Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 38 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 »Neue National-Zeitung« Nr. 38 warum soll es nicht auch bei dieser Gelegenheit mit dem zur selben Zeit lebenden Jesaias IL, der die Einheit Gottes in solchen erhebenden Worten predigte und die Bestimmung Israels so schön uud ergreifend schilderte, bekannt gemacht werden? Wenn ihm von Rudolf von Habsburg erzählt wird, soll er auch Rabbi Mai er von Rotenberg kennen lernen, diesen großherzigen und opferwilligen Gelehrten, der von der Regierung gefangen genommen und von der jüdischen Gemeinde losgekauft, sich durch nichts bewegen ließ, seinen Kerker zu verlassen, um nicht die Habsucht der Herrscher zu stacheln, damit nun diese andere jüdische Gelehrte gefangen nehmen und von den jüdischen Gemeinden Lösegeld erpressen. Dieser Mann starb im Kerker, bis an sein Lebensende lernend und lehrend. Nun wundere sich einer über den überhand nehmenden Indifferentismus im Judentum, über die sich läglich vergrößernde Zahl, der ihrem Glauben abtrünnig gewordenen Juden. Was ist dem modernen Juden das Judentum, das er so oberflächlich kennt, mehr als eine unbequeme Bürde, die er bei erstbester Gelegenheit abzuschütteln oder, wenn ihm der nötige Mut dazu fehlt, wenigstens zu verleugnen sucht? Kennt er seine edlen Vorfahren, um darauf stolz zu sein, daß er ihr Nachkomme sei? Weiß er wie viel Ströme Blutes für diese Religion geflossen, weiß er wie teuer diese erkauft wurde, um sie darnach zu schätzen? Kennt er den wahren Kern des Judentums? Keineswegs. Er kennt nur die bitter schmeckende Schale. Und wenn er dieses unnütze Zeug wegwirft, bleibt ihm eben nichts. Was tun überhaupt selbst die mit ausschließlich jüdischen Mitteln erhaltenen Schulen, um die Kenntnis des Judentums den Schülern beizubringen? Ein gedrängter Auszug aus der biblischen Geschichte, und dort, wo spezielle Hebräisch-Lehrer bestellt sind, noch eine kleinere oder größere Anzahl von hebräischen Vokabeln — das ist der ganze Lehrstoff aus dieser Disziplin. Hier in der Volksschule tut ein biographischgeschichtlicher Unterricht not. Dieser Unterricht, mit Wärme vorgetragen, soll unsere Kinder sein Volk kennen und schätzen lehren. Nur dieses Mittel allein ist imstande die Selbstachtung unseres Volkes zu heben und der Lauheit in Glaubenssachen entgegen zu arbeiten. Man möge mich hier nicht mißverstehen, als ob ich dem kleinlichen Chauvinismus oder dem engherzigen Nationalismus das Wort reden wollte. Beide sind mir gleich fern. Ich verstehe darunter vielmehr eine jüdische Erziehung als Ergänzung der allgemeinen menschlichen Erziehung. Soll nämlich der allgemeine Unterricht in der Volksschule den Menschen bilden, so soll der jüdische Unterricht in ihm den Juden stützen, die jüdische Religion und das jüdische Volk ihn schätzen lehren und jüdische Tugenden pflegen. Diesem Unterrichte soll ein historisches Lehrbuch zu Grunde liegen, welches Erzählungen aus der jüdischen Geschichte, gleichviel ob mit wirklicher historischer Unterlage oder mit traditioneller und poetischer, in einer entsprechenden Auswahl und einer dem Anschaffungsvermögen der Schüler passenden Form zu enthalten hätte, Erzählungen, die ein Anrecht auf das Interesse der Schüler haben, gemütsbildend wirken, aber gleichzeitig geeignet sind, das kulturelle Leben der betreffenden Zeit in markanten Zügen zu charakterisieren Solche Erzählungen sollen sich um gewisse hervorragende Personen von kultureller Bedeutung für das Judentum wie Hille 1, Juda Hanassi, Maimonides, Mendelsohn