Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 38 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 »Neue Naüonal-Zeitung« Seite 9 stattet; die erschöpften lßO Leute mußten nach einer Tagereise sofort die Fahrt nach Rotterdam fortsetzen. Die Blatternerkrankungen in Wien gaben der Polizei den ganz erwünschten Anlaß, selbst den kürzesten Aufenthalt zu verbieten. Wozu derlei Chikanen der Polizei nützlich sind, weiß allerdings niemand. Unter den männlichen Auswanderern befinden sich erfreulicherweise viele Handwerker. Für sie dürfte in Montreal (Kanada), wohin alle expediert wurden, reichliche Arbeitsgelegenheit vorhanden sein. Aber auch die anderen sehen ihrer Zukunft getrost entgegen, denn darüber hegt keiner Zweifel: schlechter wie in Rumänien kanns ihnen auch drüben nicht gehen. Sie verließen eine „Heimat", die sie wie Fremde behandelte, um in einem fremden Lande durch fleißige, ehrliche Arbeit heimisch zu werden, um mit Frau und Kind ruhig leben zu können. Diese Gepeinigten und Verfolgten stellen wenig Ansprüche an das Leben. Sie erhoffen nicht zu viel. Möge ihnen das wenige in Erfüllung gehen! m. seh. Wie arme Juden sterben. Wien. Wir erhalten vom Sekretariate der israelitischen Kultusgemeinde Wien nachstehende Zuschrift. „In Nr. 34 Ihres geschätzten Blattes vom 2. August 1907 werden in einem Artikel „Wie arme Juden sterben" unrichtige Behauptungen aufgestellt. Was den speziellen in diesem Artikel zur Sprache gebrachten Fall anbelangt, ist laut Bericht der Spitalsdirektion der Tod des Patienten keineswegs unerwartet eingetreten, vielmehr sind die Angehörigen desselben schon Tage vorher auf die zunehmende Verschlimmerung aufmerksam gemacht worden, und war ihnen im übrigen, wie aus dem Artikel hervorgeht, die Hoffnungslosigkeit des Zustandes wohlbekannt. In dem Spitale der israelitischen Kultusgemeinde werden die Angehörigen eines Patienten teleplionisch oder telegraphisch oder auf eine andere rasche Art stets von Verschlimmerungen im Hefinden des Kranken verständigt. Im vorliegenden Falle waren die Angehörigen, wie bereits erwähnt, Tage vorher von der Schwere des Leidens unterrichtet, und war auch der anwesende Sohn des Sterbenden ca. eineinhalb Stunden vor Eintritt des Todes auf das voraussichtlich bald erfolgende Hinscheiden seines Vaters aufmerksam gemacht und blieb auch beim Eintreten des Todes anwesend. Was die Sterbegebete anbelangt, ist es bekannt, daß dieselben jeder Jude verrichten kann In den weitaus meisten Fällen verrichten in diesem Spitale die anwesenden Verwandten oder die im selben Zimmer untergebrachten Patienten die Sterbegebete. Es ist daher speziell für das Spital der israelitischen Kultusgemeinde nicht notwendig, einen eigenen Funktionär für diese Gebete zu bestellen. (!) Das Zudrücken der Augen ist ein Akt der Pietät, der einem Mitgliede der Familie obliegt; geschieht dies nicht, dann, so erklärt der Assistenzarzt, ist er es, der bei der Totenbeschau, bezw. bei der Revision der Pupillen das Schließen der Augenlider nie unterläßt. Hochachtungsvoll, Der erste Sekretär: Dr. Lieben m. p. Unser Mitarbeiter, Herr Max Schacherl, sandte uns hierauf nachstehende Erwiderung: Vergleichen wir obige Richtigstellung' mit meinem Artikel, so ist zu ersehen, daß die ,Israelitische Kultusgemeinde' das Tatsächliche meiner Ausführungen nicht bestreiten kann. Es wird einzig und allein versucht, das bureaukratische und unjüdische Gebahren, das ich in meinem Aufsatze streng sachlich und im Rahmen unumstößlicher Tatsachen geschildert habe, zu beschönigen. Die Zuschrift versucht es allerdings, den Fall rein persönlich zu behandeln, allein der Fall ist leider kein bloß persönlicher. Solche Vorfälle haben sich in mehr oder minder ähnlicher Weise schon oft im Rothschild-Spitale erreignet, und das Vertrauen der Oeffentlichkeit in dieses Institut erschüttert. Die Kultusgemeinde muß daher schon etwas mehr tun, als sich au einen einzigen Fall klammern. Denn selbst die Herren aus der Seitenstettengasse stehen nicht so souverän