Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 36-37 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 Neue National-Zeitung« Nr. 36/37 er enthält keine charakteristischen Momente, keine besonders interessanten Vorgänge. Seine Arbeit ist unproduktiv; es wird viel Zeit auf kleinliche Geschäftsordnungsdebatten vergeudet. Der andere aber spielt sich in den Couloirs und in den Landsmannschaften ab. Hier lebt alles; man kämpft und ereifert sich. Gerade hier trifft man die begabtesten Redner und die besten Reden. Es ist die merkwürdigste Tatsache, daß auf der Kongreßtribüne gerade diejenigen zu Worte kommen, die sehr wenig zu sagen haben. Die erfahrensten und ältesten Führer, wie auch die begabtesten Redner legen sich auf dem Kongreß viel Reserve auf. * David Wolffsolm. Eine elegante Erscheinung. Sein Aeußeres und seine Gesten erinnern stark an Herzl, mit dem er so eng durch zehn Jahre befreundet war. Mit Herz und Seele gekettet an die östlichen Juden, denen er entstammt, beherrscht er auch die hebräische Sprache. Sein Auftreten ist bescheiden, wenn nötig auch energisch. Kein Redner, beherrscht er doch das Wort und versteht gut zu polemisieren. Er ist kein Dekorationsstück, aber ein pflichttreuer und opferwilliger Arbeiter. * Ussischkin. Der russische Zionismus ist jetzt eigentlich ein Ussischkianismus. Er ist die Hauptperson, um die sich die zionistische Bewegung in Rußland gruppiert. Wer ist Ussischkin? Keine geistige Kapazität. Sein politischer Horizont ist einseitig. Er gilt als Mann der Energie und der brutalen Faust. Aber auch das ist er nicht. Das Geheimnis seines Erfolges besteht in seiner Hartnäckigkeit und in seinem despotischen Charakter. Er versteht es, sich mit einer Gruppe von Männern umzugeben, die an seinem Erfolge persönlich interessiert sind. Den Juden in Rußland kann unter den jetzigen Verhältnissen nur ein Umstürzler imponieren; im zionistischen Lager ist Ussischkin ein solcher Umstürzler. * Aufsteigende und fallende Sterne des Kongresses. Schnell steigen die Sterne des Kongresses auf, aber noch viel schneller gehen sie unter. Jeder Kongreß hat seine Eintagshelden. Wie in einem Kaleidoskop haben die Hauptpersonen der Kongresse einander abgelöst. Jeder Kongreß hat seine Lieblinge, die für den nächsten abgetan sind. Bedeutende Persönlichkeiten der ersten Kongresse sind aus verschiedenen Gründen verschwunden. Es liegt etwas tief Tragisches in diesem Massenverbrauch von Individualitäten. Der jetzige Kongreß gleicht dem modernen russischen Drama Es gibt in ihm keinen Helden; die Masse ist der Held. Ich mag die ästhetische Empfindung der Leser nicht verletzen, indem ich von der brodelnden Küche des Kongresses den Vorhang lüfte. Eines können wir aber sagen: Es brodelt und braust und dampft. Vieles wird hier auch verdampft. * „Kongrcßdeutseli." Durch die Praxis der Zionistenkongresse hat sich bei den Delegierten ein eigenes Deutsch herausgebildet: das Kongreßdeutsch. Der Jargon der russischen Jaden hat in sich gewisse deutsche Ausdrücke und die parlamentarische Terminologie aufgenommen und assimiliert. Sie sind zum Gemeingut der Zionisten im Ansiedlungsrayon geworden. Dagegen haben die deutschen Delegierten manche hebräische Worte und Jiddisch- Phrasen ihrem Sprachschatz einverleibt. Die Delegierten aller Länder haben zu diesem Sprachenkonglomerat das ihrige beigetragen. Die Kongreßsprache. Der Kongreß hat die Annahme einer offiziellen Sprache beschlossen. Er hat dazu das Hebräische auserkoren. Denn 60 Prozent der Delegierten beherrschen das Hebräische besser als die anderen Sprachen. Auch dadurch hat die Bewegung einen mehr östlichen Charakter angenommen. Der Einfluß des westeuropäischen Elements wird dadurch geschwächt. * Der Sieg der „Praktischen". Herzlianismus oder praktische Arbeit, d. h. politischer Zionismus oder die Schaffung einer ökonomischen Grundlage in Palästina, das waren die zwei entgegengesetzten Pole, um die sich der Kongreß drehte. Die Lösung dieser Probleme hat die meiste Zeit in Anspruch genommen. Nach schweren Kämpfen haben die „Praktischen" gesiegt. Die zionistische Bewegung wird nun voraussichtlich ganz neue Formen annehmen und sich neuer Mittel bedienen. Daraus ergibt sich, daß die ganze äußerliche Form, die von Herzl geschaffen wurde, einer gründlichen Aenderung entgegengeht. * Die Kunstausstellung, Die künstlerische Welt ist hier durch Professor Boris Schatz, Hermann Struck, Pilichowski und Glycenstein vertreten. In einem besonderen Raum des Kongresses haben sie einen Teil ihrer Werke ausgestellt. Hier eine Weile nach den ermüdenden Debatten des Kongresses zu verbringen und die Früchte echt jüdischer Kunst auf sich wirken zu lassen, ist ein wahrer Genuß. Präsident David Wolffsohn. Herr David Wolffsohn, der vor zwei Jahren zum Nachfolger Herzls gewählt und nunmehr in dieser Eigenschaft bestätigt wurde, ist ein russischer Jude von Geburt. Im Jahre 1856 in Derbiany (Lithauen) als Sohn eines Talmudlehrers geboren, kam er bereits mit 17 Jahren nach Memel. Dort fand er im Rabbiner Dr. Rülf einen Protektor, dessen Persönlichkeit für seine geistige Entwickelung und zionistische Gesinnung von ausschlaggebender Bedeutung waren. Wolffsohn widmete sich dem kaufmännischen Berufe, war lange Zeit Angestellter und hat sich im Jahre 1877 selbständig etabliert. Zehn Jahre später übersiedelte er nach Köln. Unter dem Einflüsse Rülfs schloß sich Wolffsohn den Choveve-Zion an; später trat er in die zionistische Bewegung ein, in der er. an der Seite Herzls bis zu dessen Tode arbeitete. Ansichtskarte des Jüdischen Nationalfonds.