Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 36-37 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 »Heue Natlonal-Zeltung« Nr. 36/37 Die Judenfragc und die menschliche Gesittung. Die Lösung der Judenfrage ist eine Probe auf die ganze menschliche Gesittung. (Sehr richtig!) Die Zivilisation baut sich auf einer Anzahl letzter Grundsätze auf. die nicht erschüttert, nicht umgestürzt werden können, ohne daß der ganze Bau zusammenbricht. Diese ursprünglichsten Grundsätze sind Achtung des Menschenlebens, Ahndung der Verbrechen gegen Person und Eigentum, Gleichheit aller unbescholtenen Bürger vor dem Gesetz, noch kürzer ausgedrückt: Gerechtigkeit. Jnstitia regnorum fundamentum! Die Juden aber werden in dem einen Lande gemordet und beraubt, in dem andern Laude beschimpft und zurückgesetzt, überall behandelt man sie, als stünden sie außerhalb des Völkerrechts, des Gesellschaftsvertrags, der Verfassung, des geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzes. Den Juden gegenüber verleugnet man die einfachsten Grundsätze der Zivilisation und damit die Zivilisation selbst. (Tosende Zustimmung.) Dagegen erheben wir einen Einspruch, den man am allerwenigsten im Haag als einen platonischen ansehen darf. (Lebhafter stürmischer Beifall.) Wir fordern Gerechtigkeit! "Im freien Holland tagt gerade jetzt zum zweitenmal die Friedenskonferenz, die alle gesitteten Staaten beider Welten beschickt haben, um das Bestehen einer die ganze Menschheit umspannenden und bindenden Sittlichkeit festzustellen und ihre Regeln in ein Weltgesetzbuch zu fassen. Diese noch nicht kodifizierte, aber von allen Regierungen, den christlichen, mohamedanischen, budhistischen, fohistischen, freidenkerischen gleichmäßig anerkannte Sittlichkeit rufen wir an. In ihrem Namen fordern wir für unser Volk von 12 Millionen Gerechtigkeit! (Andauernder, stürmischer Beifall. Die Versammlung erhebt s i c h.) Man konnte sie uns verweigern, solange Barbarei auf Erden herrschte; man darf sie uns aber nicht länger vorenthalten, nun, da alle organisierten Völker sich wenigstens theoretisch zur Zivilisation bekennen. (Heiterkeit.) Solange es eine Judenfrage gibt, erweist sich die Zivilisation als eine Lüge, und jede diplomatische Konferenz zur Kodifizierung der Nächstenliebe und Menschlichkeit als eine Komödie. (Langandauernde Beifall- und Bravorufe.) In die Judenfrage spielen neben den ursprünglichsten Grundsätzen der Zivilisation auch sekundäre Tendenzen hinein, die augenblicklich die Weltpolitik bestimmen. Jedes Volk fordert heutzutage für seinen Handel die offene Tür; jedes nimmt es als ein natürliches Recht für sich in Anspruch, zurückgebliebene Länder in die Weltwirtschaft einzubeziehen, wüste Gebiete zu besiedeln und unter den Pflug zu nehmen, allzugroße Verschiedenheiten der Bevölkerungsdichte durch zweckmäßige Wanderung auszugleichen. Genau dieselben Forderungen erhebt auch der Zionismus. Wir wollen dem dünn bevölkerten Palästina Millionen arbeitsfreudiger Siedler zufüren, die nur dort und sonst nirgendwo gedeihen können. (Lebhafte Bravorufe.) Wir wollen das brach liegende Land, das einst jüdisch war, unter den Pflug nehmen, ihm Wert geben, es zu einer Stätte lebhaften Güteraustausches, blühender Kultur, musterhafter Ordnung machen, dem türkischen Reiche, dem jüdischen Volke, der ganzen Menschheit zum Gewinn. (Lebhafter Beifall.) Und solche Bestrebungen sollten nicht den Beifall und die Unterstützung