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Neue Nationalzeitung · 1907-09-06 · Heft 39 (6.9.1907) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 39 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 »Nene National-Zeltung« Nr. 39 Schon bin ich eine Ewigkeit Gewandelt so durch Welt und Zeiten Und sah der Menschheit Lust und Leid In Nichts und Nacht hinuntergleiten, ---Da war's, als ob aus dem ewigen Meer Ein müder, weher Sang erklinge: »Ein Stamm, ruhlos und freudenleer Besteht im Wechsel aller Dinge.« Nun leuchtet mir durch Qual und Pein, Daß ich noch einst Erlösung finde, Und wenn ich mich im Gnadenhain Tief in Verzweiflung vor IHM winde, Dann rauschen mir die Cedern zu, Im Abendglanz, dem heilig stillen: Dir werd' ich geben Fried' und Ruh' Um dieses eines Stammes willen. fTlorris Rosenfeld. Der angeblich erblindete Dichter, über den so vielfache widerspruchsvolle Nachrichten jüngst in die Oeffentlichkeit gedrungen sind, befindet sich derzeit in einem Sanatorium bei New-York. Die Kosten dieser Kur werden von wohlhabenden Anhängern seines Genies bestritten. Rosenfeld ist sehr krank, es ist aber die Hoffnung, daß er genesen wird, nicht ausgeschlossen. Auch die Befürchtuug, daß seine Schaffenskraft ganz erschöpft ist. scheint übertrieben zu sein. Wir werden in einer der nächsten Nummern eine Reiseskizze veröffentlichen, die Rosenfeld im SanatorhinQ geschrieben hat. Für Morris Ro-senfeld sind bei unserer Administration aus Podwotosczyska eingegangen: Von D. B. Kohn 2 K, von Juda Perlmutter 1 K, von Chaim Ehrlich sen. 1 K, von Paul Horowitz 1 K, zusammen 5 K. Zeitschriften-Rundschau. Probleme im modernen Judentum. In der bekannten Monatschrift »Preußische Jahrbücher« veröffentlicht Dr. Emil Cohn einen lehrreichen Aufsatz »Probleme im modernen Judentum«. Dieses Thema war bereits Gegenstand eines Vortrages, den Dr. Cohn gehalten hat; es erscheinen jedoch im Aufsatze manche Gedanken vertieft und stylistisch verfeinert. Der Verfasser erklärt in seiner Einleitung, daß die »Probleme im modernen Judentum« eigentlich »das Problem des modernen Judentums« sind. Dieses Problem erscheint nach seiner Auffassung in drei Probleme gebrochen: 1. im jüdischen Wirtschaftsproblem, 2. im jüdischen Kulturproblem, 3. im jüdischen Individualitätsproblem. Er meint dann, daß »die erste Emanzipation der Juden, welche in Frankreich stattfand, eine Emanzipation aus rein logischer-Konsequenz undnicht aus dem Wunsch und Willen der Massen heraus« war, eine Ansicht, die sehr originell ist, aber bereits vor zehn Jahren von Nordau ausgesprochen wurde. Packend ist die Art und Weise, wie dieser Berliner Jude, der selbst ein Produkt deutscher Kultur ist, und nicht etwa »vom Osten« herstammt, das Assimilantentum abfertigt. Diese Stellen sind die besten des ganzen Essays. »Der moderne deutsche Assimilationsjude ist ein Kind der Reform. Er ist also aus der Halbheit geboren, und Halbheit charakterisiert ihn. Charakterisiert ihn umso sicherer, als seine bürgerliche Stellung auch nur eine halbe ist. Mit vorzüglichen Gaben und einem Ueberschuß an idealem Streben ausgestattet, ist er doch aus den heterogensten Elementen zusammengesetzt und kann nicht zu einer geschlossenen Lebensanschauung gelangen. Da ihm, vor allem dem Gebildeten, die meisten Berufe verschlossen sind, muß die Wahl des Berufes bei ihm fast immer aus materiellen Gründen erfolgen. Infolge dessen ist sein Idealismus meist gezwungen, sich auf anderen Linien zu bewegen als seine Praxis. Selten verlegt sich dieser Idealismus auf das politische Leben, da die politische Lage der Juden kaum geeignet ist, seine idealen Bedürfnisse zu befriedigen, garnicht seinen Ehrgeiz. Die Parteien suchen ihn sogar möglichst abzuschütteln, eine Tatsache, die sich bereits bis in. die Sozialdemokratie bemerkbar macht .... Wenn irgend etwas einen moralischen Wert der Assimilationstheorie hätte beweisen