Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 38 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 -Neue National-Zeltung:« Nr. 38 als ihr „Landesprogranim" bezeichneten und welche noch heute ihrer Realisierung geduldig entgegensehen. Denn trotz mancher sehr ernster Stimmen, die bei jeder Gelegenheit für einen energischen Kampf um die Rechte der Juden eintraten, haben die Zionisten, die ja bis nun die Leiter und einzigen Verfechter der jüdischnationalen Idee in Galizien sind — in den ersten 12 Jahren fast gar nichts für ihr Landesprogramm geleistet. Die Schwäche der Partei und ihr winziger Einfluß auf die jüdischen Massen erlaubten ihr nicht, an eine besondere jüdische Politik im Lande heranzutreten; es wirkte auch lähmend der Geist des Herzischen Zionismus, der eine rationelle jüdische Sozialpolitik im Lande ausschloß. Die Wahlreforui, die so manches in Galizien änderte, hat auch in der zionistischen Partei einen Umschwung herbeigeführt. Charakteristisch für die neue politische Bewegung in Galizien ist es, daß sie ohne jedwede Agitation, ohne ein kristallisiertes Programm, aus sich selbst heraus — sozusagen — entstanden ist, und daß sie die Führer erst rufen mußte. Der letzte Kampf der jüdischnationalen Partei ist genügend bekannt. Man hat schon die Bilanz gezogen und sie lautet: Die jüdischen Massen stehen vor ihrer wirklichen Auferstehung. Die 32.000 jüdischnationalen Stimmen — trotz des Terrors und der Gewalttätigkeiten der Behörden — sind der beste Beweis dafür. Es hat sich aber auch eine tiefe Lücke fühlbar gemacht. Man wurde sich bald bewußt, daß die ganze bisherige politische Tätigkeit eigentlich nur eine Wahlaktion war. Sie entbehrte der festesten und sichersten Grundlage einer großzügigen jüdischen Politik: der sozialpolitischen und ökonomischen Tätigkeit zwecks Hebung des galizischen Judentums. Galizien samt der Bukowina ist nicht nur ein Land, welches — was ja allgemein schon bekannt ist — eine rasche und gut bedachte jüdische Realpolitik "braucht, sondern ist auch, unserer Meinung nach, ein Land, in welchem sich am ehesten eine besondere jüdische Politik führen läßt. Das Elend des galizischen Judentums ist sprichwörtlich geworden. Es besteht darin, daß 279.571 Seelen, d. h. 35% aller galizischen Juden im Handel tätig sind. Ein armes Land aber, wie Galizien, in welchem im Jahre 1900 von 7,315.939 Einwohnern nicht weniger als 5,603,385 nur vom schlecht bewirtschafteten Ackerbau lebten," in welchem die Industrie sich noch fast gar nicht entwickelt hat. welches im Verlaufe von 10 Jahren ein Kontingent von 302.703 Emigranten lieferte, die in ihrer Heimat den Todeshunger erleiden müßten — ist nicht imstande, eine so große Zahl von Kaufleuten und Maklern genügend zu ernähren. Länder mit einer großen Industrie und dichten Stadtbevölkerung können nicht einen so hohen Prozentsatz von Kaufleuten, wie das blutarme Galizien, aufweisen. Und dieser „Handel" der Juden besteht in den häufigsten Fällen in einem kleinen Laden, der mit einem Kapital von 100 bis höchstens 500 Gulden ausgerüstet ist, oder er ist ein „Geldgeschäft", ein gewöhnlicher Wucher, welcher mit einem Kapital von 1000 Gulden „Wochenperzent" von den armen Hausierern oder kleinen Krämern herauszieht. Nur ein äußerst spärliches Leben kann diese Masse von Proletariern erhalten, die weder Kredit noch irgendwelche Fachkenntnisse besitzen, dafür aber allerhand Wucherern und den ständigen Chikanen allerlei Behörden ausgeliefert sind. Das wachsende Selbstbewußtsein der erbgesessenen Bevölkerung und ihr Streben nach der Schaffung einer selbständigen nationalen Wirtschaft, die aller fremden Organe entbehren könnte, führte zur Gründung von polnischen „Kölka rolnicze" und ruthenischer „Torhowle", die tausende