Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 39 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425706--0341-2426617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Neue National-Zeitung« Nr. 39 Es solle künftig die Exekutive nicht von Drohobycz aus ernannt, sondern in Jerusalem, aus der Mitte der Interessenten selbst, in Form eines Elferausschußes, gewählt werden. Eine billige Forderung doch! Aber die Antwort darauf war — ein Cherem auf die „Gotteslästerer" und das strengste Verbot der „Heiligen", die Flugschriften zu lesen! Nun kam es, daß inmitten des Kampfes der ,.Nassi" starb. Ein anderer soll an seine Stelle eingesetzt werden. Von mancher Seite hat sich eine Stimme hören lassen (Ein Wunder der Zeit!), man möge endlich mit dem faulen Cbalukasy stein ein Ende machen und einen Verwalter ganz ohne Rücksicht auf seine Vorfahren, sondern einzig und allein im Interesse der Sache wählen. Es wurde sogar die Kandidatur des Herrn Schmelke Rokach aus Lemberg aufgestellt, eines Mannes von tadelloser Reputation, erprobter öffentlicher Tätigkeit und strengster Orthodoxie. Wenn unsere Gemeinden etwas mehr in Kultus und weniger in Politik machen wollten, so hätten sie hier eine gute Gelegenheit, ihre maßgebende Stimme zu erheben und einmal den vielberüchtigten Chalukaordnungen ein Ende zu machen. Es wäre auch eine T a t, für deren Anerkennung jeder gutdenkende Mensch nicht Worte genug finden könnte. Aber unsere Kahals kümmern sich um die Kultusangelegenheiten nur zu wenig; sie sehen ihre löbliche Aufgabe in dem Faktordienst, den sie den Pricim (Herren) bei den Wahlen zu leisten haben. Um aber diesen Dienst voll leisten zu können, müssen unsere Kahalversorger, selbst unverbesserliche Atheisten und Epikuräer, gerade mit dem obskurantesten Teile der Judensehaft liebäugeln, damit diese „in schweren Minuten" ihnen auch beistehen möge.... Und so kam es, daß die Gemeinden die „Chaluka" ganz den Launen eines „Sekretärs" ausgeliefert haben und bei der Neuwahl des „Nassi" sich gar und ganz nicht beteiligten. Die wenigen modern angehauchten Wähler, die für Rokach plaidiert haben, unterlagen selbstverständlich der künstlich konstruierten Majorität der „Enkel" und „gewählt" wurde wiederum ein Schreiber — ein ganz unbekannter junger Mann, der irgendwo in einem Winkel von Ungarn steckt, der sich aber verpflichtet haben soll, der „Chaluka" zuliebe nach Drohobyez zu übersiedeln und selbstverständlich seine Herschaft mit dem „alterprobten Sekretär* zu teilen. Die „Ordnungen" werden also auch weiter fort andauern, die armen Witwen und Kranken, die sich die Gunst des Sekretärs nicht erwerben können, werden auch weiterhin chikaniert werden. Solltees wieder jemand wagen, Protest zu erheben, dann wird ihm das Schreckgespenst des „Cherem" und das strikte Verbot, seine Schriften und Briefe zu lesen, den Mund stopfen! Ueber den Verlauf dieses merkwürdigen „Kongresses" liegen noch folgende Einzelheiten vor: Als die „Wähler" sich sämtlich in der Synagoge eingefunden haben, eröffnete der Rabbiner aus Brzezany die Versammlung, mit einer zweistündigen „Drosche" (Rede). Dann erklärte er, daß ihm die Aufgabe zuteil geworden ist, in dieser Konferenz zu präsidieren. Ihm liege selbstredend gar nichts daran, nachdem er aber einsieht, daß das der Wunsch der Versammelten sei, so läßt er sich in voller Selbstaufopferung herbei und fragt nun die Versammlung, ob sie sich noch ein paar Vice-Präsidenten wünsche. . . Von mancher Seite ertönt zwar eine leise Stimme: „Wer eigentlich hat Sie denn zum Präsidenten ernannt?" Aber