aller Regierungen finden? Das glaube ich nicht im Haag der Friedenskonferenz. Ich zweifle nicht daran, daß wir die ottomanische Regierung von der Größe und Fruchtbarkeit unseres Vorsatzes überzeugen werden; ja noch mehr: daß wir die Einberufung einer diplomatischen Konferenz nach dem Muster der Haager Zusammenkünfte von 1899 und 1907 zur internationalen Regelung der Judenfrage erleben werden. Voraussetzung so großer Entwicklungen ist allerdings, daß wir zunächst das jüdische Volk selbst zur klaren Erkenntnis seiner Lage wecken, und jedem Juden, der nicht das Verschwinden des jüdischen Volkes will, die Ueberzeugung beibringen, sein Fortbestand sei nur durch eine Methode zu sichern: die zionistische. (Bravorufe.) Möge der achte Zionistenkongreß uns diesem großen Ziele näher bringen! (Minutenlang andauernder, stürmisher Beifall; Tüchersclnvenken im Saale und auf den Galerien.) * Dann folgten die Wahlen des Präsidiums. Sämtliche Vorschläge des Permanenzausschusses wurden mit Akklamation akzeptiert. Es wurden gewählt: Zu Präsidenten D. Wolffsohn und Dr. Nord au (ein äußerst seltener Vorgang, daß ein Kongreß zwei Präsidenten hat); zu Vizepräsidenten: Dr. Gaster, Jacobus Kaan, Dr. M a r m o r e k (Paris), Dr. S c h a 1 i t, Dr. Tschlenow, Ussischkin und Prof. Warburg; zu Beisitzern: Bentwich, Dr. Bodenheimer, Dr. Braude, Koeßler, S. Pineles, Rabbiner Reines und Rabbiner Temkin. Nur gegen die Kandidatur Dr. Marmoreks entstand eine Opposition — vom Kandidaten selbst. Dr. Marmorek blieb bei den Probe wählen im Permanenzausschuß in der Minorität; erst unter dem Drucke Nordaus, der die Kabinettsfrage stellte, nahm der Ausschuß diese Kandidatur, die ihm ebenso unsympatisch war, wie die des Greenberg aus London, an. Es ist wieder begreiflich, daß Dr. Marmorek ein unter solchen Umständen zustande gebrachtes Mandat abzulehnen suchte; er fügte sich aber schließlich dem Votum des Kongresses. Was aber Dr. Nordau für Dr. Marmorek beim Ausschuß durchgesetzt hat, das erreichte Mr. Cowen für seinen Freund Mr. Greenberg durch einen Appell an das Plenum. Greenberg, den der Permanenzausschuß demonstrativ überging, indem er nur ihn, von allen Mitgliedern des engeren Aktionskomitees nicht ins Präsidium wählte, wurde über Antrag Cowens nachträglich doch zum Vizepräsidenten gewählt. Aus der ablehnenden Haltung des P.-A. gegenüber so ausgesprochenen Vertretern des politischen Zionismus wurden gleich am ersten Tage die weitgehendsten Schlüsse gezogen. Man sprach bereits davon, daß der Kongreß mit der Verdrängung der Hauptwortführer des politischen Zionismus nun auch dieser ganzen Richtung entsagen wolle. Als gar am Nachmittag Dr. Nordau die Präsidentenwürde nicht anzunehmen erklärte und trotz stürmischen Widerspruches darauf beharrte, bloß als fernerstehender Beisitzer dem Präsidium angehören zu wollen, da wurde es immer klarer, welche einschneidende Aenderungen sich vorbereiten. Alle diese Wahlkomplikationen hätten allerdings vermieden werden können, wenn wie Dr. Pasmanik in Erwiderung auf den Antrag Cowens ausführte, die Mitglieder des Aktionskomitees gar nicht ins Präsidium gewählt werden würden, weil die Exekutive auf keinem Kongresse im Präsidium sitze. Percy Baker berichtet namens des Legitimationsausschusses, daß alle Mandate bis auf ein einziges (St. Gallen) anzuerkennen seien. Dieser Antrag wird angenommen. Hierauf erstattet Herr N. Sokolo w, Generalsekretär des Parteibureaus den