jüdische Familien ruinierten. Die Zahl der „landwirtschaftlichen Genossenschaften", die im Jahre 1890 607 betrug, stieg im Jahre 1900 auf 3000. In derselben Zeit haben aus Galizien über 100.000 Juden emigriert, um ihr Brot irgendwo anders zu finden. Aber auch in der Industrie und in dem Gewerbe ist die materielle Lage der Juden nicht besser. Fast alle Statistiker, die die ökonomische Lage der Juden iu Galizien behandeln, stimmen darin überein, daß das jüdische Gewerbe viel niedrigerstellt, als das christliche, und, was uns noch wichtiger scheint, daß die jüdischen Handwerker nur für Juden arbeiten. Wie aber die soziale Schichtung der Juden und gewissermaßen ihre ökonomische Lage anormal ist, beweisen klar die folgenden Ziffern. Während in Westgalizien bei 17.992 selbständige Katholiken, die in dem Gewerbe und in der Industrie tätig waren, im Jahre 1900 41.986 Arbeiter beschäftigt waren, entfielen auf 8.969 selbständige Juden nur 5.464 Arbeiter. (!) Und in Ostgalizien: Bei den Katholiken auf 29.781 Selbständige 44.138 Arbeiter, bei den Juden auf 28 934 Selbständige nur 16.624 Arbeiter. Auch in diesen Erwerbszweigen fehlt es den Juden an ordentlicher Fachausbildung, an billigem Kredit, an Mithilfe und Unterstützung des Staates. Die Juden gruppieren sich meistens in solchen Berufen, die entweder schon jetzt ihrem Untergange, dank der Entwicklung der modernen Industrie oder der Selbsthilfe des Volkes, zueilen, oder auf ewige Schwäche und Entwicklungsunmöglichkeit angewiesen sind. Die Zahl der Juden, die in den sogenannten „liberalen Berufen" beschäftigt sind, ist zwar verhältnismäßig sehr hoch (Beamte 6010 selbst., liberale Berufe 1371 selbst.); diese Schichte proletarisiert sich aber sehr stark und von den autonomen Landes- und Gemeindeämtern werden die Juden fortwährend herausgedrängt. Der jüdische Ackerbau, in welchem 14-4% (116.098) aller galizischen Juden tätig sind, könnte sich vielleicht ruhig entwickeln, wenn die antisemitische Presse und Landesregierung ihm nicht soviel Hemmnisse in den Wegsteilen würden. Eine jüdische Realpolitik ist also eine Notwendigkeit. Das galizische Judentum hat jetzt eine ökonomische Krise zu überstehen, die ihm mit einer großen Gefahr droht, wenn nicht schnelle Abhilfe geleistet werden wird. Die Juden verlieren ihre bisherigen Erwerbsquellen, finden aber keine neuen; sie werden ihrer sozialen und ökonomischen Selbständigkeit beraubt, können sich aber nicht proletarisieren und bilden ein Bettlerproletariat; sie emigrieren in einer ungeheueren Zahl, finden aber schon bald keinen Platz mehr, der sie aufnehmen und ihnen eine sichere Lebensmöglichkeit bieten könnte. Die jüdische Realpolitik muß eine besondere jüdische Sozialpolitik sein. Sie muß die Schaifung neuer Erwerbsquellen für die Juden erstreben, welche jetzt in ihrem Elend darben; sie muß sich die Festigung ihrer ökonomischen Lage durch billigen Kredit, durch Fachausbildung, Genossenschaften u. dgl. zum Ziele setzen. Es muß eine große Aktion geführt werden durch das Volk und für das Volk. Nicht Philanthropie, sondern organisierte Selbsthilfe soll sie heißen. Und stützen muß sich diese ganze Aktion auf eine besondere jüdischnationale Politik, die ihre ersten Schritte schon gemacht und sich als eine reelle, fruchtbringende und praktische Arbeitsmöglichkeit bewiesen hat. Die bisherige jüdische Politik der polniscbjüdisehen Assimilanten, die 20 Jahre unbegrenzt im Lande herrschten, ist bankerott geworden und ihre Niederlage bei den letzten Wahlen ist auch damit zu erklären, daß sie nichts unter unseren Massen zu suchen hatten, weil sie ihnen nichts Konkretes in der Zeit ihrer politischen Selbstherrschaft über die Juden bieten konnten. Die neue, nationale Politik muß aber, um siegreich zu bleiben,