Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 38 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 »Neue National-Zeitung« Seite 5 Die hebräische Sprache am Kongreß Der Kongreß zählt unter seinen Delegierten neben vielen hebräischen Schriftstellern wie Brainin, Dr. Ehrenpreis, L e w i n s k y (genannt der hebräische Scholem Aleichem), M. Kleinmann, Sokolow, Mordechai ben Hillel Hakoan, S c Ii e f f e r, noch zahlreiche Herren, die der hebräischen Sprache mächtig, für deren Entwicklung ein großes Interesse hegen. Ueberdies sind auch als Gäste anwesend die hebräischen Dichter B i a 1 i k (Odessa) und Jacob Kahn (Bern), sowie die Schriftsteller, Professor der hebräischen Literatur an der Sorbonne N. S1 o u s c h, S. J.Hurwitz (Berlin), Dr. S. Bernfeld (Berlin), Suwalsky usw. Die hebräische Sprache hat sich bereits auf den zionistischen Kongressen eingebürgert. Die meisten Delegierten aus dem Osten bedienen sich derselben bei ihrem gegenseitigen Verkehre und bei ihren Ansprachen in den Landsmaunschafts-Konferenzen. Wir linden auch junge Damen, Frauen und Mädchen am Kongresse, die ihren Ehrgeiz daran setzen, mit Delegierten in hebräischer Sprache zu konvenieren. Es war für den Kongreß eine besonders angenehme Ueberraschung, als der zionistische Agitator für Holland und Redakteur des Amsterdamer Tagblattes „Telegraaf" Herr K1 e e r ek o p p e r, am ersten Kongreßtage eine zündende hebräische Ansprache hielt. Der Kongreß ist ein vorzügliches Agitationsmittel für das seit zwei Jahren in Berlin bestehende Institut „Sinai", welches sich die Pflege der hebräischen Literatur, der jüdischen Kunst und des jüdischen Er ziehunüswesens zur Aufgabe gemacht hat. Während der Kongreßzeit fanden in Haag mehrere Agitations-Versammlungen des „Sinai" statt, welche sehr zahlreich besucht waren und diesem bedeutsamen Institut viele neue Anhänger warben. Präsident des Instituts ist Herr S. J. Hurwitz, der auch jüngst 10.000 Mark für den Literaturfond spendete; doch ist der Hauptagitator Herr Rüben Brainin, der unermüdlich für dieses Institut tätig ist. Als Organ desselben erscheint demnächst eine hebräische Vierteljahrsschrift ,,H' Athid" (Die Zukunft). Parallel mit diesem Institut entwickelt auch der Weltverein „Ibriah" mit dem bisherigen Zentralsitz in Bern, der gegenwärtig nach Jaffa übertragen wird, eine intensive Tätigkeit für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Im Haag fand gleichzeitig mit dem Kongreß die Jahreskonferenz dieser hebräischen Sprachorganisation statt und erschienen zu dei selben dreißig Delegierte aus verschiedenen Ländern. Die Konferenz hat mehrere Sitzungen abgehalten. Die erste Sitzung wurde eröffnet mit einem Referate von R. Brainin über „Die Bedeutung der Wiederbelebung der hebräischen Sprache für die nationale Renaissance". Die Konferenz beschloß einen eigenen Nationalfond für Zwecke der hebräischen Sprache zu schaffen und eine literarische Kommission zur Herausgabe geeigneter Werke einzusetzen. Samstag fand ein großes Meeting der „Ibriah" statt, das von vielen Kongreßmitgliedern besucht war. Lehrer Epstein aus Palästina hielt einen hebräischen Vortrag, in dem er den psychophysiologischen Prozeß der Aneignung der hebräischen Sprache als Umgangssprache behandelte. Weiters sprachen auch unter großem Beifall der Dichter Bialik, Prof. Schatz, Sokolow, Brainin, und L e w i n s k y. Iwri. IDie Oberst Schretter ermordet wurde. Am letzten Tag des Kongresses drang die Nachricht von der Ermordung des Bialystoker Bahnhofkonvmandanten Oberst Schretter zu den Ohren der Delegierten. Von einem Delegierten, der mit den Verhältnissen in Bialystok sehr vertraut ist, erhalten wir folgende Mitteilung: „Die Ermordung des Obersten von Sehr et ter wird gewiß in ganz Litthauen mit großer Genugtuung aufgenommen werden. Es ist bewiesen, daß Schretter bei den blutigen Pogroms in Bialystok seine Hände im Spiele hatte. Die Staatsanwaltschaft war auch entschlossen, ihn strafgerichtlich zu verfolgen, allein die Militärbehörden ließen dies nicht zu Er wurde nach den Pogroms sogar vom Oberstleutnant zum Obersten befördert! Nun hat auch ihn die Nemesis erreicht; Rußland ist ärmer um eine jener Bestien in Menschengestalt, deren blutrünstige Grausamkeit die Juden so empfindlich zu spüren hatten. Mit Schretter ist bereits der fünfte Massenmörder von Bialystok ins Jenseits befördert worden. Vor ihm sind bereits von den Händen der Volksrichter gefallen: der Gendarmerieleutnant Gribojedo w, ihn hat ein fünfzehnjähriger jüdischer Junge, ein Neffe des von den Hooligans gräßlich ermordeten Einsten, in Gr od no erschossen. Oberst Obrutschow vom Wladimirer Regiment wurde auf seinem Gute, wohin er durch ein Telegramm gelockt wurde, erschossen. Ein Geheimpolizist und einRauchfangkehrer, die Hooligans organisierten, wurden aus der elektrischen Bahn herausgezerrt und von Revolutionären ermordet. Das vergossene Blut von Bialystok hat hunderte von Rächern gefunden. Und ihneu wird gewiß kein einziger der Hauptschuldigen entgehen/' Die Ermordung Schretters geschah in der Weise, daß er in der Straßenbahn erschossen wurde. Der Mörder konnte jedoch bisher nicht ausfindig gemacht werden. Die Kampforganisation der rSozialrevolutionären Partei" verlautbart in einer Proklamation, daß die Ermordung des Obersten Schretter ihr Werk sei, und dieselbe sei erfolgt „wegen der Organisation und aktiven Teilnahme am Bialystoker Bahnhofpogrom im Juni 1906". Als mutmaßlichen Mörder hat die Polizei den ehemaligen Telegraphisten Nikolai Makulow arretiert, welcher zur Zeit der Tat an der Seite Schretters gestanden ist. Als Verdachtsmoment diente sein weißer Hut, da Schretter vor seinem Tode noch die Erklärung abgab, er sei von einem Mann im weißen Hut erschossen worden. I, M. FROSTIG: Düdischnationale Realpolitik in Galizien. i. Man spricht und schreibt jetzt in Galizien viel von „praktischer" politischer Arbeit, welche die jüdischnationale Partei in Angriff zu nehmen hätte. Die Losung: Organisation des ganzen jüdischen Volkes in Galizien und Bukowina auf der Basis seiner materiellen Interessen —- erschallt mit Kraft in allen Kreisen der jüdischnationalen Partei und in der Presse. In vielen Versammlungen werden konkrete Projekte ernst diskutiert und mit Begeisterung aufgenommen. Die Idee ist ja übrigens in Galizien nicht neu. In der ersten Publikation der erwachten jüdischnationalen Bewegung: „Was soll das Programm der galizischen Jugend sein?" (1892), haben bereits die Verfasser eine Reihe von weitgehenden Forderungen aufgestellt, welche sie