Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 36-37 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36/37 »Neue National-Zeitung« Seite 15 RITBEN BRAINIX: flfleine Kongrefjnotizen. Der Kongreß als Kultlirfaktor. Man mag sich zum Zionistenkongreß wie immer stellen, eines steht fest: er ist ein neuer, mächtiger Kulturfaktor im jüdischen Volksleben. Der Kongreß gibt uns die Möglichkeit, in die jüdische Psyche tief zu blicken und allen in ihr schlummernden Entwicklungsmöglichkeiten nachzuforschen. Juden aller Länder und aller Schichten, verschiedener Sprachen und Kulturen verhandeln im Laute von zwei Wochen über die mannigfaltigsten Probleme des jüdischen Lebens der Gegenwart und besonders der Zukunft. Sie mögen sich zur Lösung dieser Probleme verschiedenartig verhalten-, ihr gemeinsames Streben und ihre zielbewußte Arbeit ist ein eklatanter Beweis: das jüdische Volksleben ist erwacht, es gibt einen jüdischen Volkswillen, der sich ausleben will in einem eigenen Lande. Die gemeinsame Volksarbeit. Nicht bloß die Juden in China und Abessynien sind uns bisher fremd geblieben. Selbst die Juden einzelner europäischer Staaten haben von einander nur oberflächliche und sehr oft auch falsche Begriffe. Der Kongreß bringt sie einander näher; er schafft zwischen ihnen neue Verbindungen und Beziehungen, er beseitigt manche Vorurteile und legt auf diese Weise den Grundstein zur gemeinsamen Volksarbeit, aus der neue Kultur werte entstehen. Die Exaktheit und Beharrlichkeit der deutschen Juden, der übersprudelnde Enthusiasmus und das reiche jüdische Wissen der russischen Juden, die politische Reife und Sachlichkeit der englischen Juden, der praktische Sinn der amerikanischen JudeD, die parlamentarische Schulung und der volkstümliche Sinn der österreichischen Juden — sie alle finden wir vereinigt beim großen Werke der Wiederbelebung des jüdischen Volkes und des Judentums. Zionismus und Fortsehritt. Die oestlichen Juden sind zum erstenmal durch den Kongreß mit dem Westen in Berührung gelangt. Als Delegierte kamen sie bald nach Basel, bald nach London und nun nach dem Haag- Ihre Reise führte sie über verschiedene Metropolen und Kulturzentren Ein Stück neue Welt eröffnete sich ihren Augen; sie hatten Gelegenheit politische Freiheit einzuatmen, die modernen Fortschritte der Wissenschaft, der Kunst und der Gewerbe zu studieren. Mit weiterem Blicke und reicherem Wissen, durch die Verhandlungen der Kongresse politisch gereift und parlamentarisch geschult, kehrten sie in ihr Heim zurück, als beredte Zeugen, wie Zionismus und Fortschritt Hand in Hand gehen. Die Valerien. Die Majorität der Gäste besteht diesmal aus belgischen und holländischen Juden; die Minorität bilden östliche Juden. Man vermißt diesmal vollständig das gärende und belebende Element der russisch-jüdischen Studenten, die in Basel die Gallerien beherrschten. Mit ihnen fehlt auch die stete Wirkung und Rückwirkung von Kongreß und Zuhörerschaft; das heutige Publikum steht dem Kongreß geistig ferner. Doch es bildet nur zum Teil eine bloße Staffage; wir finden auch viele aufmerksame Zuhörer und Zuhörerinnen. Betrachtet man näher die Typen der Abstämmlinge der spanisch-portugisischen Juden, so findet man so manche Physiognomie, die an Rembrandtsche Porträts erinnern. Manche Frauen bezaubern durch ihre ausdrucksvolle orientalische Schönheit. Und es ist höchst interessant, zu beobachten, mit welcher Aufmerksamkeit auch sie die Debatten und Referate verfolgen. Eine geistreiche Dame bemerkte : „Die Wiederbelebung des jüdischen Volkes ist die Wiederbelebung eines neuen Schönheitsideals. Denn die jüdische Aesthetik geht immer parallel mit der Etik." Besonders der markante Kopf Nordaus lenkt die Bewunderung der Galerien auf sich. Rüben Brainin. Radierung von Hermann Struck. Von der Kunstausstellung am Kongreß. nichts künstlerisches, sind die zarten, feinlinigen Jozef Israels. Der Eröffnungssitzung hat auch der berühmteste Maler, den Holland in der Neuzeit aufzuweisen hat, Jozef Israels, beigewohnt. Ein 82 j ähriger Greis, klein und zart von Natur, hat er in seinem Wesen nichts bedeutendes und Allein an dieser Miniaturfigur Hänle bewundernswert. Max Liebermann, der Führer der Sezession Deutschland, spricht in einem Essay mit Begeisterung von diesen Händen seines Meisters, die eine ganze Welt neuer Typen, entnommen dem Reiche der Armut und Not, auf die Leinwand gezaubert haben. Israels machte mir gegenüber nach der ersten Kongreßsitzung die Bemerkung, daß auf der Dekorationswand des Kongresses, die Maler Pilichowski geschaffen hat, der Bibelvers angebracht werden sollte: „Sclmlom, schalom, la rachok we la karob'4 (Gegrüßt seid ihr, die ihr ankommt aus nah und fern). * Offizieller und inoffizieller Kongreß. Es gibt eigentlich neben dem offiziellen auch noch einen inoffiziellen Kongreß. Jener fließt flau vor sich;