ete. gruppieren. In den Geistesheroen der jüdischen Geschichte findet er leicht seine Ideale, die ihm nachahmenswert erscheinen, während er sich den niehtjüdischen Helden gegenüber, die er aus dem allgemeinen Unterricht kennen lernt, vielleicht bald verhalten würde. In diesem Lesebuche können auch manche geeignete Stücke poetischen Inhalts, besonders, die ein Bestandteil unserer Gebete bilden, wie einige Auszüge aus den Psalmen, aus dem Schir hajichud von Gabirol, Zioniden von Juda Halevi u. dgl. an passender Stelle ihren Platz finden. Dieses Buch soll wohl in chronologischer Ordnung zusammengestellt werden, woraus aber nicht mit Notwendigkeit folgt, daß die einzelnen Lesestücke in derselben Ordnung in der Schule genommen werden müssen. Die einzelnen Lesestücke dieses Buches sollen sich vielmehr möglichst an die historischen Lesestücke des allgemeinen Lesebuches anschließen und so soll zum Beispiel das Lesestück über Maimonides in derselben Zeit genommen werden, in der beim Sprachunterricht über Heinrich IV. unterrichtet wird. Auf den letztgenannten Umstand muß schon bei Abfassung des Lesebuches Bedacht genommen werden. Man müßte nämlich die historischen Lesestücke in den Lesebüchern für allgemeine Volksschulen beachten, um zu wissen, in welcher Stufe jedes der jüdischen Lesestücke im Anschluß an den ersteren wird unterrichtet werden müssen, um sowohl den Inhalt als auch die Form des Lesestückes der betreffenden Stufe anzupassen, da doch ein für die IV. Stufe berechnetes Lesestück für die I. Stufe nicht gut passen würde. Dieser jüdische Unterricht soll von einem eigens zu diesem Zwecke bestellten Lehrer mit jüdischem Wissen in etwa 6 Stunden wöchentlich besorgt werden. Das diesem Unterrichte zu Grunde liegende Lesebuch könnte wohl in der Unterrichtssprache der betreffenden Schule geschrieben werden, aber besser wäre es gewiß, wenn es in hebräischer Sprache verfaßt wäre, wofür viele Umstände deren Auseinandersetzung an dieser Stelle zu weit führen würde, sprechen. Ein solches mit Geschick abgefaßtes jüdischhistorisches Lesebuch könnte endlich auch dem Erwachsenen Interesse abgewinnen, der, nachdem er schon die Schule längst hinter sich hat, es gern und oft in die Hand nehmen wird, um sich daran zu erbauen. KPRReSP0ND6NZCN Oesterreich-Ungarn, Die rumänischen Emigranten. Wien, den 25. August. (Orig.-Korr.) In den letzten zwei Wochen beherbergte Wien rumänische Emigranten. Eigentlich durfte sich nur der erste Trupp der Wohltat erfreuen, eine Nacht in Wien zu verweilen. Die zuerst hier eingetroffenen Emigranten wurden in einem obskuren Massenquartier, an der äußersten Stadtgrenze, beim Alten Landgut untergebracht 150 Personen, darunter viele Frauen und Kinder, wohnten in einem kellerartigen Souterrainlokal, das zu besseren Zeiten ein Stall gewesen sein mag. Die „Israelitische Allianz" kann diesbezüglich kein Verschulden treffen, da die Unduldsamkeit der Wiener Behörden ihre Dispositionen in jeder Weise beeinträchtigte. Sie wollte auch vermeiden, daß die armen Juden vor Ablauf des Sabbaths ihre Reise fortsetzen, da viele von ihnen streng religiös sind. Die Verköstigung über Samstag und das Quartier wurden bezahlt, aber die unergründliche Weisheit der Wiener Polizei brachte den Befehl, daß die Emigranten schon um 5 Uhr nachmittags am Samstag zur Bahn fahren müssen! Das tiefe Rätsel, das in diesem Ukas verborgen, zu lösen, bleibt der Wiener Polizei vorbehalten. Dem zweiten Trupp, der am letzten Freitag hijßr eintraf, wurde der Aufenthalt überhaupt nichtge-