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Neue Nationalzeitung · 1907-09-06 · Heft 39 (6.9.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 39 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 »Neue National-Zeitung« Seite 5 Das Los der jüdischen Arbeiter, die jetzt den unmöglichsten Lebensbedingungen ausgesetzt sind, hängt einzig und allein von der Entwicklung der jüdischen Industrie, des jüdischen Gewerbes und Handels ab. Dort, wo der „Meister* selbst 14 Stunden täglich arbeitet und kaum sein Brot verdient, kann auch der Geselle schwerlich einen Achtstundentag oder eine Lohnerhöhung fordern. Die Bedingungen der jüdischen Produktion müssen früher geändert werden und dann erst werden wir eine bewußte und wirkliche Arbeiterklasse in dem modernsten Sinne des Wortes haben. Damit woll°n wir nicht behaupten, daß die jüdischen Arbeiter sich nicht organisieren dürfen zwecks Verteidigung ihrer eigenen Interessen. In der Realpolitik, wie wir sie hier begreifen, muß aber der jüdische Arbeiter Schulter an Schulter zusammen mit dem jüdischen Bürgertum kämpfen, weil auch für seine Existenz und Lebensmöglichkeit eine normale und gesunde jüdische Wirtschaft eine unvermeidliche Notwendigkeit ist. * Einer Umänderung und Reform der jetzigen abnormen ökonomischen Verhältnisse der jüdischen Massen Galiziens stehen im Wege: die Gesetzgebung des Staates und Landes, die sehr oft direkt gegen die jüdischen Interessen ihre Spitze wendet, und der Mangel an einer strammen Organisation aller jüdischen produzierenden Kräfte, die dank ihrer Stärke ein wichtiger Faktor für die ökonomische Entwicklung des Landes sein könnten. Gegen eine judenfeindliche Gesetzgebung des Parlamentes oder Landtages, wie sie in den letzten Jahren leider so oft platzgegriffen hat, wie auch gegen die Zurücksetzung seitens der Regierung und der autonomen Verwaltung — können wir nur vermittels unserer politischen Repräsentanz an dem entsprechenden Ort und zur rechten Zeit ausgiebig kämpfen. Jüdische Abgeordnete müssen ins Parlament und in den Landtag entsendet werden; jüdische und nur jüdischnationale Delegierte müssen in alle Vertretungskörperschaften gewählt werden, damit sie dort gegen jede Mißhandlung der jüdischen Bevölkerung protestieren und für die Unterstützung unserer Sozialpolitik, welche eine Reform der jüdischen Verhältnisse bezweckt, eintreten. Die Politik der Assimilation kennzeichnete ein mangelndes Verständnis für die reale Lage der Juden. Sie hat niemals etwas Konkretes für unsere Masse, die an dem Abgrunde des ökonomischen Ruins steht, gefordert. Sie hatte kein Verständnis für die besonderen jüdischen Interessen, welche durch die eigenartige soziale und ökonomische Struktur der Juden bedingt sind; sie verschwand im Polenklub und bettelte bei den polnischen Machthabern um kleine Konzessionen und Privilegien, die ja nur an Personen gebunden sind, die aber dem Volke als Ganzem sehr wenig Nutzen brachten. Unsere jüdischnationale Politik muß das Gegenteil davon sein. Unsere Abgeordneten werden zu beweisen haben, wie sich die jüdische Masse in einer eigenartigen Lage befindet, wie man uns als eine Nation mit einer spezifischen Interessensphäre zu behandeln hat. Und nicht nur die Zurücksetzung der jüdischen Religion oder die Präterierung der jüdischen Beamten, worüber schon oft, allzu oft, geklagt wurde, werden wir zu bekämpfen haben. Wir werden der Regierung die verzweifelte Situation klarlegen, in welcher eine Million von Bürgern lebt, die nicht von Beamtenstellen träumen, sondern eine erträgliche Existenzmöglichkeit haben wollen. Wir werden Bestimmungen für die Juden fordern, wie man sie jeder Klasse oder größeren Gruppe mit spezifischen, eigenartigen Bedürfnissen gewährt. Und da werden wir auf unsere eigenen Kräfte