Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-09-13 · Heft 40 (13.9.1907) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 40 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425707--0353-2426630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 40 »Neue NaMonal-Zeitung« Seite 3 Leute auch für ihre Aeinter die nötige Vorbildung besitzen, das ist ihnen gleichgiltig. Dreizehn Männer sitzen im Kuratorium der israel.-theologischen Lehranstalt und keiner versteht es, daß ein Rabbiner auch das Eherecht kennen muß! Und so ist es gekommen, daß in einer Wiener Synagoge eine Ehe „nach dem Gesetze Mosis und Israels" geschlossen wurde, die das mosaische Gesetz als Blutschande verwirft. L. PROFESSOR Dr. SLOUSCH (PARIS.) Die Juden in Marokko. Auf die Katastrophen von Rußland sind die von Rumänien gefolgt. Nach Rumänien kam Marokko. Und leider ist es immer unsere Rasse, das alte Israel, das zuerst den Zeiten des Ueberganges und dem Regimewechsel zum Opfer fällt. Dieses Land der untergehenden Sonne, mit dem sich die öffentliche Meinung seit Jahren beschäftigt, ist trotzdem am wenigsten gekannt und am wenigsten verstanden. Und noch weniger sind die Verhältnisse seiner Juden bekannt, die in diesem Lande verhältnismäßig sehr zahlreich und einflußreich, bisher von den Meistern der jüdischen Geschichte vernachlässigt wurden. Diese Geschichte, deren erste Grundlinien zu zeichnen mir die „wissenschaftliche Mission von Marokko" zur Aufgabe gemacht hat, ist ungemein lehrreich. Eine Reise, die ich im vergangenenJahre durch Nordafrika gemacht habe, hat mich in die Lage versetzt, die Physiognomie und den etnischen Charakter der afrikanischen Juden im allgemeinen, und der marokkanischen insbesondere eingehender aufzuklären. Ich fand in erster Linie, daß die Bezeichnung „marokkanischer Jude" vollständig unbegründet ist. In Wirklichkeit, und ich nehme für mich das Recht in Anspruch, dies zuerst aufgeklärt zu haben, finden wir in diesem Lande mit seiner Rivalität der Rassen und den sozialen Milieus par excellence vier etnische und soziale Elemente unter den Juden, hervorgegangen aus den vier großen Etappen, welche die marokkanischen Juden bisher zurückgelegt haben. 1. Vorerst fallen uns, zwar nicht durch ihr numerisches Gewicht, aber jedenfalls durch ihre historische Bedeutung, die Judenberber, auf jene Nachkommen der alten jüdischen Ureinwohner, welche nicht nur zahlreiche Verfolgungen überlebt haben, sondern auch jeder Assimilation mit den eingewanderten Glaubensgenossen aus dem Wege gegangen sind. Ihre Zahl ist allerdings nicht groß, aber es steht fest, daß sie die Majorität der Juden in den Blad-es-Siba bilden, das ist in jenen Gebieten, wo der Sultan lediglich als geistiges Oberhaupt, aber nicht als Herrscher anerkannt wird. Die letzten Epigonen einer Rasse, die einst berühmt war, die unter den Byzantinern eine hervorragende religiöse und politische Rolle gespielt und unter den Arabern bis nach dem Süden ihre Einflußsphäre erstreckt hat, leben diese Juden heute vom Handwerk und vom Kleinhandel. Sie sprechen arabisch und berberisch. Sie sind die einzigen Nichtmuselmänner, die in den Gebieten des Blad-es-Siba frei verkehren dürfen. Unter diesen Juden findet man noch eine Fraktion der Nomadenstämme (Behuzim), die von den anderen Juden nicht mehr als Gläubige anerkannt werden — so einfach und beschränkt sind sie. 2. Neben diesen Judenberbern finden wir in den Bergen des Atlas und des Rif auch jüdische Fellachen, die auf der Scholle sitzen, und einen berberischen Dialekt „Chleuh" sprechen. Diese Juden, die gleichfalls Ureinwohner sind, haben vor dem arabischen Einbruch den Boden besessen, den sie jetzt bebauen. Doch von ihren Herren und Meistern, den Muselmännern, wurden sie zu Heloten herabgedrückt, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich unter den Schutz der berberischen Herren zu stellen. Ihr materielles und moralisches Niveau ist sehr beklagenswert. Schon durch ihre Kleidung und Sitten unterscheiden sie sich von anderen Juden. Uebrigens bekennen sie den Cult der Marabiten. 