Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 38 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 ►Neue National-Zeitung« Seite 7 der Frage der materiellen Existenz der Juden nicht nur mit schönen Phrasen gerecht werden, sondern sie muß die ökonomische Hebung der galizischen Juden als ihr wichtigstes Ziel betrachten. Und Galizien ist auch das Land — wie wir schon bemerkt haben — in welchem eine derartige jüdischnationale Politik die besten Chancen und Hoffnungen hat. Die Judentrage ist eines der wichtigsten Probleme Galiziens. Die Polen wissen das sehr gut und nicht einmal hat schon der galizische Landtag dieser Frage sein Augenmerk zugewendet, zuletzt wieder mittels eines Beschlusses, daß die Ursachen des Elends der galizischen Juden zu untersuchen seien. Mehr Ehrlichkeit bedarf es seitens der jüdischen Abgeordneten, die im Landtag sitzen, mehr aufrichtiges Interesse für die Sache und die Frage könnte mit allem Ernst aufgerollt und behandelt werden. Im Lande wohnen wir in einer solchen stattlichen Zahl, daß man über uns nicht so leicht zur Tagesordnung übergehen kann. Es ist ja schon nicht einmal geschehen, daß manche Gesetze in Galizien nicht in Kraft treten konnten (Gewerbenovelle!) oder auch in anderer Form für Galizien beschlossen wurden, weil sie im Zusammenhang standen mit dem jüdischen Leben, das so viel wesentliche Unterschiede von dem Leben der anderen Völker aufweist. Der ganze galizische Handel befindet sich heute noch in den Händen der Juden und hier ließe sich schwerlich etwas bestimmen oder ändern ohne alle Rücksichtnahme auf die besonderen bestehenden jüdischen Interessen. Und wenn es dennoch nicht geschieht, wie es sein sollte; wenn unsere Rechte und uusere Interessen mit den Füßen getreten werden (Sonntagsruhe, Hausierergesetz!) und wir nicht die Macht ausüben, welche de facto uns im Lande gebührt, ist es nur Schuld der bisherigen assimilatorischen Anführer, die die jüdischen Angelegenheiten verraten und schändlich verkauft haben. Wenn aber im jüdischen Lager mit der Assimilation Ordnung gemacht wird, dann verfügen wir über den ganzen Handelsstand in Galizien, fast über die ganze Stadtbevölkerung in Ostgalizien und zuletzt über eine so ansehnliche Zahl in den westgalizischen Städten, daß wir einer der wichtigsten Faktoren in ihrem Lande sind. Es hängt also viel, sehr viel von der Stellung der Juden im Lande ab, die sie einnehmen werden in allen politischen, nationalen und sozial-ökonomischen Fragen. Wir bilden eine politische Macht in Galizien und diese müssen wir eben ausnützen, um unser Ziel zu erreichen. Für die Idee der sozial-ökonomischen Hebung der jüdischen Massen werden wir sicher tausende neue Anhänger gewinnen und auch unseren jetzigen Einfluß auf das jüdische Volk verstärken und erweitern. Vergessen wir nicht: man kann nicht fortwährend arme Massen mit nationalen Schlagworten und Forderungen nähren! JAKOB FIXE- Die nationale Erziehung in der Schule. Eine moderne Erziehung, die es auf das Innere des Zöglings absieht, die den Kern desselben treffen will, die die Bildung eines moralischen Charakters zum Zwecke hat, muß bekanntlich die Individualität des Erziehungsobjektes berücksichtigen und darnach ihre Erziehungsmittel einrichten. Die Individualität des Kindes aber wird größtenteils durch die natürlichen, meist vererbten Anlagen bestimmt, welch letztere um so schwerer ins Gewicht fallen, je größer die Ahnenreihe ist, die an der Entstehung und Ausbildung dieser Anlagen Anteil genommen und je reiner, ohne fremde Beimischung, sich diese Ahnenreihe erhalten hat. Nun bildet das jüdische Volk, das sich durch so eine