Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 39 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 *Neue National-Zeitung« Nr. 39 gestalten neues Leben eingeflößt. Und als Resultat dieser geistigen und politischen Wiedergeburt folgte die Eroberung der parlamentarischen Tribüne durch Vertreter des jüdischen Volkes. Diese breiten 'Massen' warten nicht, auf den Neujahrstag, um ihr Judentum zu entdecken; sie benötigen nicht Chor und Orgel, um in weihevolle Andacht zu verfallen. Ihr Judentum ist losgelöst von Stimmung und Milieu; es bildet den Inhalt .ihres ganzen Seins und Lebens. * So ist denn der Rückblick auf das vergangene Jahr trotz der vielen traurigen und blutigen Schatten, die sich auf dasselbe niedergesenkt haben, nicht ganz trostlos. Aus dem Blute unserer Brüder sehen wir die Rächer entstehen, und das Beispiel der politischen Reife unserer Volksmassen wirkt auch erziehend auf unsere Brüder im Auslande. Die sechs Millionen Juden, die im Zarenreiche einen schweren Kampf um ihre politische Befreiung zu bestehen haben, werden nunmehr zum dritten Male alle ihre Kräfte entfalten, um in der gesetzgebenden Körperschaft die ihnen gebührende Vertretung zu erlangen. Möge es ihnen vergönnt sein, hiezu die nötigen Männer voll Mut und Charakterfestigkeit zu finden. Und jene vielen Tausende, die mit dem Wanderstab in der Hand über den weiten Ozean ihre Schritte lenken, wir gedenken auch ihrer, als der Pioniere unseres Volkes ... Möge das kommende Jahr unserem Volke neue Bahnen eröffnen, zur geistigen Befreiung, zur politischen Freiheit und zur — Selbstbesinnung!... L. HOFRAT PROF. H. VAMBERY: Sultan Abdul Hamid. (Schluß J Der Sultan überraschte mich stets mit seinen offenherzigen Aussprüchen. Er beklagte sich bitter über die Un Zuverlässigkeit seiner Minister, gab ihnen wenig schmeichelhafte Namen, so daß ich aus den vertraulichen Mitteilungen dieses mächtigen Autokraten seine gänzliche Isolierung erkannte. Als ich ihn einmal auf das niedrige Vorgehen eines angesehenen Höflings aufmerksam machte, ward er sehr erregt und rief aus: „Glauben Sie, daß ich nicht jeden Einzelnen kenne? Leider, weiß ich alles nur zu gut. Woher soll ich mir bessere und verläßlichere Leute verschaffen? Nur die Zeit und die fortschreitende Kultur können hier ihr heilsames Werk tun; ein anderes Mittel gibt es nicht." Und wirklich bat sich der Sultan, im Gegensätze zu den bisher herrschenden Ideen, mit jungen Leuten umgeben, die sich durch ihr Wissen auszeichnen und in gar keinen Beziehungen zu den führenden Familien des Landes stehen. Sein Bestreben geht dahin, sich seinen eigenen Kreis zu schaffen, und so wie diese Vertrauten es zu Hause taten, so wünschte er, ich möchte ihm als Beweis meiner Freundschaft mindestens zweimal im Monat einen türkisch geschriebenen Bericht über die öffentliche Meinung Europas, über politische Tagesfragen, und über die Lage der außerhalb der Türkei lebenden Bekenner des Islam übersenden; darin sollten auch seine an mich gestellten Fragen beantwortet werden. Ich fügte mich gerne seinen Wünschen, bald aber überzeugte ich mich, daß trotz der scheinbaren Offenheit, alle diese Bekenntnisse eines, in orientalischen Prinzipien erzogenen Herrschers nicht ernst zu nehmen seien. Als ich mir einst, im Eifer der Debatte, eine leise Kritik erlaubte und einige Maßregeln seiner Majestät in nähere Erwägung ziehen wollte, las ich sofort die Ueberraschung und das Mißfallen in seinen Zügen. Seit diesem Augenblick trübten dunkle Wolken den Horizont unseres gemütlichen Verkehrs. Und