und Mittel angewiesen sein. Wenn es dem jüdischen Handwerkerstände heute an jedweder Bedeutung fehlt, weil unser Handwerker für minderwertig gehalten wird, so werden wir trachten müssen, ihn fachmännisch auszubilden, damit er sich den jetzigen Bedingungen der Produktion anpassen könne. Durch Stipendien und andere zweckmäßige Einrichtungen müssen wir die jüdische Jugend den Fachschulen zuströmen lassen. Auch im Handel ist der Mangel einer Fachausbildung eine der Ursachen des schrecklichen Elends dieser Klasse. Eine Fachausbildung würde unseren Kaufleuten sehr zugute kommen. Vergessen wir auch nicht auf den Befähigungsnachweis im Handelsgewerbe, der zwar bei uns noch nicht eingeführt wurde, mit dem uns aber das Handelsministerium auf dem einfachen Verordnungswege jeden Tag beglücken kann. Um aber die jüdische Jugend fachmännisch für das Gewerbe und für den Handel ausbilden zu können, müssen wir gleichzeitig die Bedingungen dieser Produktionszweige selbst sanieren und sie widerstandsfähig gestalten gegen die wachsende Konkurrenz der organisierten polnischen und ruthenischen Handelsgenossenschaften. In erster Reihe ist hier billiger Kredit nötig, da unsere Kaufleute und Handwerker unter dem üblichen Wucher und Antisemitismus der großen Kreditinstitutionen sehr schwer zu leiden haben. Man müßte eine jüdische Bank mit Filialen in allen größeren Städten Galiziens gründen, die dem jüdischen Gewerbe und Handel die Entwicklungsmög lichkeit bieten könnte. Eine erfreuliche Tatsache ist es, daß die Notwendigkeit einer solchen Bank schon in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung anerkannt wird. Die Aufklärungsarbeit, welche die jüdischnationale Partei unter allen Schichten des galizischen Judentums in Angriff genommen hat, muß auch die kaufmännischen und Handwerkervereine berühren; wo solche Vereine nicht existieren oder funktionieren, müssen wir sie ins Leben rufen und zur Arbeit anspornen. In ihnen müssen wir aber unseren Handwerkern und Kaufleuten die jetzige Sachlage deutlich erklären, auf die eventuellen Gefahren hinweisen und die Mittel vorschreiben, vermittels welcher sie ihre ökonomische Lage schützen und heben können. So wäre es zum Beispiel jetzt unsere Aufgabe, eine große Agitation gegen die geplante Einführung des Befähigungsnachweises in Galizien,gegen die Sonntagsruhe und für die Zulassung des Kaufmannsstandes zu der allgemeinen Altersversicherung zu entwickeln. Die letzte Frage scheint uns von sehr großer Wichtigkeit; eine unermeßliche Wohltat wäre es für unseren armen Handelsstand, wenn er auch nur die kleinste Altersversicherung erlangen und genießen könnte. Es müßte also ein Zentralbureau für Rechtschutz gebildet werden, da wir schon mehrmals die Gelegenheit hatten, zu konstatieren, daß die Juden selbst aus Mailgel an Bewußtsein und Kenntnis der faktischen Sachlage ihre Lebensinteressen vernachlässigen. Auch müßten wir eine Jugend heranbilden, welche die ökonomischen und rechtlichen Verhältnisse Galiziens und besonders der Juden gut kennen lernen sollte. Zu der mühseligen, aber dankbaren Arbeit zwecks Hebung der jüdischen Massen müßten wir sie aneifern, statt diese mit lauter Idealen und Schwärmereien zu nähren. An der Industrialisierung Galiziens, die dank der polnischen Agitation langsam aber stets fortschreitet, sollten wir einen lebhaften Anteil nehmen, weil nur eine entwickelte Industrie unseren Proletariern] assen das tägliche Brot verschaffen könnte. Dabei müßten wir schon jetzt für die Heranbildung einer gesunden und nov malen Arbeiterklasse sorgen. Das jüdische Kapit aber, welches bisnun sehr oft nur Anderen zur produ *;c tiven Tätigkeit gedient hat, soll jetzt selbst ein Pi duktionsfaktor im Lande werden.

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