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Neue Nationalzeitung · 1907-08-30 · Heft 38 (30.8.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 38 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 38 iNeue National-Zeitung< Seite 11 jfEUillgCON SCHALOM ASCH: flm fremden Bfldie. Aus dem Jiddisch, übersetzt von F. Hurwitz. Es ist Samstag nachmittags. Im Städtchen ist es stille, wie zum Schlafen eingewiegt. Auf den Bänken, die vor den Haustüren stehen, sitzen Schneidergesellen in samstäglichen Kleidern, weißen steifgebügelten Hemdkragen und blinzeln mit den Äugen den spazierengehenden Dienstmädchen zu, die ebenfalls in ihrem Samstagsstaate ausgeputzt, langsam und ehrbar die Straße passieren. Reb Anschel Weinbaum, der geachtetste Mann des Städtchens, kommt mit seinem Enkel Judele dahergeschritten und spaziert mit ihm zum Wasser hin. Der weiße, lange, spärliche Bart bewegt sich auf seiner Brust und scheint jeden Lufthauch anzuflehen, ihn doch nicht wegzublasen. Reb Anschel geht ganz langsam, nicht so sehr seines Alters als der heiligen Sabbathruhe wegen. Er hält seinen alten Kopf ein bißchen gebeugt und folgt aufmerksam der Erzählung seines Enkels. Der Enkel Judele, ein schlank gewachsener, junger Mensch, samstäglich aber etwas moderner gekleidet, ist bemüht, seinen raschen Schritt dem des Großvaters anzupassen. Der leise Klang seiner Stimme und seine ruhigen, langsamen Bewegungen der Hände zeigen auf ein ernstes Gespräch hin. Durch hie und da ihnen begegnende Spaziergänge!, die ihnen freundlich zunicken und „fröhlichen Sabbath" wünschen, wird manchesmal das Gespräch unterbrochen. Sie durchschreiten das Gäßchen und gelangen bald ans Wasser, das unten am Städtchen vorbeifließt. Ein breites Feld erstreckt sich bis zum Flusse hinunter, am Ufer liegen Balken, Mehlsäcke, Petroleumfässer; hart am Flusse steht ein Wagen ohne Pferd. Im Wasser unten ankert ein großer Kahn, von dem ein Holzsteg bis zum Wagen gelegt ist, ein Zeichen, daß gestern zu Ehren des Sabbaths die Arbeit unterbrochen wurde. Juden spazieren in ruhig heiterer Sabbathlaune längs des Ufers und schauen ins Wasser; auf einem Boote ziehen Bauern Sand aus dem Flusse; bald kommen wieder Frauen vorbei, festlich geputzt, mit goldenen Ohrringen. Eine erzählt etwas und ihre klagende Stimme tönt aus der Ferne wie das Weinen bei einer Hochzeit.*) Hart am Ufer tollen kleine Judenknaben herum und werfen gegenseitig ihre Hüte ins Wasser. Reb Anschel und sein Enkel setzen sich beide auf einen, am Ufer liegenden Balken hin. Und heilige ehrwürdige Sabbathruhe herrscht ringsumher. Das in seinen begrenzten Ufern sich sicher fühlende Wasser plätschert leise, die Wellen bespülen sanft den grünen Rasen des am Flusse angrenzenden Feldes; Kähne und Nachen ankern ruhig an ihren Plätzen, überall feierlich reglose Sabbathstille. Und der junge Mensch erzählt: „Es war vor 18 Jahren, Großpapa, als Juden verschiedenster Stände, Aerzte, Advokaten nach Palästina reisten, auch der ehrwürdige Reb Samuel Mohilewer fuhr mit ihnen, und als sie dort anlangten, warfen sie sich auf die Erde, küßten den Staub und weinten inbrünstig. Dann beteten *) In den kleinen Städtchen weinen die alten Frauen vor der Trauung. sie „Mincha"*), kauften die erste Elle Erde und gründeten die erste Kolonie." ,.0 weh," schüttelt verwundert der Alte den Kopf und schaut sinnend ins Wasser. „Zion, unser Zion! Zion, wie es in unserer heiligen Bibel heißt, dort ganz weit ist dies Land, wo die Juden gewohnt haben, die Söhne Israels, wie es in unserer Bibel heißt. Da führt ein schöner breiter Weg, mit Kieselsteinen bedeckt, mit Tannenbäumchen bepflanzt. Dieser Weg führt nach Betlehem. Dort befindet sich ein Grab, das Grab unserer Mutter Rachel. Unser Erzvater Jakob hat es selber gebaut; seine Hände haben den Grabstein gesetzt, die Hände unseres Erzvaters Jakob .... Und da ist die Höhle, die unser Vater Abraham von den Brüdern Ohas für 400 Thaler abkaufte. Dort ruhen unsere Erzväter Abraham, Isaak und Jakob und unsere heiligen Erzmütter. 0 weh, 0 weh, wie bringt man seine alten Knochen hin ... ." „Zion, unser Zion, wie es in unserer Bibel heißt," ächzt der Alte weiter und schaut sinnend ins Wasser. Das Wasser des Städtchens, seit immerher fließt es so vorbei, dort unweit der Eiche ist sein Kind ertrunken, sein Leibischel; der Körper seines Kindes hat sich mit diesem Wasser vermengt, hier ist sein Grab. Leibischel ist mit diesem Wasser vereint — eine Welle — und es scheint, daß jede Welle, die ans Ufer schlägt, Leibischel ist. Sein Kind mit seinen Kameraden schwimmen dort, weit, weit . . . manchesmal grollt es so sehr im Wasser und er glaubt die weinende Stimme c^ines Leibischel zu hören; es klopft eine Welle, sie fällt ans Ufer, Leibischel grüßt und schwimmt schon weiter. Der Alte blickt auf seinen Enkel, in den Augen des Jünglings strahlt es hell auf, sein Herz klopft, seine Stimme erbebt und er erzählt wie ein junger Held, der erst vom Schlachtfelde zurückkehrt: „Auf den Feldern dort in Zion stehen unsere Brüder — man hört dort schon unsere Gesänge." „Und wie sind dort die Felder," fragt der Alte, „wächst dort dasselbe Getreide wie hier?" „Ganz so, wie hier," wiederholt der Enkel. „Unsere Felder," fährt er mit Eifer fort, „bearbeiten dort unsere Brüder. Die Aehren, die dort wachsen, die Gräser, die Weinbeeren, alles haben Juden bearbeitet; ihre Arbeit, ihr Getreide." „Einen Strom gibt es, glaube ich, auch dort unten, der das Land durchfließt, wie nennt man ihn?" „Einen Strom? Unten haben wir unseren Jordan, unseren lieben Jordan, der das Land durchschneidet, an seinen Ufern haben Juden gearbeitet und in sein Wasser geschaut, wie es weit hinwegströmt." „Wie es weit hinwegfließt? Wie unser Wasser hier?" „Unser Wasser?" spricht der Enkel, „fremd ist es uns! In diesem Wasser floß jüdisches Blut. Dort unten weit in Palästina, dort ist unser Platz, dorthin zieht uns unsere Sehnsucht." „Dort, weit in Palästina," wiederholt der Alte vor sich hin, schüttelt mit dem Kopfe und schaut in das Weite. — Jenseits des Städtchens, am Ufer, erblickt man den Friedhof; der kleine Zaun ist halb versunken in die Erde, man sieht einige Grabsteine und einige Bäume, die auf dem Berge stehen und in der Mitte das kleine Dach eines Zeltes, unter welchem sich das Grab des heiligen Rabbi befindet. Und dort weiter hinter dem *) Abendgebet.

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