lange Reihe von Jahrhunderten ohne Vermischung erhalten, geradezu das Schulbeispiel einer physischen Gemeinschaft, die durch Ausschluß der ehelichen Vermischung mit anderen Stämmen entstanden ist. Rechnet man zu dieser physischen Einheit des Blutes und der Abstammung noch die gemeinsame historische Entwicklung, die selbst nach dem Untergange der politischen Selbständigkeit der Israeliten, noch eine geraume gewiß nach Jahrhunderten zählende Zeit fortdauerte, ferner die gemeinsame Religion, welche das ganze Leben des Volkes in so hohem Maße beeinflußte — so wird man begreifen, welche ausgeprägte spröde Eigenart die Juden darstellen. Mit dieser Eigenart eben, dieser jüdischen Individualität, muß jede jüdische Erziehung rechnen, wann ihre Tätigkeit Erfolg haben soll. Diese Eigenheit übersehen oder sie gar wegleugnen wollen, hieße die Augen schließen, damit andere uns nicht sehen. Eine Erziehung, die mit diesen Eigenarten nicht rechnet, begibt sich von vornherein der ihr von der Natur gebotenen Vorteile und kann nicht gut auf den Namen einer rationellen Erziehung Anspruch machen. Das wäre vielmehr eine Dressur, ein Drill, die Halbmenschen, Zwitterdinge, moralische Krüppel, aber keinen moralischen Charakter heranzubilden imstande wäre. Wahre Menschenliebe ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung, Wohltätigkeitssinn, Billigkeitsgefühl, Keuschheit, Schamhaftigkeit und Familiensinn, geistige Regsamkeit, Lern- und Lehrbegierde — das sind vorzüglich die Eigenschaften, wodurch sich das jüdische Volk immer ausgezeichnet hat. Diese von unseren Vorfahren ererbten moralischen Güter zu erhalten und weiter auszubilden ist heilige und unabweisbare Pflicht einer jeden jüdischen Erziehung. Unsere Erziehung muß daher an die Vergangenheit des Volkes anknüpfen; sie muß sich also auf einer geschichtlichen Grundlage erheben, indem unsere Kinder mit den Geistes- und Moral beiden unserer Geschichte, die diese jüdischen Tugenden hegten*und pflegten, bekannt gemacht werden. Der hohe Wert dieses wichtigen Erziehungsmittels ward seit jeher allgemein anerkannt und für den Erziehungszweck verwertet, indem schon meistens in den niederen Klassen der Volksschule mit biographischgeschichtlichem Unterricht begonnen wird. Dieser Unterricht wird dann in den höheren Klassen entsprechend erweitert, so daß der Schüler nach Absolvieren der Volksschule die ganze Geschichte seines Volkes, wenn auch nur in größeren Umrissen kennt. Und der jüdische Schüler? Ein jüdisches, die allgemeine Volksschule besuchendes Kind in Galizien beispielweise kennt nach Verlassen der Schule in der Regel gut die polnische Geschichte, es weiß auch etwas von der österreichischen Geschichte, aber von der jüdischen Geschichte weiß es nicht mehr als seine niehtj üd ischen Mitschüler. Ein jüdischer Schüler lernt hier den Gründer des polnischen Staates, Boleslaw Chrobry, kennen, aber von dessen Zeitgenossen Gersonides, dieser „Leuchte der Diaspora", der, obwohl mit keiner weltlichen Gewalt ausgestattet, nur kraft seines moralischen Geistes einen solchen segensreichen Einfluß auf das Judentum ausübte und dessen bekannte Verordnungen wie Wahrung des Briefgeheimnisses u. dgl. von bindender Kraft für sämtliche, in allen Ländern zerstreuten Juden waren, hat das jüdische Kind keine Ahnung. Selbst mit der Bekanntschaft des zeitgenössischen heiligen Adalbert (St. Wojciech) wird hier der Schüler beehrt, aber von dem Blutbade, das dieser phanatische Geistliche mit dem Kreuze in der Hand unter den Prager Juden zu Ehren Gottes angerichtet hat, wird wohlweislich geschwiegen! Wenn das Kind vom griechischen Weisen Solon hört,