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Neue Nationalzeitung · 1907-09-06 · Heft 39 (6.9.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 39 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE mCIONAL-ZEICüNG DfS.R.L^NDmu: IX. JAHRGANG. WIEN, 6. SEPTEMBER 1907. No. 39. üeujalir! Die andachtsvolle Stimmung, die uns an diesen liohen Festtagen in den geweihten Hallen tief durchdringt, wird durch die Ereignisse des vergangenen Jahres getrübt. Wenn wir tief zerknirscht unsere Gebete verrichten: „Vergib uns, Du unser Vater, denn wir haben gesündigt"; „entsühne uns, unser Gott, denn wir haben gefehlt"; „Deiner Hilfe sehen wir entgegen, denn Du hast die Sünden Deines Volkes mit Nachsicht beurteilt14 — dann steigen vor unserem Äuge die Schatten des vergangenen Jahres empor, doppelt stark empfinden wir ■alle die Schläge, die auf uns in diesem Jahre niedergegangen. Bange und sorgenvoll sehen wir dem entgegen, was die Vorsehung uns im kommenden Jahre bestimmt hat, und wohl kein Gebet ergreift die Gemeinde, alt und jung, so innig und mächtig, wie jenes, worin von der Todesart gesprochen wird, die vom Allmächtigen im Buche des Lebens für jedermann bestimmt wurde. „Wer durch Feuer und wer durch Wasser, wer durch Schwert und wer durch Epidemie" sein irdisches Dasein enden soll, dem wird an diesem Tage dieses Schicksal zugewiesen.... Es ist dies nicht bloß das Schicksal von Individuen, sondern auch das Schicksal ganzer Teile unseres Volkes. Und wenn wir diese Worte sprechen, wenn unsere Lippen diese Gebete lispeln, dann blicken unsere Augen weit, weit hinaus, nach Nord und nach Süd, nach Rußland, Rumänien und Marokko, wo unsere Brüder in Massen geplündert, gebrandschatzt und gemordet werden. Wir erkennen, wie jedem Einzelnen von ihnen das Schicksal dieses traurige Verhängnis zugewiesen hat: -durch Feuer und Schwert____ Wir müßten uns fragen, ob denn dieses Mordens und Sehlachtens noch nicht genug sei, wie lange noch alle diese ungeheuren Todesarten im Buche des Lebens unseren Brüdern als Los zufallen sollen.... Fragen wir uns? Ist es denn nicht die Majorität, welche alle diese Ereignisse als eine Gottesfügung mit stummer ResigDation hinnimmt, ohne daran zu denken, daß es anders werden könnte, wenn wir wollten? Und sind es nicht die meisten, die, gehoben durch das Gebet und ergriffen von dem Massengeist, der sich zur Feiertagsstimmung verdichtet, sich höchstens zu Geldspenden emporraffen? ... Als wenn sie mit diesem Lösegelde schon alle Pflichten ihrem Volke gegenüber erfüllt hätten! Wohl kein Feiertag enthält neben tiefer religiöser Weihe ein so markantes Sinnbild jüdischer Solidarität; kein Feiertag hebt uns so heraus aus unserer Umgebung und läßt uns erkennen, daß wir zu einander gehören, daß wir gemeinsame Hoffnungen und Erwartungen hegen. Doch wie schnell und flüchtig vergehen sie. Wir sind das ganze Jahr einander fremd geblieben, und so vermag die Feiertagsstimmung allein uns nicht festzuhalten. Die Weihe und Andacht fließen nicht aus unserem inneren Wesen heraus, sie sind nicht die Folge seelischer Vertiefung — es ist alles nichts als Schein und Trug. Der Tempelbesuch ist nichts als Gewohnheit, das Gebet nur eine leere Formel. Man will sich nicht ausschließen; man will auch dabei sein. Denn diesem ganzen konfessionellen Gebaren fehlt der lebendige Geist: die nationale Idee. Die nationale Idee hat sich gerade im letzten Jahre als eine mächtige Triebfeder im Leben der österreichischen Judenschaft bewährt. Sie bildet den einzigen Lichtpunkt in dem traurigen Kapitel, welches das abgelaufene Jahr in der Geschichte unseres Volkes bildet. Ueberall, wo sich die Massen unseres Volkes befinden, bis zur Verzweiflung niedergedrückt und von der schweren Sorge um den Morgen befangen, war es die nalionale Idee, die einen großen Teil unseres Volkes selbstbewußt, widerstandsfähig und politisch reif gemacht hat. Sie hat die gedrückten Parias mit einer Kampfesstimmung beseelt, sie hat den verkümmerten Ghetto- Wegen der jüdischen Feiertage werden die in diesem Monate erscheinenden Nummern erst am Freitag zur Expedition gelangen.

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