3. Bedeutungsvoller ist das j ü d i s c h - a r a b i s c h e Element. Hieher gehören die Nachkommen der Einwohner der alten byzantinischen und römischen Städte, die zu verschiedenen Zeiten von spanischen und asiatischen Flüchtlingen aufgesucht wurden. Sie bildeten in Marokko den Mittelstand, hier monopolisierten sie den Handel, die Künste und die freien Berufe. Im Mittelalter hatten sie zahlreiche hervorragende Gelehrte aufzuweisen wie Juda Jbn R o i r a c h, H a y o u d j, A1 f a s s i und andere. Die Judäoaraber wohnen in Fes, in allen Städten des Innern und in den südlichen Häfen. Trotz ihres Aberglaubens und ihrer arabischen Sitten, sind sie eine sehr begabte und intelligente Rasse. Sie halten fest zum Judentum und zur jüdischen Vergangenheit. Doch das hindert die spanischen Juden nicht, sie „Forosteros", Fremde, Nichtjuden zu nennen. 4. Die an der westlichen Küste (Tanger, Casablanca u. s. w.) wohnenden Juden gehören zur jüdischspaniolischen Gruppe. Sie zählen 40—50.000 Seelen. Sie haben sich in Marokko nie recht akklimatisiert; ihre Sprache ist die spaniolische, ihre Sitten sind europäisch. Wie alle Völker am Mittelländischen Meer besitzen sie eine überraschende Assimilationsfähigkeit; sie sind geistig sehr beweglich, besitzen aber weniger Religiosität, und noch weniger Nationalgefühl. Die Araber wissen sehr gu<", daß diese spaniolischen Juden bestimmt sind, in der modernen Entwicklung Marokkos eine große Rolle zu spielen. Sie scheinen auch fest entschlossen zu sein, die Juden ihre Emanzipation teuer bezahlen zu lassen. Was sich jetzt in Casablanca begibt, könnte sich morgen in Rabat und Mazagan wiederholen, wenn nicht die nötigen Präventivmaßregeln ergriffen werden. Die Muselmänner wissen ganz genau, daß sie ihr Spiel nicht mehr lange treiben werden. Und so suchen sie ihre Rache an den Juden, den Opfern jeder Revolution, zu kühlen. Und das jüdische Zwölfmillionenvolk betrachtet voll Beklemmung und Hilflosigkeit diese schrecklichen Vorgänge, die vielleicht die Agonie des afrikanischen Judentums, des am meisten individuellen und am besten konservierten, bedeuten. Düster und traurig ist ihre nahe Zukunft. Die meisten Städte im Innern stehen vor der Gefahr der Vernichtung und höchstens die kleinen Niederlassungen der Judenberber werden verschont bleiben. Nicht mehr fern ist die Zeit, wo der Zionismus auch für die Juden in Marokko von aktueller Bedeutung sein wird. Die Bilderstürmer uon hemberg.*) Der Ruthenenprozeß ist zu Ende. Ruthenenprozeß nannte man diese Farce! Fiel doch kaum ein schwaches, zitterndes Streiflicht in den düsteren Wiener Schwurgerichtssaal, in dem die sechzehn ruthenischen Studenten als Angeklagte saßen, ein Streiflicht, das den Verzweiflungskampf des ruthenischen Volkes beleuchtet hätte, das sich aufbäumt gegen Willkür und Unterjochung, das die Fesseln abzustreifen sucht, die ihm Unkultur und Verdummung angelegt haben! Und tauchte so ein Lichtschein, wie aus einer Blendlaterne brechend, auf, dessen *) Wir verdanken diesen Artikel einem hervorragenden Journalisten, der dem Prozesse beigewohnt hat. Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.