können, wären es nicht die Katastrophen der letzten drei Jahrzehnte gewesen? Und wenn irgendwie der Typus der Assimilanten eine Rechtfertigung hätte erfahren können, hätte er sich hier nicht bewähren müssen? Kein besserer Prüfstein für die ethische ..Befähigung, einer Gemeinschaft als die Zeit der tiefsten Erniedrigung und Not. Keine bessere Gewähr für die Richtigkeit einer ideellen Entwicklung der Vergangenheit, als wenn die Produkte dieser Entwicklung, die Menschen der Gegenwart, dem Leide des Tages gewachsen sind. Die Gegenwart zeugt immer für die Vergangenheit. Daher kann die Probe auf das Exempel, das uns die Assimilation im 19. Jahrhundert vorgerechnet hat, nur in einer Frage bestehen: Wie reagiert der moderne Jude auf die schweren Tatsachen der Gegenwart? Hier beginnt der Bankrott der Assimilation. Um es mit einem Satze zu kennzeichnen: der moderne Assimilationsjude reagiert auf die hundert wirtschaftlichen Katastrophen, die über die Judenheit hereingebrochen sind, als auf hundert einzelne Tatsachen. Ihm ist die Fähigkeit abhanden gekommen, in hundert Wiederholungen Tendenz, und Symptom zu erblicken. Daß er vor zwei Menschenaltern einmal nur praktisch war und diese Praxis, tausendjährigen Idealen zum Trotz, zum einzigen Fundament seiner geistigen Weiterentwicklung gemacht hat, hat zur Folge gehabt, daß er heute den Blick verloren hat, der über praktische Rücksichten hinausgeht und ein historisches Problem historisch zu erfassen vermag. Er sieht den Antisemitismus und setzt ihm die »Abwehr des Antisemitismus« entgegen. Er sieht das östliche Judenelend und setzt ihm die Hilfsaktion entgegen, die trotz des bewunderungswürdigsten Umfanges und trotz der größten materiellen Opfer der Einzelnen doch den Stempel der Wohltätigkeit trägt und tragen muß. Er sieht eben nur momentanes Elend und kann darum nur momentan helfen und auch d.xS nicht einmal. Der Antisemitismus besteht trotz der Abwehr, das Judenelend trotz aller Hilfsaktionen. Und angesichts dieses verzweifelten Zustandes steht dem Assimilationsjuden nur ein Gedanke über den Dingen. Das ist das alte Humanitätsideal: der Fortschritt der Menschheit. BeL dem Glauben an diesen Fortschritt beruhigt er sich und — wartet. Es ist ja die Mission des Judentums, als stummer Zeuge zu warten. Hält man seinem gefährlichen Optimismus den Antisemitismus entgegen, so antwortet er, daß die Menschheit im Wege einer wellenförmigen Kurve fortschreite, die zwar Hoch- und Tiefpunkte habe, aber dennoch im Mittel einer ansteigenden Linie gleiche. Er weiß nicht, daß die Kurve heute unter die Abscisse der Kreuzzüge gesunken ist*. Ihm fehlt der historische Sinn dafür. Der Fortschritt ist ihm der einzige feste Punkt. Er hat eben nicht die moralische Kraft, den Fortschritt der Menschheit in seinen Armen zu spüren und muß sich daher die eigene sittliche Impotenz durch ein Ideal hinwegspekulieren, das nichts kostet und nichts nützt, wenn es nicht von den arbeitswilligen Händen lebensstarker Männer getragen wird.« Die Dumawalileii. . Das jiddische »Tagblatt« in Warschau beschäftigt sich in seinem letzten »Wochenblatt« mit der Frage »Wen sollen die Juden in die Duma schicken?« Der Artikel verficht den Standpunkt, daß die Juden sich energisch zusammenschließen müssen, um die Wahl einiger ernster, unerschrockener Männer in die Duma durchzusetzen. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Duma haben die jüdischen Abgeordneten geschwiegen; der Sozialist Dr. Mandelberg hatte keine anderen Sorgen, als die Bekämpfung der Cheders. Nicht Programme, sondern die Personen müssen in Betracht gezogen werden; die gewählten Juden müssen den Mut finden, in der Duma offen und entschieden als Juden aufzutreten. Als entsprechende Kandidaten werden Dr. Grusen berg, Achad-Haam und Dr. Ratner in erster Linie empfohlen. eingesendet. mm --jg^ ^KBERBBSM

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