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Neue Nationalzeitung · 1907-08-23 · Heft 36-37 (23.8.1907) · p. Seite 13

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 36-37 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 36/37 »Neue Nattonal-Zeitung« Seite 13 einstimmig (gegen eine Stimme) spricht sich der Kongreß für die Durchführung der Statutenänderung aus. Dann tritt die völlige Ruhe ein und Dr. Schmarjahu L e w i n - W i 1 n a, der soeben von einer längeren Reise aus Palästina zurückgekehrt ist, erstattet sein Referat über die nationalesrziehung in Palästina. Dem ausgezeichneten äußerst wirkungsvoll vorgetragenen Referate, auf das wir noch zurückkommen werden, folgte stürmischer Beifall. Hierauf sprach N. S o k o 1 o w, infolge Verhinderung des Referenten Dr. Ehrenpreis, über nationale Erziehung in der Diaspora. Er stellt den Antrag, die hebräische Sprache als offizielle Sprache der zionistischen Bewegung, als Rede- und Schriftsprache der leitenden Stellen der Kongresse und Konferenzen anzuerkennen und einzuführen. Hierbei wird es der Organisation anheimgestellt, sich neben der hebräischen Sprache auch anderer Sprachen mit Rücksicht auf die Notwendigkeit der Popularisierung zu bedienen. Die Königin der Niederlande hat dem Kongreß für die ihr dargebrachte Huldigung telegraphisch ihren herzlichen Dank aussprechen lassen. * * * Montag, den 19. August. Der heutige Tag ist der wichtigste. Aus der Debatte über die Anträge des Palästina-Ausschusses ist eine bedeutungsvolle Diskussion über die Prinzipien der zionistischen Bewegung geworden. Die beiden Gegensätze, die jetzt den Zionismus beheirschen, sind heftig aneinandergeprallt: Der politische Zionismus und die praktische Arbeit in Palästina. Die besten Redner des Kongresses gelangten heute zum Worte und wir waren Zeugen eines schönen Rededuelles zwischen den Anhängern beider Richtungen. Die Diskussion war sehr sachlich und würdig. Eine Abstimmung darüber, ob die zionistische Bewegung im bisherigen Fahrwasser des politischen Zionismus zu verbleiben habe oder ob mit dieser Politik zu brechen sei, hat nicht stattgefunden. Aber die allgemeine Stimmung war für die praktische Arbeit. Es ist das Wort gefallen: der sterbende, politische Zionismus. Im Namen des Palästina-Ausschusses des Kongresses stellt Herr Adolf Böhm fünf Anträge, die er kurz begründet. (Den Text dieser Anträge werden wir gleichzeitig mit dem Vortrage des Prof. War bürg veröffentlichen.) An der Diskussion beteiligen sich zuerst die Herren Co wen, Ussischkin und Dr. G a s t e r. Die beiden ersten gaben nur kurze Erklärungen ab, während letzterer eine große Rede für die „praktische Arbeit" in Palästina hielt. Er schickte voraus, daß die praktischen Zionisten nicht zu verwechseln seien mit den Chowewe Zion. „Denn wir lassen uns leiten von nationalen Hoffnungen und Prinzipien. Es handelt sich darum, die Arbeit in Palästina so einzurichten, daß das Land einst ein Heim für das jüdische Volk bilden könne. Ueberall, wo ich hinkomme, sagt man mir: „Gaster, bringen Sie das Volk in das Land, dann haben Sie das Recht, es zu verlangen." Als unseren Titel müssen wir die historische Vergangenheit anführen, und so haben wir das Recht, dieses Land für uns zu fordern. Und wir brauchen Palästina, damit uns jemand schützt. Die nationale Erziehung in Palästina ist nur der Ansatz für die nationale Erziehung der Juden in der ganzen Welt, Das Volk, das dort lebt, fühlt, daß es nur dort zuhause ist. Wir verlangen vom Kongreß nationale praktische Arbeit in Palästina. Moralische Fragen können nicht durch Geld gelöst werden. Unsere Vergangenheit ist nicht begraben, uns hat man nicht eingesargt." Diese Rede des Chief-Rabbi der spagnolischen Gemeinden in England wurde mit großem Beifall aufgenommen. Es wurde immer mehr fühlbar, daß die Ziele und Ideen von Gaster-Ussischkin dem Kongresse ihr Gepräge aufdrücken. Es wurde dann der Beschluß angenommen, Generalredner zu wählen. Es sollten zuerst acht sein, schließlich wurde noch den „Poale