Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 39 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 «eue National-Zeitung« Seite 11 BEUiLLECON Jüdische Komiker. Drei Vorzüge kann man uns Juden nicht abstreiten, wenn man im Abstreiten von jüdischen Vorzügen auch noch so Großes und noch so Stattliches leisten mag, drei Vorzüge inhaltsschwer: Familiensinn, Gemüt und Humor, zumindest Sinn für Humor. Was jüdische Väter für ihre Kinder tun, mit welcher Sorgfalt und Liebe jüdische Mütter ihre Kinder umgeben, welch prächtiges Beispiel die Tochter an der sorgsam und unermüdlich schaffenden Mutter, der jüdischen Mutter findet — darauf kann das Judentum wahrhaft stolz sein. Stolz sein auf das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder einer einzigen Familie, stolz sein auf die Gefühle, die der Bruder der Schwester, die Schwester dem Bruder entgegenbringt. Denn tief im Herzen des jüdischen Volkes wurzelt die Familie. Und wenn auch die Behauptung, bei anderen Konfessionen gebe es keinen Familiensinn, einfach lächerlich wäre, so kann man doch andererseits wieder ruhig erklären, es gebe dort keinen derart ausgeprägten, derart wunderbar lieblichen Familiensinn wie bei den Juden. Und dann das Gemüt, dann der Humor. Ein Jude war es, der einst der Welt zeigte, wie Gemüt und Humor im Judentum wunderbar vereint sind, ein Jude, der es wohl nicht bis zu seinem Lebensende blieb, der aber das Judentum in seinem Inneren nie verleugnen konnte: Heinrich Heine. Als Lazarus auf der Matratzengruft, dessen Bild so traurig in die Seele der Gegenwärt geprägt ist, bewies er gleichsam zum letztenmale, welch herrliche Früchte jüdisches Gemüt und jüdischer Humor zu zeitigen vermögen. Und welche Stätte wäre geeigneter, diese Vorzüge des Judentums den Mitbürgern vor Augen zu führen, als die Bühne und sei es auch nur die Varietöbühne? Tatsächlich gibt es seit einer Reihe von Jahren ausgesprochen jüdische Varietes, die jüdische Stücke zur Aufführung bringen, die jüdischen Komikern Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Kräfte geben. Und erst jüngst hat ein jüdischer Komiker, der Besten einer, Proben einer Vielseitigkeit und Gewandtheit gegeben, die beweisen, daß der jüdische Komiker Großes leisten kann: Geza Steinhart, der aus Budapest nach Wien in das Wiener ,.Budapester Orpheunr' verpflanzte Humorist, der mit einer so gesunden und natürlichen vis comica ausgestattet ist, daß sich ihr niemand entziehen kann. Wir haben jüngst Gelegenheit genommen, mit Geza Steinhart über verschiedene, die jüdische Komik betreffende Fragen zu plaudern. In Gesellschaft seiner jungen Gattin, des Direktors Lechner und des lebensprühenden Komikers Max Rott, des Lieblings der Leopoldstädter Grazien, treffen wir Steinhart, der sich die Sympathien des Orpheumpublikums so rasch zu erringen wußte. Wir gehen sofort in medias res über und fragen ihn, ob er die Vorwürfe, die von vielen Seiten gegen das Genre erhoben werden, für begründet hält. „Sie kennen ja die Vorwürfe", fügen wir hinzu. „Man sagt, daß das jüdische Variete den Juden nur als Wollüstling und Wucherer zeigt, auf die guten Seiten der Juden aber viel zu wenig Rücksicht nimmt". „Es zeigt den Juden in seinen Schwächen und in seinen Vorzügen", erwidert rasch Steinhart. „Es zeigt vor allem den jüdischen Humor und den jüdischen Witz. Und ebensowenig wie etwa das jüdische Lozele", das seinen Weg bis zu den Bureaus einflußreicher Bankdirektoren und von hier zu Fürstenhöfen nimmt, dem Judentum schadet, ebensowenig tut dies das Variete, das auch die jüdische Schlagfertigkeit, den jüdischen Geist beweist. In den Mikos-Witzen wurde der Ungar oft als — sagen wir — „schwer begreifend" dargestellt. Haben Sie je davon gehört, daß man im jüdischen Variete einen dummen Juden zeigte? Und dann noch etwas! Hat nicht die französische Komödie den Ehebruch auf die Bühne gebracht? Und doch wird es selbstverständlich niemandem einfallen, den Franzosen Verrat ihrer Nation, Franzosenschädigung vorzuwerfen, weil sie von Zeit zu Zeit am Beispiele einer unglücklichen Ehe dem Publikum vor Augen führen, zu welchen Konsequenzen Unverträglichkeit und Unverstaud führt. Der jüdische Komiker, der oft die Schwächen der Juden geißelt, (nur um zu bessern) zeigt viel öfter den guten Juden. Der gute Jude tritt bei diesen Rollen immer und überall hervor. Da geben wir jetzt z. B. eine Posse „Ein seltener Scheidungsgrund". Ein Hausierer, der von seiner rücksichtslosen Frau gequält wird, der das Ehejoch schwer seufzend trägt. Und doch ist das ganze Sinnen und Trachten dieses Hausierers nur darauf gerichtet, ein jüngeres Paar, bei dem sich eben zum ersten Male Ehedifferenzen und Divergenzen melden, vor Uneinigkeit zu warnen, das Paar zu versöhnen. Das ist wieder ein jüdischer Charakterzug kat' exochen. ,Wenn ich es schon nicht gut haben kann, so soll es meinem jüdischen Bruder wenigstens besser gehen.' So könnte man durch viele Stunden den Nachweis führen, daß das Judentum in der Hauptsache an diesem Variete keinen .schlechten Anwalt hat." Max Rott, der in seinen jungen Jahren kreuz und quer durch große und kleine Städte Reisen unternahm, verweist wieder auf die Freude, die der jüdische Komiker besonders in den kleinen ungarischen Städten weckt. Der kleine jüdische Bürger, der Abend für Abend in seinen vier Wänden verbringt, betrachtet den Tag, der ihm die jüdische Gesellschaft in das Dorf führte, als Festtag. Der jüdische Komiker erzählt, wie der Großstädter denkt und lebt und der Kleinstädter, der oft mit der Enge des Daseins hadert, findet schließlich, daß es daheim wirklich am besten. Das hat ihn unter Lachen der jüdische Komiker gelehrt." „Sie halten also das jüdische Variete für eine Art Kulturfaktor der Provinz?" fragen wir lächelnd. Und Max Rott erwidert mit der ernstesten Miene von der Welt, in der man sich nicht langweilt: „Aber für einen „Humorfaktor ersten Ranges." * * * THEKLA BLECH: Der ewige UJanderer. Gar manche Wege ging mein Fuß Und manche Gegend mußt' ich schauen, Dort, wo der Aetna mit glühendem Kuß Versengt die sonnenfrohesten Gauen. Der Pole eiserstarrtes Feld Hab' ich mit müdem Gang durchschritten, — Auf meinem Leidensweg durch die Welt Hab' ich noch immer nicht ausgelitten. Mein Haar ist weiß und fahl mein Gesicht, Mein Schattenbegleiter — Todesgrauen, Ich seh' erlöschen das Lebenslicht Im Aug' der allerschönsten Frauen. Und Männer seh' ich, lebensrot Und voller Kraft noch diese Stunde, — Ich weiß, es hat sie ein früher Tod Berührt mit seinem kalten Munde.