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Neue Nationalzeitung · 1907-08-30 · Heft 38 (30.8.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 38 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 »Nene National-Zeltung« Nr. 38 Bevor ich Tanger verlassen hatte, begab ich mich zu Herrn St. Aulaire, den ich von meiner Mission verständigte. Er gab mir Empfehlungsbriefe an die französischen Militärbehörden. Nach meiner Ankunft besuchte ich den französischen Vizekonsul Megre, dem ich den Grund meiner Rückkehr mitteilte. Er begrüßte mich sehr herzlich, bedauerte den Raub im Meli ah, und versicherte mich der wärmsten Sympathien der französischen Behörden für die Juden. Er sprach sogar von einer eventuellen Wiederherstellung des Judenviertels, doch ich erwiderte, daß es sich vorläufig in erster Linie um die Verteilung von Nahrungsmitteln an unsere Glaubensgenossen handle. Er stellte mir eine Patrouille zur Verfügung, damit ich die Lebensmittel umlade, und in seiner Begleitung besuchte ich den zerstörten Mellah, wo ich den Juden Trost zusprach. Sie waren wirklich sehr erfreut ihren Repräsentanten zu sehen, da sie sich nicht mehr einsam und verlassen fühlten. Leider sind sie alle, ich wiederhole es, ohne Kleidung, ohne Brot, ohne Zelte. Es wäre sehr notwendig, für diesen Zweck Geld zu sammeln.» «Casablanca, den 15. August. Ich habe die Ehre, Sie über die Vorgänge der letzten 14 Tage nachstehend zu informieren. Nachdem seitens der französischen Flotte der erste Schuß gefallen war, überfielen die Maghgzen, begleitet von allerhand Gesindel, den Mellah, begannen zu rauben, zu plündern, zu brennen und zu morden. Das geschah durch drei Tage und nahm erst ein Ende, als die französischen Truppen die Stadt eroberten. Es hat kein Haus, keine Familie, keine Person gegeben, auf die Rücksicht genommen worden wäre. Höchstens fünf bis sechs jüdische Häuser sind intakt geblieben, da sie sich in der Nähe der Konsulate befinden. Die Kaiseria, das Viertel der jüdischen Kaufleute, in dem sich mehr als 500 Geschäfte befinden, wurde niedergebrannt Nur die Ruinen sind übrig geblieben. Der Mellah wurde von einem Ende bis zum andern geplündert. Unsere Schulen sind zerstört, die Bücher verbrannt, die Schuleinrichtung gestohlen, in der Talmud-Tora-Schule ist alles in kleine Stücke zerbrochen worden. HerrSousana, der Leiter dieser Schule, wurde bis aufs Hemd beraubt. Nur die Bettstelle wurde ihm zurückgelassen. In den Synagogen ist alles verwüstet, das Silber gestohlen, die Bundesladen ausgeraubt. Nur mit Mühe sind die Torarollen gerettet worden. Allein dies r Raub und diese Brandstiftungen waren nicht das Aergste. Die schändlichsten Greueltaten spielten sich hiebei ab. Frauen und Mädchen wurden geschändet und geraubt. Einer unserer Rabbiner hatte eine einzige Tochter. Er hatte es abgelehnt, sich einzuschiffen, aus Geiz. Die Araber nahmen ihm alles weg, auch seine Tochter. Er hatte ihnen alles angeboten, sein ganzes Hab und Gut, wenn sie nur seine Tochter freiließen! Es half nichts. Er lief hinter ihr her, da wurde er durch einen Dolchstoß ins Gesicht betäubt. Als er zu sich kan, war die Tochter verschwunden. Auch die sechszehnjährige Tochter eines anderen Rabbiners wurde geschändet. Ein junges Weib, das erst 14 Tage verheiratet war, wurde fortgeschleppt. Als sie sich vor dem Tore der Stadt weigerte, weiterzugehen, wurde sie ermordet. Das sind nur Einzelfälle, die ich hervorhebe; das Ganze läßt sich nicht schildern...... Es wurden 30 Juden ermordet, über 60 verwundet, zahlreiche Frauen geschändet, und mehr als 250 Frauen, Kinder und Mädchen geraubt. Wir beklagen den Tod des Mr. Sassoon und des Mr. Ettedgui, beide Freunde und Förderer der Allianzschulen. Die Stadt ist wie ausgestorben, man sieht nur hie und da Soldaten oder Juden auf der Straße. Von den 6000 Juden, die unsere Stadt beherbergte, sind 1000 nach Gibraltar oder Tanger, 1500—2000 in die umliegenden Ortschaften geflüchtet. Nun kommen sie langsam zurück. General Drude, den ich sprach, versicherte mich, alles zum Schutze der Juden aufbieten zu wollen. Leider herrscht jetzt bei den eingeborenen Juden großes Elend. Ich habe ihnen zu helfen versucht, so gut ich konnte, auch das englische und französische Konsulat waren mir behilflich. Wir erwarten eine baldige Aenderung der Verhältnisse zum Bessern. Mehrere Stämme haben sich bereit erklärt, ihre Waffen zu strecken und eine der Friedensbedingungen wird darin bestehen, daß das Leben und das Eigentum der Juden beschützt werde«. Nordamerika. Professor Masaryk in Amerika. New-York, den 18. August. (Orig.