Zion" (sozialistische Gruppe in der zionistischen Partei) ein spezieller Generalredner bewilligt. Während außerhalb des Kongreßsaales die Wahl der Generalredner vorgenommen wurde, hielt in demselben Großrabbiner Dr. M. Ehrenpreis (Sofia) seinen Vortrag über Die nationale Erziehung in der Diaspora und stellt nachstehende Thesen auf: I. Die nationale Erziehung in der Diaspora bildet einen integrierenden Bestandteil der zionistischen Arbeit und gehört zu den ständigen Agenden der zionistischen Organisation und der Kongresse. II. Diese Arbeit soll unabhängig von der Möglichkeit einer Einflußnahme auf die bestehenden Gemeinde- und Erziehungsinstitutionen sofort in Angriff genommen und mit den materiellen und moralischen Machtmitteln der Organisation betrieben werden. III. Zur Leitung der einschlägigen Arbeiten wird am Sitze des engeren A.-K. ein Erziehungsamt geschaffen, für dessen Dotierung im diesjährigen Budget ein entsprechender Betrag eingestellt werden soll. IV. Zu den ersten Aufgaben dieses Erziehungsamtes gehören: a) Studium der Schaffung eines zentralen hebräischen Lehrerseminars in Palestina. wenn möglich im Anschlüsse an das bereits bestehende vom Hilfsverein begründete hebräische Lehrerseminar für Palästina, b) Die regelmäßige Veranstaltung von zentralen Ferialkursen für hebräische Lehrer aus verschiedenen Ländern, c) Einsetzung einer aus Fachmännern bestehenden Schulbücherkommission zur Approbierung der Lehrbücher für den nationaljüdischen Unterricht, d) Im Einvernehmen mit den Landesorganisationen für die Errichtung unentgeltlicher hebräischer Sprachkurse für Erwachsene zu sorgen. V. Der Kongreß begrüßt die Entstehung der Sonderorganisation für die geistigen Aufgaben der Zionisten »Sinai« und »Ibriah« und empfiehlt dem zu schaffenden Erziehungsamt bei Durchführung seines Arbeitsprogrammes tunlichst im Einvernehmen mit diesen Organisationen vorzugehen. Dann begann wieder die Diskussion über die Palästina-Anträge. Als Kontraredner d. h. als Vertreter des politischen Zionismus sprachen u. a. Dr. Mahl er (Prag), Motzkin (Berlin) und Dr. Marmorek (Paris). Hingegen für den praktischen Zionismus Adolf Stand (Lemberg) und Dr. Weitzmann (Manchester). Motzkin beschäftigte sich eingehend mit der Frage des „Charters". Den Standpunkt der „Praktischen" vertrat in einer formvollendeten Rede Abgeordneter Adolf Stand. Adolf Stand für den praktischen Zionismus. Als Wortführer der galizischen Landsmannschaft, die ebenso wie die meisten österreichischen Delegierten mit den russischen Zionisten am Kongresse Hand in Hand gingen, erklärt Stand eine praktische Betätigung in Palästina für unentbehrlich. »Wir wollen auf jede Weise das Land erobern. Und werden wir es zuerst vielleicht schlecht machen, so wird es dann doch besser werden; es werden sich praktische Resultate ergeben. Unsere Augen sind gerichtet auf den politischen Zionismus, aber die Hände haben zu arbeiten am praktischen Zionismus. Zuerst das Land, die Kräfte, die Arbeiter, das Geld, alles gehört dorthin, zuerst praktische Arbeit dort und dann politische Arbeit. Es wird von mancher Seite das lateinische Sprichwort angeführt: Primum non nocere (nur nicht schaden.) Ich setze dem den biblischen Spruch entgegen: Nassi we nischma (Arbeiten und hören) (großer Beifall.) Ich bin für die Unterstützung der großen Palästina-Projekte. Es muß das jüdische Kapital dorthin und auch die jüdischen Arbeiter, damit wir einen Mikrokosmos des Judentums auf unserer Heimstätte haben. Es muß unsere Bank, dieses Instrument des Zionismus, unserem Lande und unserem Volke helfen. Die Bank soll in Europa keine Geschäfte machen, sondern hauptsächlich in Palästina. Die Bank soll nicht die letzte in London, sondern die erste in Jaffa sein. Und wenn wir schon so wenig Dividende haben, dann sollen wenigstens unsere Brüder in Palästina was davon haben. Herr C o w e n hat hier heute vormittags einen Vergleich angestellt, den ich als einen sehr wenig glücklichen ansehe.

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