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Neue Nationalzeitung · 1907-09-06 · Heft 39 (6.9.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 39 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 39 »Neue National-Zeltung« Seite 7 Literatur und für P e r e z selbst. Ein zahlreiches Publikum füllte den großen Saal im „Dum Narodny", in welchem Perez seine Vorlesung hielt. Ein Beifallsstum begrüßte den Dichter, der sich nach seinen glänzenden Darbietungen noch steigerte. J. L. Perez ist im jüdischen Volke viel populärer, als wir glaubten. Ein paar Plakate genügten, um einen Massenbesuch des Abends herbeizuführen. — Am Bahnhofe hatten sich zur Begrüßung zahlreiche Freunde und Verehrer des Dichters eingefunden. Darunter auch die Abgeordneten Adolf Stand und Dr. Gabel. Als der Dichter den Perron verließ, wurde er mit stürmischen Heddad-Rufen begrüßt. Die Vorlesung selbst dauerte zwei Stunden und erregte das lebhafteste Interesse des Publikums. In der Pause ergriff Abgeordneter Adolf Stand das Wort, um den werten Gast nochmals zu begrüßen. Er betonte, daß, wenn auch, wie allbekannt, Perez der zionistischen Partei nicht angehöre, wir ihn doch aufrichtig feiern, weil wir seine Leistungen hoch einzuschätzen wissen. „Der Zionismus," fährt Eedner fort, „kennt keine engherzigen Doktrinen. Seine Horizonte sind breit und umfassen das Judentum in allen seinen Perioden. Für die Zionisten ist jeder teuer und ehrenwert, der zur Bereicherung und Ausgestaltung des nationalen Vermögens beiträgt, wer etwas positives schafft. Und wenn auch Perez formell der zionistischen Partei nicht angehört, so zählen wir ihn doch zu den Unsrigen!" Bei dem anschließenden Kommers sprachen mehrere Redner, n. a. aach Dr. Malz, Schiller, und in hebräischer Sprache Herr Torczyner aus Wien. Dann antwortete Perez in einfachen, rührenden Worten. Er komme aus einem Lande, wo jüdisches Blut oft in den Straßen fließt. Die Erschütterung des Volkslebens hat auch die Grundlagen der jüdischen Kultur erschüttert, wenigstens anscheinend. Er freue sich also zu sehen, wie in einem anderen Zentrum des jüdischen Golus ein nationales Leben im Blühen-begriffen ist. Der Dichter meinte weiter: „Selbstverständlich kann eine volle jüdische Einheit nur auf einem einheitlichen jüdischen Territorium erst erzielt werden. Aber schon jetzt sollen die Judenheiten verschiedener Länder eine engere Verbindurg untereinander unterhalten, und so erhebe ich mein Glas auf das Gedeihen der nationalen Einheit aller Juden!" Im intimen Kreise unterhielt sich der Dichter bis zum Morgengrauen. J. L. Perez hat hier den besten Eindruck zurückgelassen und hoffentlich auch — mitgenommen. M. K—n. Der „Czas" über den Zionismus. Krakau, Ende August. (Orig.-Korr.) Der sozialistische Moniteur „Naprzöd" ist aus dem Häuschen geraten, weil das konservative Tagblatt „Czas" in einem sehr würdevollen und sachlichen Leitartikel „Die zionistische Bewegung", dessen Verfasser (S.) über alle Vorgänge sehr orientiert zu sein scheint, den Zionistenkongreß im Haag behandelt hat. Der Leitartikelschreiber des »Naprzöd" ist ganz entsetzt. Er wittert plötzlich einen Umschwung der jüdischnationalen Politik in Galizien, er sieht schon das Gespenst des Eintrittes des jüdischen Klubs in den Polenklub und da er auch das Gras wachsen hört, so rauscht ihm schon eine Allianz der Juden mit den Stanczyken in den Ohren. Der Arme! Daß er nur nicht von einem Verfolgungswahn ergriffen werde. Er tröstet sich übrigens selbst. Die Jüdischnationalen haben dank der Unbeholfenheit ihrer hiesigen Führer einige hundert Stimmen für Dr. Groß abkommandiert, damit dieser „unabhängige" jüdische Kandidat nicht in die Stichwahl komme und so sind für sie nur 123 Stimmen übrig geblieben. Der „Naprzöd8 nennt nun diese Partei eine „eins zwei-drei"-Partei und meint, entzückt über diesen schönen