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Neue Nationalzeitung · 1907-09-06 · Heft 39 (6.9.1907) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 39 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite S »Neue National-Zeitung« Nr. 39 solches aufzuheben. Ich werde die Tore fortnehmen und das Quartier gesundheitlich umgestalten. Ich wünsche außerdem durch die Israeliten selbst Reformen einzuführen. Ich bitte Sie deshalb, mir über folgende 4 Punkte Bericht zu geben : 1. Schaffung einer israelitischen Gemeindeverwaltung, 2. Herstellung von Beziehungen zwischen der Gemeindeverwaltung und der städtischen Zentralverwaltung, 3. Hygienische Vorschriften für den Mellah, 4. Einrichtung einer Polizei.« Auf meine Frage nach der künftigen Lage der Israeliten erwiderte der Kommandant: »Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge kann ich Ihnen unmöglich darüber Auskunft geben. Wenn die Stämme sich unterwerfen, wird der Ausfuhrhandel wieder beginnen, werden die Ladeninhaber und Kaufleute wieder Geschäfte machen. Wenn aber der Kriegszustand andauert, so werden die Armen sich als Arbeiter verdingen müssen, junge Leute werden als Dolmetscher und als Angestellte in den zahlreichen Vorratshäusern dienen können. Unter allen Umständen rechnen wir sehr auf die israelitische Bevölkerung. Ich wiederhole einen Gemeinplatz, wenn ich sage, daß sie sehr nützliche Hilfskräfte zwischen den Arabern und uns abgeben können. Wir fühlen dies heute schon. Sie dienen uns als Dolmetscher und für allerhand Auskünfte. Ich bin überzeugt, daß unter der Okkupation und mit Hilfe Ihrer Schulen die Gemeinde sich umgestalten wird. Unsere hygienischen Vorschriften und unsere Polizei werden in dem Mellah Sauberkeit, Ordnung, gute Haltung, Arbeit schaffen und der Besuch der Europäer wird die Bewohner aufrütteln und allmählich ihre Gewohnheiten umgestalten«. Ich besuchte auch den Ceneral Drude. Der General empfing mich sehr schlicht. Er sagte mir, daß er von dem Werk der Alliance wohl gehört habe, sie aber nicht genau kenne. »Ich hoffe«, fügte er hinzu, »lange genug hierzubleiben, um die Wiedereröffnung ihrer Schulen zu sehen«. Auf die Frage nach dem Eindruck, den die hiesigen Israeliten auf ihn gemacht hätten, erwiderte er: »Ich habe Israeliten sehr wenig gesehen. Da ich Tag und Nacht auf dem Felde sein mußte, bin ich noch nicht zur Stadt gekommen. Indessen sehe ich doch die Flüchtlinge, die tagtäglich nach Casablanca zurückkehren. Sie schienen mir klug und geweckt«. Und wie wird sich die Lage der Israeliten gestalten? »Darüber fragen Sie mi:h nicht. Ich habe mit den militärischen Operationen zu tun und überlasse die Sorge für die Reorganisation der Stadt dem Kommandanten Mangin. Seien Sie überzeugt, daß er alles zu ihrer Verbesserung tun wird. Ich persönlich bin überzeugt, daß die Israeliten durch die Okkupation nur gewinnen können. Die Araber werden ihre Anmaßlichkeit den Israeliten gegenüber ebenso wie gegenüber den Europäern verlieren. Nach Beendigung der europäischen Operation wird der Handel sicher einen großen Aufschwung nehmen, und dabei »Verden die Israeliten natürlich als Vermittler zwischen Arabi-rn und Europäern dienen«. Ein Brief des Herrn Pisa an Herrn Mangin. Herrn Platzkommandanten Mangin. Der Scheich der Israeliten teilt mir soeben mit, daß Sie von Israeliten Arbeit am Sabbath verlangt haben. Diese armen Leute sind gewiß geneigt, auf Ihren Befehl mit dem besten Willen von der Welt zu arbeiten. Aber dem Glauben ihrer Väter treu ergeben, würden Sie das Gefühl haben, ein Sakrileg zu begehen, wenn Sie am Sabbath arbeiteten. Ich bitte Sie deshalb, Herr Kommandant, im Namen der Ideen der Toleranz, zu deren vornehmsten Vertreter Frankreich sich durch die Jahrhunderte gemacht hat, Ihren israelitischen Arbeitern gütigst gestatten zu wollen, daß sie am S a b b a t h ruhen. Ich verspreche Ihnen, daß sie ihrer Aufgabe mit Eifer an allen anderen Tagen der Woche nachkommen werden. I s. Pisa. Darauf erhielt Herr Pisa zur Antwort, daß Befehl gegeben sei, wonach die Israeliten am