dieselbe wird sofort in einem kaum zu wiedergebenden Getümmel erstickt. Man schreit einerseits: „Wir wünschen, wir wünschen!"; anderseits aber: „Nein, {Nein!", und kaum gelingt es, das aufgeregte Publikum zur Ruhe zu bringen... Der Rabbi aus Brzezany bleibt selbstredend Präsident' Eine Reform wurde diesmal doch erreicht: Der „Nassi" wurde nicht für lebenslänglich, sondern bloß für 6 Jahre gewählt und ist ihm außerdem auch ein Beirat von drei Herren zur Seite gestellt worden. Daß aber die „Wahl" nach 6 Jahren dasselbe Resultat ergeben und daß der Beirat bloß ein unnütziges Dekorum sein wird, ist mehr als sicher. Die Rabbinerkonferenz hat auch die Gelegenheit benützt, um sich nach außen bemerkbar zu machen. Sie hat nämlich einen Protest gegen die reformatorischen Umtriebe der französischen Rabbiner verfaßt und von den anwesenden talmudischen Autoritäten unterzeichnen lassen. Dieser Protest wird demnächst erscheinen Es wird schließlich beschlossen, einen galizischen Rabbinerverband zu gründen. M. Kl. M. FROSTIG: Jüdischnationale Realpolitik in Qalizien. ii. Wir haben in dem ersten Artikel konstatiert, daß die jüdischnationale Politik auf dem festen Fundament einer großangelegten jüdischen Sozialpolitik basieren muß, wenn sie tatsächlich die allseitige Entwicklung unseres Volkes, wenn sie reale Errungenschaften für das Wohl des Judentums und nicht nur Wahlerfolge erstrebt. An dieser unserer Sozial- oder Realpolitik ist aber nicht nur der jüdische Mittelstand interessiert, sondern auch der jüdische Arbeiter. Unsere Arbeiterschaft muß in dieser sozialpolitischen Tätigkeit einen Schritt ^c:- wärts sehen auch zur Verbesserung ihrer eigenen materiellen Lage, die heute so schrecklich elend und unglücklich ist. Und da muß sie eben ohne Rücksicht auf ihre Klasseninteressen zusammen kämpfen mit dem jüdischen Bürgertum im Interesse des ganzen Volkes. Denn wir müssen es einmal feststellen : Die Zukunft des jüdischen Arbeiterstandes hängt von der Entwicklung der jüdischen Bourgeoisie ab, weil unser Arbeiter fast nur bei seinem Glaubensgenossen Beschäftigung findet. Statistisch können wir das ermitteln, wenn wir betrachten, wie wenig jüdische Arbeiter in Galizien in solchen Berufen tätig sind, in welchen die Zahl der jüdischen Selbständigen auch niedrig ist. Vor einigen Jahren hat Dr. C. v. Paygert in seiner Abhandlung über „Die Schuhmacher in Galizien" bemerkt, daß die jüdischen Schustergesellen z. B. nur bei den jüdischen Meistern Arbeit finden und daß er keinen einzigen Fall kenne, wo ein jüdischer Geselle bei einem Christen gearbeitet hätte. Ich glaube die Tatsache nicht breit beweisen zu dürfen, da sie niemand bestreiten wird.*) Die soziale Differenzierung, die überall und sogar in Galizien fortschreitet, zeigt bei uns eine charakteristische Abnormalität. Die Zahl der jüdischen Arbeitgeber in der Industrie und im Handel übersteigt bedeutend die Zahl der Arbeiter. Wie ist aber ein Klassenkampf möglich, wenn der „Ausbeuter" nicht einmal über einen Proletarier verfügen kann? Wir haben keine gesunde Arbeiterklasse, kein wirkliches Proletariat, sondern eine fließende Klasse von Leuten, die nach Selbstständigkeit streben und ohne auch die nötigen Mittel dazu zu besitzen, sie erlangen. Wir können höchstens ein Lumpenproletariat auf weisen, das „von der Gnade Gottes" in den niedrigsten Verhältnissen darbt oder emigriert. *) In Lemberg z. B. finden wir in allen christlichen Druckereien nicht mehr als 3 —5 jüdische Arbeiter und sogar die sozialistische Genossenschaftsdruckerei nimmt keine Juden auf.