konnte es denn auch anders sein? Monarchen, und gar orientalische Herrscher sind zu sehr an Weihrauch gewöhnt; die nackte Wahrheit kann Dicht nach ihrem Geschmaeke sein. Seit dem Beginn seiner Regierung hat Sultan Abdul Hamid niemals einen Widerspruch geduldet; äußerlich hörte er aufmerksam einen Rat an, ohne sich jedoch in seiner einmal gefaßten Ansicht beirren zu lassen. Wenn ein Großvezier sich durch Festigkeit in seinen Prinzipien auszeichnete wie Khaired Din Pascha, Kiamil Pascha und Andere, wurde er bald in den Ruhestand versetzt. So hatte der Sultan, durch die Fehler seiner Erziehung, manchen Irrtum begangen. Im Gespräche merkte man die Mängel seines Wissens wenig, trotzdem er seine eigene Muttersprache nicht einmal vollkommen beherrscht. Oft sagte er mir : „Bitte, sprechen Sie nur das gewöhnliche Türkisch!:c Sein ausgezeichnetes Gedächtniss ermöglichte es ihm aber, alles, was er vor Jahren gehört, gut anzuwenden und seine blumenreiche Sprache hat manchen Europäer getäuscht. Ich will die Tatsache nicht einen Augenblick verbergen, daß ich in meinen politischen Gesprächen mit dem Sultan stets die Partei Oesterreich-Ungarns und Englands ergriff, daß ich aber auch immer die Perfidie, die Barbarei und die unersättliche Ländergier des nordischen Nachbars hervorhob. Ich konnte ja nicht antirussischer sein, als es der Sultan und die Türken im allgemeinen sind; je schwärzer ich Rußland malte, umsomehr glaubte ich der europäischen Zivilisation zu dienen. Um jeden Verdacht abzuwenden, lud mich der Sultan mit dem russischen Gesandten Nelidoff zusammen zu einem Hofdiner; ich lehnte dankend ab. Ich habe nur mit zwei Gesandten beim Sultan gespeist und zwar mit dem Bevollmächtigten Griechenlands, dein Prinzen Maurocordato, und mit dem Marschall Baron von Biberstein. Diese Diplomaten waren über die Aufmerksamkeit, die mir der Sultan widmete, gar nicht erstaunt. Jahrelang erfreute ich mich der Gnade des Sultans und nahm an seinem Hofe eine Ausnahmsstellung ein. Solange der Herrscher mich für einen enragierten Turkophilen und Verteidiger des Islam hielt, der mit einer fanatischen Liebe all' die Irrtümer niederkämpfte, die in Europa gegen das orientalische Regierungssysiem verbreitet waren, solange ich die Türkei für ein schnöde mißbrauchtes Land und europäische Intervention als unverantwortlich ansah, beehrte er mich mit seinen Vertrauen und zeichnete mich durch seine Aufrichtigkeit aus. Die Erfahrung, die ich während meines langjährigen Aufenthaltes in der Türkei gesammelt, belehrten mich, daß der Sultan wie ein überirdisches Wesen verehrt wurde, daher war seine Liebenswürdigkeit umso meikwürdiger. Wäre ich ein Osmane und sein Mitregent gewesen, er hätte auch nicht vertraulicher über die Interessen seines Staates und seiner Dynastie mit mir sprechen können. Kein Großvezier war über die heikelsten politischen Fragen mehr unterrichtet als ich, und demzufolge waren auch meine an ihn gerichteten Briefe aus Budapest so frei geschrieben, wie sie der Sultan wohl niemals früher erhalten haben mag. Der Sultan versprach sich viel von der panislamitischen Bewegung, die er inaugurirte und wirklich sehr geschickt leitete. Seine Agenten bereisten Süd-Rußland, Zentralasien, China, Java und Afrika; überall proklamierten sie den religiösen Eifer, die Macht und die Größe des Khalifen; bis auf den heutigen Tag aber haben sie bloß erreicht, daß der Geburtstag des Sultans überall in mohammedanischen Landen als allgemeiner Feiertag gefeiert wird. Ich kam bald zu dem Schlüsse, daß mit einem