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Neue Nationalzeitung · 1907-09-06 · Heft 39 (6.9.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 39 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39 »Neue National-Zeitung« Seite 9 Herrn Bennet, der als offizieller Abgesandter eine Auszeichnug nicht annehmen darf, einen Orden für seine Fran. Von Konstantinopel begab sich Herr Bennet nach Bukarest, wo er vom König und den Ministern der Auswärtigen Angelegenheiten und des Innern empfangen wurde. Der Minister des Innern gab ihm ein Empfehlungsschreiben an die Präfekten der aufzusuchenden Städte. Da die Aufgabe der Kommission darin besteht, die Ursachen der Auswanderung zu ergründen, so mußten die Delegierten sich mit den Auswanderern, deren materielle, soziale und politische Lage sie kennen lernen wollten, in Verbindung setzen. Herr Bennet richtete naturgemäß seine Aufmerksamkeit auf den jüdischen Teil der Bevölkerung, weil dieser allein das Kontingent für die Auswanderung nach Amerika stellt. Herr Bennet besuchte zuerst die Stadt Jassy, wo er alle aus den Dörfern Vertriebenen, die zumeist nach Amerika gehen wollen, befragte. Von Jassy begab sich Herr Bennet nach T. Frumss und Podul-Iloici. Der Maire von Podul- Iloici erklärte Herrn Bennet, daß alle Juden, die in dieser kleinen Stadt sich nach 1904 niedergelassen haben, ausgewiesen werden, wenn sie nicht eine x\ufenthaltserlaubnis für die ländlichen Gemeinden erhielten. In Botosani unterhielt sich Herr Bennet viele Stunden lang mit den vom flachen Lande Vertriebenen und mit den Auswanderungsanwärtern. Die Kommissionsmitglieder erkundigten sich nach dem Schicksal der Leute, nach ihren Absichten und nach den Namen der Verwandten, die sie in Amerika haben. Die Delegierten wohnten auch der Verteilung der Unterstützungsgelder an die im vergangenen Frühjahr Geschädigten bei. Nachmittags besuchten sie die armen jüdischen Stadtviertel, namentlich den Stadtteil Calicimei, der die meiste Zerstörung aufzuweisen hat. Die Herren Bennet und Fischberg traten in mehrere Häuser ein und waren lebhaft bewegt von dem elenden Zustand, in dem sich die Bewohner befanden. Herr Bennet spendete 125 Frcs. zur Verteilung von Brot an die Armen, die er besucht hatte." Ein Antisemit über die rumänischen Judengrcuel. Jassy, Ende August. (Orig.-Korr.) Unter dem Titel „A.C. C u z a,derL andesverräter" bringt der hiesige „L i b e r a 1 u 1" einen langen Artikel, worin eine Versammlungsrede des Parlamentskandidaten Cuza wörtlich reproduziert wird. Herr Cuza hat aus der Schule geplauscht, er hat mit brutaler Offenheit die Schliche seiner Genossen dargelegt. Und das treibt die antisemitische Presse zur Raserei. Sie stempelt plötzlich den Judenhetzer zum Landesverräter. Seine Rede lautete: „All die klugen Politiker, denen die Wohlfahrt des Landes und die Interessen des rumänischen Volkes am Herzen liegen, sind darin einig, daß wir die Juden in unserem Lande nur als rechtlosesten er träger dulden können und dulden müssen. Würden wir diese fremde Rasse der Gleichberechtigung teilhaftig werden lassen, hieße es nichts anderes, als das rumänische Volk in Ketten legen, und es der jüdischen Bevölkerung auf Gnade und Ungnade ausliefern, (sie!) Wir preisen die Güte, daß das übrige Europa unsere außergewöhnlichen Zustände bloß aus der Ferne zu betrachten sich begnügt, denn es wäre für uns geradezu verhängnisvoll, wollten die Signatarmächte heute Miene machen, uns auf die Erfüllung des Berliner Vertrages zu drängen . . . Schon im Jahre 1879 waren wir in Gefahr, als uns das „philosemitische" Europa die Früchte unseres, auf