über der öffentlichen Meinung, wie sie sich den Anschein geben. Es ist fürwahr eine Kühnheit, zu behaupten, daß für ein jüdisches Spital ein Funktionär zur Verrichtung der Sterbegebete nicht nötig sei! . . . Was sagen denn dazu die Herren Rabbiner?"' Die Ignoranz des Grafen Sternberg. Marienbad, den 25. August. (Orig. Korr.) In einer Versammlung, die von jüdischer Seite arrangiert wurde, hat Herr Adalbert Graf Stern berg vorgestern einen Vortrag über die «Politik der Juden in Oesterreich» gehalten. Die paar Herren, die sich eine Ehre daraus machen, mit Herrn Grafen Sternberg in den Gassen herumzuparadieren, haben diese Rede sofort in den Wiener Blättern als eine «bedeutende Enunziation» telegraphisch mitgeteilt. So sehr es auch merkwürdig erscheint, daß Juden einen «tschechisch-katholischen Abgeordneten» wie ersieh selbst nennt, der durch seine antidynastischen und aniisozialistischen, oratorisch sehr unappetitlichen Auslassungen bekannt ist, zu einem Vortrage eingeladen haben, so wäre dies vielleicht begreiflich, wenn Graf Sternberg im Punkte der Judenfrage ein modern und sozial denkender Politiker wäre, oder wenn er durch irgend welche Verhältnisse in die Lage gekommen wäre, unsere Volksmassen kennen zu lernen, denen er nunmehr Rezepte diktieren soll. Nichts von all' dem. Graf Sternberg hat wiederholt Gelegenheit genommen, den Juden Assimilation und sozialen Konservatismus zu empfehlen. Diese Phrasen hat er auch nunmehr bei dem letzten Vortrage wiederholt. Er hat hiezu noch eine kleine Dosis von Mittelstandspolitik beigefügt. Diese Rede hat dem Grafen Sternberg Gelegenheit gegeben, seine volle Ignoranz zu beweisen. Denn nichts anderes als Ignoranz ist es, wenn von ihm behauptet wurde: «Das westeuropäische Judentum stellt nur den Mittelstand dar. Der Mann in der blauen Bluse fehlt.» Da scheint nun der Redner nicht zu wissen, daß es im Judenviertel von New-York und London, von Leeds und Manchester, von Paris und Amsterdam Hunderttausende jüdischer Arbeiter gibt. Es ist ja gerade der höchste Unsinn, wenn er ausführt: »In Ländern wie z. B. England, wo das Judentum wenig verbreitet ist, bleibt ihm keine andere Politik, als die der Assimilierung übrig.» Wir wissen es nicht, wie Graf Sternberg die Tausende russische und galizische Juden, die in den verschiedenen Städten Englands leben und arbeiten, die bei aller Liebe zu ihrem neuen Vaterland ihre jüdischnationale Eigenart bewahren wollen und selbst beim Zionistenkongreß durch 32 Delegierte vertreten waren, assimilieren will, wenn sie es selbst ablehnen. Wir raten dem Grafen Sternberg und seinen Impresarios, mit derartigem Geschwätz das jüdische Publikum lieber zu verschonen. Ein Kurgast. Deutsches Beieh. Spenden der A. I. U. Berlin. Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle teilt mit: Aus Anlaß der jüngsten Vorkommnisse in Casablanca, wo das Judenviertel geplündert und teilweise verbrannt wurde, hat das Pariser Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle zur Linderung der augenblicklichen Not den Betrag von 5000 Frs. nach Casablanca telegraphisch übermittelt. Ferner hat das Zentral-Komitee der Alliance Israelite Universelle für die zwei in Rußland abgebrannten Ortschaften Stolbozy und Smöliany eine Subvention von 8000 Frcs. bewilligt. Frankreich. Die Jnden in Casablanca. Paris. Herr Narcisse Leven, Präsident der «Alliance Israelite Universelle», hat vom Direktor der Allianzschule in Casablanca, Herrn Pisa, über die schrecklichen Vorgänge in dieser Stadt, nachstehende zwei Briefe erhalten: «Casablanca, den 13. August. Ich habe die Ehre mitzuteilen, daß ich heute nach Casablanka zurückgekehrt bin, um mich über die Situation unserer Glaubensgenossen zu informieren. Ich habe eine Menge von Lebensmitteln und Medikamenten mitgebracht. Da ich durch zwei Tage vergeblich auf einen Dampfer in Tanger gewartet habe, sah ich mich veranlaßt, einen Dampfer zu mieten, um Lebensmittel nach Casablanca zu bringen, wo die Juden, wie mir gesagt wurde, dem Verhungern nahe waren.