fünf kir chner Katholikentag, dem auch die ungarischen Minister Graf Zichy und Graf *) Die Sozialdemokratie bat bereits ein sehr aggressives Manifest gegen die Koalition erlassen und kündet eine Massenagitation in ganz Ungarn, sowie den Generalstreik für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht an. Apponyi beiwohnten. Die magyarische Volkspartei arbeitet eben ganz nach dem Muster der westösterreichischen Christlichsozialen und wird ebenso wie diese die Erbschaft des extremen Nationalismus antreten. Die ungarischen Juden aber, welche noch immer ganz im Schlepptau der magyarischen Chauvinisten und Separatisten sich befinden, haben hypnotisiert von den nationalistischen Phrasen der Kossuthisten, ihnen zur Macht verholten. Heute ist bereits die angebliche „demokratische" Unabhängigkeitspartei unter Führung Kossuths derart vom chauvinistischantisemitischen Geiste inficiert,- daß selbst der Austritt der Volkspartei aus der Koalition an deren reaktionärer Gesinnung nichts mehr ändern würde. Darum wächst, auch im magyarischen Mittel - und Arbeiterstande stündlich die Erbitterung gegen die Regierung und Regierungspartei, nachdem ihre gesamte Tätigkeit in politischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht direkt volksfeindlich ist und ausschließlich dem magyarischen Adels interesse dient. Die Schulen werden klerikalisiert und magyarisiert, die Preß-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit gegen alle oppositionellen Elemente aufs drakonischste gehandhabt; bei Besetzung von Stellen herrscht die ärgste Protektionswirtschaft, (ja es wird die Beilegung von Taufscheinen vielfach gefordert), und in ökonomischer Hinsicht wirft die erschreckend um sich greifende Auswanderung ein Streiflicht auf die sozialen Verhältnisse des Landes. Anstatt einer gesunden Wirtschaftspolitik wird aber von den magyarischen Chauvinisten beständig die Hetze gegen Oesterreich, gegen Deutsche, Slawen und Rumänen kultiviert und zur Abwechslung werden jetzt auch Judenpogrome immer ungescheuter gepredigt! Die magyarischen Ultras übersehen, daß auf diese Weise gerade sie das Land einer Katastrophe zutreiben. Ihre Politik führt direkt nach Debreezin; von dort nach Vilagos ist nicht mehr weit! Heute wird bereits in Kroatien der Ruf: „Los von Ungarn" immer lauter! Die in Kroatien stärkste Partei, die Reine Rechtspartei unter Führung des Abgeordneten Dr. Frank, betrachtet Kroatien überhaupt als keinen Teil Ungarns, sondern als einen Ungarn gleichberechtigten Faktor der Habsburger-Monarchie; sie erstrebt demgemäß die Aufhebung des Dualismus und eine (Kroatien, Slawonien, Dalmatien, Bosnien, Herzegowina) seine Autonomie sowie Vereinigung sichernde föderative Gestaltung des Gesamtreiches. Während also auf der ganzen Linie unter allen Nationalitäten und Klassen die Schlachtreihen organisiert werden, um für alle Fälle gerüstet zu sein, herrscht unter den ungarischen Juden eine vollständige Desorganisation, ein komplettes Chaos. Sozial und religiös in sich zerklüftet, durch die Assimilation ihrem Volke entfremdet, sind sie durch Förderung der wahnwitzigen Magy arisierungsbestrebungen in allen deutschen, slawischen und rumänischen Gebieten angefeindet und gelten den Nichtmagyaren nun als Sündenbock des magyarischen Chauvinismus. Ungarn und die ungarischen Juden stehen also vor einer Katastrophe, wenn sie nicht in zwölfter Stunde einlenken. Den Wahn eines von Oesterreich getrennten zentralistischen magyarischen Nationalstaates mit allen seinen törichten Konsequenzen in sprachlicher, politischer und ökonomischer Hinsicht, muß die magyarische Minderheit in Ungarn endlich fallen lassen und insbesondere die ungarischen Juden müssen die schmachvolle Rolle, dieser Minorität in der brutalsten Vergewaltigung der deutsch slawisch-rumänischen Majorität Schergendienste zu leisten, aufgeben. Die Juden müssen sich

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