-Korr.). Reichsratsabgeordneter Prof. Masaryk ist in Begleitung seines Sohnes und seiner Schwiegertochter in Bridgeport gelandet, von wo er in nächster Zeit hieherkommt. Die hiesige Judenschaft bereitet dem Gelehrten große Ovationen vor. Insbesondere ist es die »Federation der galizischen und Bukowinaer Juden«, welche für Professor Masaryk einen Empfangsabend veranstalten wird. Die jüdischen Blätter beschäftigen sich alle eingehend in großen Artikeln mit der judenfreundlichen, politischen Tätigkeit Masaryks und heben besonders die Betätigung dieses »Österreichischen Zola« im Hilsner-Prozeß hervor. Die jüdische Wochenschrift »Jewish Gazette« schließt ihren umfangreichen Artikel über Masaryk mit folgenden Worten: »Die New-Yorker Juden müssen dem Professor Masaryk während seines jetzigen Besuches ihre Dankbarkeit beweisen. Die amerikanische Judenschaft muß ihre Sympathie für diesen Christen an den Tag legen, der ein Kämpfer für Juden, Judentum und für die Freiheit im allgemeinen ist. Möge er wissen, daß, wenn „er auch dort im christlichen Lande nicht gesiegt hat, er bei uns, den Kindern des Volkes, das nie seine Freunde vergißt, Dank findet. Es muß ein jüdisches Komitee organisiert werden, welches dem großen Gast einen würdigen Empfang zu veranstalten hätte«. Das Jiddisch-Tagblatt »Jewish Daily News«, hat sofort die Gelegenheit wahrgenommen, Professor Masaryk über den Zionismus zu interviewen. Er erklärte: »Ich entbiete dem Zionismus meinen Gruß. Denn er hat den Mut und das Selbstbewußtsein wachgerufen, die den wesentlichen Inhalt des jüdischen Volkes bilden. Diese Bewegung hebt den Juden aus seiner Sklaverei heraus. D e r Jude sollte auf seine Rasse und seine Nationalität stolz sein! Er müßte dem Christen sagen: »Wir sind nicht besser, aber auch nicht ärger als Ihr! Ihr habt Verbrecher in euerer Mitte, ebenso wie wir. Ihr übernehmt für dieselben keine Verantwortung, ebensowenig wie wir«. Der Jude sollte alle Angriffe und Verleumdungen zurückweisen. Der Zionismus lehrt ihn, seine Rechte zu fordern! G5MEiNÖ5=üwi> VSRGiNSNAUiRitfftSN Wien. Der Zionistische Zentralverein teilt mit, daß auch in diesem Jahre in allen Räumen des Kongreßbureaus (IX. Bez., Türkenstraße 9) an den hohen Feiertagen ein Gottesdienst stattfindet, weshalb die P. T. Gesinnungsgenossen und ihre Damen eingeladen werden, rechtzeitig die gewünschten Plätze zu belegen. Anmeldungen etc. sind zu richten an Herrn W. Teitelbaum im Kongreßbureau, der auch nähere Auskünfte erteilt. Wien. Der »Verein der Hörer an der israel. theol. Lehranstalt« in Wien empfiehlt Prediger für die hohen Feiertage. Diesbezügliche Anfragen sind zu richten, an: Dr. K.Kupfer, Wien, II., Rembrandtstraße 32, Tür 18. Prerau. Die Jüdisch-akad. Ferialverbindung »Massada« hat folgende Chargen gewählt. Kand. ing. Moritz Himmler X med. Hugo Adler XX, jur. Heinrich Mandl XXX. Diese Verbindung hat am 25. August zu Prerau ihr 20semestriges Stiftungsfest gefeiert. M.-Ostrau. Die Chargenwahlen der jüd.-akad. Ferialverbindung »H e s s i a n a« haben folgendes Ergebnis : JUC. Robert Beer X, cand. phil. Ernst Spitzer XX, cand. phil. Siegfried Schmitz XXX. Ung.-Hradisch. Die jüd.-akad. Ferialverbindung »Achiwah« veranstaltet am 1. September 1907 aus Anlaß ihres 20semestrigen Bestandes einen Stiftungskommers, zu dem alle Freunde der Verbindung höflichst eingeladen sind. Briefkasten der Redaktion. J. Sch. Die von Ihnen erwähnte Rede haben wir lediglich aus Mangel an Raum weglassen müssen. Dr. E. hat übrigens seine frühere Rede später revoziert, wie Sie sich aus dem Protokolle überzeugen können. Gruß. Dr. Z. Z. Ueber dieses Thema schreiben wir redaktionell nicht, weil uns von einem hervorragenden afrikanischen Forscher hierüber ein Artikel in Aussicht gestellt wurde. S. B. Was für ein Blatt meinen Sie? Soll es ein Tagblatt oder ein Wochenblatt sein? Der Schluß des Aufsatzes von Hofrat Professor H. Vambery: «Sultan Abdul Hamid« kann wegen Raummangels erst in der nächsten Nummer erscheinen.

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