den Schlachtfeldern Bulgariens mit unserem Blute*) erkauften Sieges nur unter der Bedingung zugestehen wollten, daß wir auch den Juden des Landes gleiche Rechte gewähren! Damals haben wir diese gefährliche Klippe zu umschiffen gewußt, und uns durch teures Geld freie Hand im Spiele erkauft. Wir haben selbst die Pläne des großen Bismarck durchkreuzt, wenn wir auch zu diesem Zweck schwere Milliarden zum Ankauf der Eisenbahnen hergeben mußten! Unser Zweck war erreicht — Bismarck und die jüdischen Finanziers waren überrumpelt! Allein damals konnten wir unser Vorhaben durchsetzen, weil wir genau wußten, daß man auch im mächtigen Zarenreiche über die Judenfrage nicht anderen Sinnes ist als wir, und damals war Rußland die tonangebende Macht, welche im europäischen Konzerte die erste Geige spielte. Heute stehen die Dinge ganz anders, heute sind die damaligen Zeiten längst entschwunden . . . tempi passati; der Kurs in Rußland ist ein anderer geworden, die Duma hat den Antrag auf Gleichberechtigung der Juden im Prinzip angenommen, und eben deshalb ist nunmehr unser Standpunkt in dieser Frage ein umso schwierigerer! Der Judenpunkt ist heute unser wunder Punkt... Wir sind ein kleines, schwaches Volk, kaum 6 Millionen Seelen, wir sind verarmt und haben keine Milliarden mehr Europa in den Schlund zu werfen, so daß wir, wenn die auf dem Berliner Kongreß vom Jahre 1878 vertretenen Großmächte (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Oesterreich-Ungarn, Rußland und die Türkei) heute ernstlich Miene machen würden, auf die im Vertrage fixierten Forderungen zu bestehen, keinen Ausweg mehr finden würden, sondern nolens volens den Wünschen Europas Rechnung tragen müßten! . . . Selbst auf Rußland, das klassische Land des Pogroms, könnten wir nicht mehr als unser Vorbild hinweisen, denn heute istunserLand daseinzige in ganz Europa, wo die Juden unter Ausnahmsgesetzen leben, wo sie jahraus, jahrein immer mehr entrechtet, erniedrigt und verfolgt werden, wo ihnen eine Erwerbsquelle nach der anderen verschlossen, wo sie aus den Dörfern und Marktflecken verjagt, und wenn sie nicht den Mund halten, über die Grenze gejagt werden! . . . Und weil wir eben heute einzig in Europa dastehen, die wir den Juden gegenüber Blutgewalt und Schwindelpolitik treiben, so könnte es für uns sehr gefährlich werden, wenn die Großmächte den fortwährenden Klagen und Protesten der jüdischen Bourgeoisie Gehör schenken würden! Heute würden wir einem Drucke von außen unbedingt unterliegen müssen, denn Europa weiß uns jetzt nach den außergewöhnlichen Zuständen in den Märztagen genügend einzuschätzen; die Unruhen haben uns demaskiert und trotz des 40jährigen Regierungsjubiläums haben wir uns vor der gesamten gesitteten Welt schmählich blamiert! Und wenn wir nun die Frage auf werfen: Worin besteht jetzt unser Interesse?, so liegt die Antwort auf der Hand: Wenigstens 20 bis 30 Jahre darf die Judenfrage vor der europäischen Diplomatie nicht aufgerollt werden . . . Erst nach Ablauf dieser Zeit werden wir ein starkes, mächtiges Volk sein und nicht einmal Tod und Teufel fürchten!" „Liberalul" schließt seinen Artikel mit folgenden Worten: „Wir können alle herzlich froh sein, daß dieser Landesverräter A. C. Cuza, der bei den letzten Parlamentswahlen alle Anstrengungen machte, um als Sieger hervorzugehen, vor den Toren des Parlaments liegen geblieben ist!" W— *) Gemäß dem statistischen Militärberichte vom Jahre 1879 haben mehrere tausende jüdische Soldaten auf den Schlachtfeldern Bulgariens ihr Leben gelassen. (Anmerk. d. Korr.)

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