Sabbath nicht mehr zu arbeiten brauchen. Frankreich. Anfruf der A. I. II. Paris. Die „Alliance Isr. Universelle" erläßt nachstehenden Aufruf: Werter Herr und Glaubensgenosse! Sie haben bereits aus den Blättern von den Raub-, Mord- und Brandszenen in Casablanca erfahren. Nach den uns von unseren Vertretern in dieser Stadt zugekommenen Nachrichten haben sich dort Ereignisse von erschütternder Tragik abgespielt: 30 Juden ermordet, 60 verwundet und davon die meisten hoffnungslos, 250 Frauen, Mädchen und Kinder von den Kabylen geraubt; das Judenviertel geplündert und gebrandschatzt; eine Bevölkerung von 4000 bis 5000 Menschen, preisgegeben dem ärgsten Elend, ohne Brot und ohne Arbeit. Angesichts dieser schrecklichen Sachlage hat die Alliance ihre Bevollmächtigten, die Schulleiter, beauftragt, die dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Es werden Nahrungsmittel und Kleider verteilt; die Kranken und Verwundeten werden gepflegt und versorgt. Diese Unterstützung wird solange nötig sein, bis die Ruhe wieder hergestellt sein wird. Dann müssen wir den Juden helfen, ihre niedergebrannten Häuser wieder aufzubauen, ihren Herd wieder aufzurichten und, wenn es geht, ihre Frauen und Kinder aus der Sklaverei loszukaufen. Die Ereignisse von Casablanca haben auch auf Mazagan, Rabat, Mogador und Tanger ihren Rückschlag nicht verfehlt; überall sind hunderte Familien dem Elende preisgegeben, durch den Stillstand des Handelsverkehrs und das Gespenst der Metzeleien; auch hier müssen wir helfen. Dazu benötigen wir bedeutende Mittel. Zu jeder Zeit und jedesmal, wenn über die jüdische Bevölkerung eine Katastrophe hereingebrochen, sind wir ihr zu Hilfe geeilt; die jetzigen Umstände machen uns dies zur gebieterischen Pflicht. Wir hoffen, daß der Edelmut unserer Glaubensgenossen uns in die Lage versetzen wird, auch diesmal diesen armen, so schwer geprüften Leuten beizustehen. N. Leven, Präsident m. p. Die Alliance Israelite Universelle hat ihrem Vertreter in Casablanca eine weitere Summe von 15.000 Francs für die notleidenden Juden in dieser Stadt überwiesen. Rumänien. Die amerikanische Einwanderungskominission in Rumänien. Bukarest. Die Delegierten der großen amerikanischen Einwanderungskommission haben sich hier auf das genaueste über die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ursachen informiert, die die Israeliten Rumäniens zur Auswanderung treiben. Die Kommissionsmitglieder haben das Land verlassen, überrascht und tiefergriffen von dem, was sie gesehen und gehört haben. Man darf wohl annehmen, daß die Mitglieder der Kommission Aufklärung gefanden haben über alle die Unbilden, denen die Juden dieses Landes ausgesetzt sind. Der Präsident der Kommission, Herr Bennet, hat sein Bedauern ausgesprochen^ daß seine amtliche Stellang ihm nicht gestatte, seine Eindrücke und Gefühle in der Presse darzulegen. Der Bukarester „Adeverul" bringt folgende Auslassung über die amerikanische Kommission: „Der Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika hat im Hinblick auf ein vorzubereitendes Einwanderungsgesetz eine Kommission aus seiner Mitte beauftragt, sich nach Europa zu begeben und die Ursachen der Auswanderung zu erforschen. Die Kommission besteht aus 19 Deputierten, von denen jeder einen Dolmetsch und vier Stenographen zur Seite hat. Die Kommission hat sich über ganz Europa verbreitet. Für Italien, die Türkei, Kleinasien, Griechenland, Bulgarien und Rumänien hat die Kommission Herrn W. S. Bennet republikanischen Abgeordneten in Washington und Epitropos der presbyterianischen Kirche in New-York entsandt. Sein Dolmetsch ist Herr Dr. Maurice Fischberg. Herr Bennet hat damit begonnen, Italien in allen Teilen zu besuchen. Danach hat er sich nach Bosnien, Serbien, Bulgarien, Makedonien, Griechenland, Palästina, Syrien begeben und in Konstantinopel Aufenthalt genommen. Hier wurde Herr Bennet vom Sultan in Audienz empfangen. Der Sultan übergab ihm einen eigenhändigen Brief für den Präsidenten Roosevelt und überreichte

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