Witz, mit einer solchen Partei wollten sich nun die Stanczyken verbinden. Und das alles, weil der „Czas" trotz politischer Gegnerschaft einen sachlichen Artikel über die Bestrebungen und die Entwicklung des Zionismus in den letzten 10 Jahren geschrieben hat. Allerdings der „Naprzöd" hat sich noch nie bemüht, seine Leser über den Zionismus sachlich zu informieren. Im Artikel des „C z a s" sind besonders nachstehende Zeilen, die die Herren vom „Naprzöd" sehr genieren. „Im Laufe seiner zehnjährigen Existenz hat es der politische Zionismus verstanden, nicht nur die öffentliche Meinung der Völker und Staaten zu beschäftigen, sondern er wurde auch zu einem politischen Faktor, mit dem heute die Diplomatie und die Regierungen ernstlich rechnen." Dann folgen drei große Spalten sachlicher Auseinandersetzungen über die praktische Arbeit in Palästina, das zionistische Programm, die Kolonialbank, die zionistische Presse usw. — Das ist mehr, als die beschränkten Köpfe, die in dem Zionismus eine Geschäftsstörung erblicken, vertragen können! Sie haben den Kongreß — verschwiegen. Schrecklich! Deutsches Reich. Sammlungen für Casablanca. Berlin. Das deutsche Bureau der „Alliance Israelite Universelle" versendet einen sehr rührenden Aufruf für die marokkanischen Juden. Auf dem Aufrufe figurieren Geheimer Komerzienrath Goidberger und Herr Charles Hallgarten. Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle (Berlin N24, Oranienburger Straße 42/43) vermittelt die Ueberleitung der Spenden nach Marokko. Auf Grund der Nachrichten, die der „Hilfsverein der Deutschen Juden" aus Casablanca erhalten hat, beschloß der geschäftsführende Ausschuß, 5000 Frcs. zunächst für Unterstützungszwecke den dortigen notleidenden Glaubensgenossen zur Verfügung zu stellen. Die nötigen Verbindungen für eine zweckmäßige und zuverlässige Verteilung der Gelder sind hergestellt. Die Juden in Casablanca. Berlin. Von dem Deutschen Bureau der „Alliance Israelite Universelle werden folgende Berichte des nach Casablanca mit Lebensmitteln entsandten Vertreters der Alliance veröffentlicht: Casablanca, 18. August Ich habe die Ehre, Ihnen eine Unterredung zu melden, die ich mit dem Platzkommandanten M a n g i n und dem General Drude, dem Kommandeur der Besatzungstruppen, über die Lage unserer Glaubensgenossen gehabt habe. Ich besuchte zuerst den Kommandanten Mangin. »Die Israeliten«, erklärte er mir, sind durch die jüngsten Vorkommnisse heimgesucht worden. Sie kennen die Verluste, die sie erlitten haben. Zahlreiche ehrenhafte Familien sind ins Elend gebracht worden, damit einige Spitzbuben sich durch Plünderung bereichern konnten. Ich war am ersten Tage im jüdischen Viertel (Mellah) und habe es mir angesehen. Es hat mich in hohem Maße interessiert. Ich habe keinerlei Vorurteil, denn ich kann mir recht gut erklären, wie Jahrhunderte der Unterdrückung die dortige Bevölkerung erniedrigt und ihr den Anschein der Heuchelei gegeben haben. Ich fühle Mitleid und Teilnahme. In den ersten Tagen nach der Besetzung mußte ich streng sein. Ich habe die Männer zu harten Arbeitsleistungen herangezogen, zur Totenbestattung, zur Straßenreinigung. Das war unumgänglich, denn in der Stadt gab es keine Araber mehr, und die Soldaten waren im Feuer«. »Welches Programm haben Sie den Israeliten gegenüber festgestellt?« »Ich will den Mellah reorganisieren wie die ganze übrige Stadt. Auch hierbei rechnen wir auf Sie. Sie kennen den Geist der Israeliten und haben Einfluß auf sie. Es trifft sich ganz gut, daß Sie das Oberhaupt der Gemeinde bleiben, da alle einflußreichen Personen die Stadt verlassen haben. Wir werden Ihnen die einzuführenden Reformen anzeigen und werden sie gemeinschaftlich mit Ihnen durchführen. Ich werde die gegenwärtige Uebergangsperiode benützen, um das Judenviertel als

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