Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 39 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 »Neue National-Zeltung« Seite 3 Herrscher von dieser Art nicht viel zu machen sei und so blieb ich denn, ohne ihm offen zu widersprechen, bei meinen eigenen politischen Ansichten. "Wenn ich's überlege, so finde ich es ganz natürlich, daß ich sein Mißfallen erregte und daß er meine Vorliebe für England mit scheelen Augen ansah. Der Sultan hoffte, daß ich mich mit seiner Politik vollkommen einverstanden erklären werde; er wollte einen Anhänger haben, der so türkisch gesinnt wäre, daß er die christliche Welt, den ganzen Westen, wie so mancher bedeutende Europäer, als grausam und räuberisch verurteilen, den Osten aber als Muster der Gerechtigkeit und Humanität preisen Würde. Das war zu viel verlangt! Ich war zu sehr durchdrungen von den hohen Vorteilen unserer westlichen Kultur, zu überzeugt von den segensreichen Wirkungen der Ideen des 19. Jahrhunderts, um Lobeshymnen auf Asien zu singen und die alte Welt gegen die neue zu verherrlichen! Keine Gunstbezeugung, keine irdische Macht hätte mich dazu vermocht, und als der Sultan das bemerkte, ward er gleichgültiger gegen mich; ja, einmal bemerkte er, er begreife solche Kinder nicht, die zwei Mütter gleich lieben. Ohne mir seine Ungnade fühlen zu lassen, verabschiedete er mich. Wie es kam. daß er mich trotz seines Grolles mehr als einmal nach Konstantinopel einlud, kann ich nur so erklären, daß er, der niemandem vertraute, dennoch überzeugt war, daß ihm meine. Feder von Nutzen sein könnte. Sultan Abdul Hamid hält große Stücke auf die öffentliche Meinung Europas, er wollte stets den erleuchteten, Gesetz und Ordnung liebenden, patriotischen Herrscher spielen. Er war ängstlich bemüht, den leichten Firniß der Kultur, den eine mangelhafte Erziehung und ein kurzer Besuch in Europa (1868) ihm gegeben hatten, hervorzukehren. Ohne französisch zu können, streute er ur«, französische Brocken in die türkische Konversation, um den Gesandten zu imponieren; gerade so wie er im Gespräch mit mohammedanischen Gelehrten gerne theologische und technische Ausdrücke gebrauchte, ohne sich über das Niveau eines halbgebildeten Muselmannes zu erheben. Dank seinem guten Gedächtnisse war er niemals um solche Ausdrücke verlegen, in Wahrheit aber hatte er zu wenig gelernt; sein großherziger, aber viel zu sanfter Vater hatte seine Kinder zu wenig zum Lernen angehalten. Kemal Effendi, der Lehrer des kaiserlichen Prinzen, berichtete Unglaubliches über seine Indolenz. Reshad Effendi, der mutmaßliche Thronerbe, hatte eine Vorliebe für Russisch und Persisch, ja er hatte in jugendlichem Alter sogar poetische Versuche gemacht, Hamid Effendi aber, der jetzige Sultan, war nicht leicht auf der Schulbank festzuhalten. Haremintriguen und -Skandale waren mehr nach seinem Geschmacke und wenn man die Geheimnisse einer der Mitglieder des Gynäceums kennen wollte, mußte man sich nur an Hamid Effendi um Information wenden. Es ist schade, daß dieser wirklich talentierte Prinz keine bessere Erziehung bekommen hat; wer weiß, ob er nicht ganz anders das osmanische Reich regiert hätte.