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Neue Nationalzeitung · 1907-09-06 · Heft 39 (6.9.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 39 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Neue ttational-Zeltung« Nr. 30 Die wachsende Anteilnahme der Juden an den agrikulturellen Berufen, die sich jetzt besonders in Ostgalizien fühlbar macht, werden wir mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen und zu unterstützen haben. Auch hier sind Fachschulen erforderlich und eine Agitation unter den jüdischen Gutsbesitzern, daß sie nach Möglichkeit jüdische Arbeiter beschäftigen. Wir könnten dadurch eine nicht unbedeutende jüdische Bauernklasse schaffen, die ein gesundes Rückgrat für die ganze wirtschaftlich tätige jüdische Bevölkerung wäre. Auch den gewaltigen Strom der jüdischen Emigration aus Galizien werden wir durch zweckdienliche Einrichtungen zu regeln haben. Alle jüdischen Parteien und die großen philanthropischen Gesellschaften werden dieses Streben der jüdischen Bevölkerung nach der Sicherung ihrer materiellen Existenz ernst, und lebhaft unterstützen müssen. Die jüdischnationale Partei, der die Ausarbeitung und Verbreitung des Programms obliegt, wird an der Spitze der ganzen Aktion zu stehen und sie durch ihre Abgeordneten im Parlament zu repräsentieren haben. Aber auch die anderen Parteien haben die Pflicht, sich der Unterstützung und Mithilfe in diesen unseren Bestrebungen nicht zu entziehen. Ist doch die ökonomische Hebung der jüdischen Massen in Galizien keine spezifisch politische Tätigkeit und versichern doch die Assirailanten, daß ihr ganzes Tun und Lassen auf die Verteidigung der materiellen Interessen des jüdischen Mittelstandes gerichtet ist. Und selbst die sozialistischen jüdischen Abgeordneten haben während der Wahlkampagne ihren jüdischen Wählern ein Programm entwickelt, in welchem eine baldige Reform der ökonomischen Verhältnisse der Judenschaft auf dem ersten Plan stand. Die großen philanthropischen Gesellschaften, wie die L C. A., Alliance, die Hilfsvereine und c}gl., welche sich mit der Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien befaßen, werden die selbständige Aktion der galizischen Juden mit Freude begrüßen und sie mit allen ihnen zu Geböte stehenden Mitteln unterstützen. Die Tätigkeit dieser Vereine, die ja viel Ersprießliches für die Judenheit Galiziens leisten könnten, hatte schwer unter dem Mangel an einem einheitlichen und praktischen Arbeitsprogramm zu leiden. Es wäre also die erste Aufgabe unserer jüdischnationalen Abgeordneten, daß sie eine Enquete oder Konferenz aller j üdischen philanthropischen Gesellschaften gemeinsam mit allen anderen jüdischen Abgeordneten einberufen, welche nach genauer Erwägung ein gut durchdachtes Programm ausarbeiten würde. Von einer solchen Konferenz aber versprechen wir uns viel mehr Nutzen für die jüdische Masse, als von den „großen" politischen Tricks und Reden. Die Unterstützung des Staates und des Landes, die wir ja wahrscheinlich noch lange vermissen werden, müssen wir durch die Hilfe der jüdischen Philanthropie, die doch nicht .Unbeträchtliches zu leisten imstande ist, ersetzen. Wir erwarten von dieser unseren Realpolitik keine vollständige Lösun g der Judenfrage in Galizien. Eine gesunde, normale und freie jüdische Wirtschaft werden wir als kleine Minorität zwischen stärkeren und oft schon hoch entwickelten Nationen nicht erreichen können. Dies wollten wir auch nicht behaupten. Aber die jüdische Bevölkerung steht vor einer Katastrophe, aus welcher sie nur eine aufrichtige, ernste und systematische P^alpolitik retten kann. ftORRSSPONDSNZSN Oesterreich-Ungarn. Wie arme Juden beten. Wien, den 5. September. (Orig.-Korr.) Der arme Jude kann nicht ungehindert beten. Er muß sich einen Tempelsitz kaufen. Untersuchen wir nicht, aus welchen Gründen die Tempelvereine bei der Bestimmung der Sitzpreise das Maß des Normalen überschreiten/ Die Preise sind einmal so, daß der Tempelsitz zum Privilegium der Wohlhabenden geworden ist; zum Privilegium derjenigen, die im Laufe des Jahres der Synagoge im weiten Bogen ausweichen, zur Jahreswende aber die Boutons mit der dazu gehörigen Frau Gemahlin in den Tempel führen — zum Synagogenderby. Wären moralische Gründe entscheidend, man müßte es diesen Pharisäern gerade an diesem Tage verwehren, dem armen, aber frommen Juden den Platz wegzunehmen. Aber Moral entscheidet eben nicht. Moral heißt Kultussteuer. Die Zeit lehrt uns allmählich, daß die Bibel Unrecht behält: Vor Gott sind nicht alle Menschen gleich. In seinen Hallen gibt es, ähnlich wie in anderen modernen Theatern, Parkett- und Galeriesitze. Der Arme aber mag bis zu den nächsten Feiertagen vor der Synagoge stehen; — an hohen Feiertagen gelangt er nicht einmal in die hintersten Bänke. Die Kultusgemeinde glaubt ihrer Verpflichtung völlig zu genügen, wenn sie jedem Bethause fünf Prozent der vorhandenen Sitze abnimmt, und an Bedürftige verteilt. „Bedürftigkeit" ist ein sehr relativer Begriff. Und so kommt es, daß die wirklich Bedürftigen häufig genug leer ausgehen. Was sind denn fünf Prozent im Verhältnis zu der notwendigen Anzahl? Eine lächerliche Leistung. Aber die Kultusgemeinde ist fest überzeugt, damit mehr als genug getan zu haben. Ob und wie die Nichtbeteilten ihren religiösen Bedürfnissen genüge leisten sollen, kümmert die Herren von der Seitenstettengasse weiter nicht. Sie klammern sich an die Ziffern. Echt bureaukratisch. Es ist an der Zeit, mit diesem zur Gewohnheit gewordenen Uebelständen zu brechen. Wenn die Kultusgemeinde in gewohnter Sorglosigkeit und Dementierlust nicht baldigst dafür Sorge trägt, daß einer Großstadt würdige Synagogen entstehen, daß jeder Jude zu seinem Gotte beten kann, ohne eine Entreekarte gelöst zu haben, dann wird die Wiener Gemeinde zum Gespötte der Welt werden. Eine Gemeinde, deren Jahresbudget sich auf drei Millionen Kronen beläuft, sollte wirklich imstande sein, würdige Synagogen zu bauen. Aber das stete Anwachsen der Taufliste scheint in den leitenden Herren die Meinung erweckt zu haben, daß die neuen Synagogen leer bleiben würden. Die Durchsicht der Taufliste könnte sie eines besseren belehren. Denn die Austretenden zählen meistens zu jenen, die zur Jahreswende in der vordersten Reihe einer prächtigen Synagoge, noch unentschlossen, gemütvolle Vergleiche zwischen Judentum und Tauf wasser anstellen ... m. sch. Der Perez-Ahend. Lemberg, den 3. September. (Orig.-Korr.) Der letzte Samstag hat sich bei uns zu einem Feiertag des jüdischen modernen Schrifttums gestaltet; wir haben in unserer Mitte J. L. Perez gefeiert! Der Abend wurde zugunsten des „blinden Dichters", zugunsten Morris Rosenfelds veranstaltet, und Perez hatte sein bestimmtes Erscheinen zugesagt. Der Abend wurde zu einer imposanten Kundgebung für die jüdische

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