*) *) Die vom Verfasser autorisierte Uebersetzung besorgte für uns F. Landesberger. In den nächsten Nummern unseres Blattes gelangen außer der bereits von uns angezeigten Reiseskizze von Morris Rosenfeld noch nachstehende Artikel zur Veröffentlichung: Dr. J). Pasinanik (Genf): Der Poale-Zionismus in Rußland. Prof. Dr. N. Slousch (Paris): Die Juden in Marokko. Der letztgenannte Verfasser hat jüngst im Auftrage der „Alliance Israelite Universelle" Nordafrika bereist und kennt daher die Verhältnisse in Marokko aus eigener Anschauung. Der neue „Ilassi". (Tom KabMuerkonirreß in S^lowa-Wisznia.) Lemberg, den 1. September. Das war ein „Kongreß" wie er noch nie gesehen wurde! In der großen Synagoge zu Sadowa- Wisznia haben sich etwa 100 Rabbinen und „Enkel" (die Nachkommen der Wunder-Rabbis gehören bei den rechtgläubigen Orthodoxen in Galizien ebenfalls zum „Klej-Kodesch", sie haben ein „Recht", kraft ihrer edlen x^bstammung, die milden Gaben der Frommen reichlich zu genießen, wie auch in konfessionellen Angelegenheiten ein großes Wort zu führen, wenn sie auch selbst komplette Ignoranten, sogar in der heiligen Schrift sein mögen; sie werden „Enkel" genannt) versammelt, um einen neuen „Nassi", einen Verwalter über die Chalukagelder, die aus Galizien kommen, an Stelle des verstorbenen Isaak Schreiber, zu „wählen". Die „Chaluka" — das ist eine alte Institution im Judentum, die sich auf freiwillige Spenden gründet und für die Armen in Palästina bestimmt ist. Diese Institution ist unter den Juden alten Datums sehr populär und bringt selbst in Galizien jährlich zumindest 250.000 Kronen. Aber wie werden diese verwaltet? Man höre und staune. Der oberste Verwalter dieser Sammlungen war bisher ein sehr reicher Abstämmling der Familie Schreiber in Drohobycz, der zu diesem Ehrentitel weder durch seine persönlichen Eigenschaften noch durch seine Milde noch durch sonstige öffentliche Tätigkeit gelangt ist. Einzig und allein durch seine Zugehörigkeit zur Familie „Schreiber", die im Laufe von Jahrzehnten diese Institution verwaltet hat, ist auch er dazu „auserwählt" worden. Das Prinzip der „Chasaka", der erblichen Nachfolge, hat sich hier in vollem Glanz entwickelt. Der Titel „Nassi", welcher ursprünglich „Fürst" bedeutete, wurde nachher speziell den Verwaltern der „Chaluka" verliehen. Er wird bei den frommen Juden als ein Ehrentitel ersten Ranges angesehen und wird ihm die Erblichkeits-Eigenschaft zuerkannt, gleich wie es bei den weltlichen Fürsten der Fall ist. Allein dieser Herr Isaak Schreiber hat nur den Titel geführt, während die ganze Verwaltung und Leitung in den Händen eines besoldeten Sekretärs lag. Und dieser Herr hat es wirklich verstanden, aus der Wohltätigkeits-Institution ein ziemlich einträgliches G eschäft zu machen. Die Unordnungen, die auch sonst eine spezifische Eigenschaft der „Chaluka" waren, haben unter seinem Regime ihren Kulminationspunkt erreicht. Es ist eine Protektionswirtschaft getrieben worden, die kaum irgendwo ihresgleichen findet und die nicht einmal aufgedeckt werden konnte, weil Oeffentlichkeit und Kontrolle nicht zu den Tugenden der „Chaluka" gehören. Die interessierten Chaluka-Nehmer in Palästina selbst sind mit dem Feuer des Cherem (Anathema) bedroht, wenn sie es wagen sollten, nur ihrer Unzufriedenheit mit den „heiligen" Verordnungen des „heiligen Vaters" in Drohobycz Ausdruck zu verleihen.... Und es folgte Mißbrauch auf Mißbrauch. Ein Teil der „Chaluka"-Nehmer in Jerusalem hat sich daher entschlossen, über das Vorgehen der Verwaltung respektive des Sekretärs Klage zu erheben. Dieselben haben in einer Reihe von Flugschriften, die in den maßgebenden Kreisen des galizischen Judentums eine ziemlich große Verbreitung gefunden haben, alle Mängel und Defekte der Verwaltung aufgedeckt, auf eine Reihe schauderhafter Vorgänge der palästinensischen Agentur und des „Sekretärs" selbst hingewiesen und haben dagegen gefordert: Es möge eine Kontrollkommission eingesetzt werden, um alle diese Tatsachen und die aufgedeckten Mißbräuche auszuforschen.