Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-08-23 · Heft 36-37 (23.8.1907) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 36-37 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425704--0316-2426590
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 36/37 »Neue National-Zeitung« Seite 9 organisierte, zum Teile mächtige Staaten und außerhalb Italiens ungefähr alle Regierungen gegen sich hatten. Camille Desmoulins sagte nach Verkündigung der französischen Republik: „Im Jahre 1789 hat es in Frankreich keine zehn Republikaner gegeben." Thomas Peyne, der treffliche Verfasser von „Common sense" tat die Aeußerung: „Im Jahre 1778 gab es in ganz Nordamerika nicht einen Republikaner." Michelet schrieb im Jahre 1859: „Im Jahre 1854 habe ich in ganz Italien nicht einen Italiener angetroffen." Diese Beispiele sind geeignet, uns über die Zukunft des Zionismus zu beruhigen, obschon die Zahl der Zionisten heute noch nicht entfernt so groß ist, wie sie sein sollte. Wir sind gewiß die letzten, uns selbstgefällig die Hände zu reiben und uns zu beglückwünschen, daß wir es so herrlich weit gebracht haben. Gewiß: was wir erreicht haben, ist noch blutwenig. Gleichwohl haben wir keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, wenn wir auf das Jahrzehnt seit dem ersten Zionistenkongresse zurückblicken. Selbst unsere materiellen Erfolge, so bescheiden sie scheinen, sind nicht allzugering einzuschätzen, kurz sind sie schon von Herrn Wolftsohn zusammengefaßt worden: Unsere Kolonialbank, von uns mit bitterer Mühe und schweren Opfern aufgerichtet, hat mit ihrem kleinen Grundstock die Anglo-Palestine Company geschaffen, die in Palästina gute Arbeit verrichtet, im dortigen Wirtschaftsleben als ein kräftiger Gärungserreger wirkt und dem jüdischen Namen das Ausehen erwirbt, das in zurückgebliebenen Ländern schöpferische Finanzinitiative begleitet. Dank dieser Anstalt sind die Juden in den Augen der palästinensischen Eingeborenen nicht mehr wie früher verachtete Bettler, sondern Wohltäter, die das Land befruchten und Wohlstand um sich verbreiten. Unser Nationalfonds ist wurzelständig geworden und verspricht, in langsamem Wachstum sich zu einem kräftigen Organismus zu entwickeln. Ansehnlicher, wirklich ansehnlich sind unsere moralischen Erfolge. Daß der Zionismus seinen Bekennern Selbstachtung und Würde gegeben hat, ist eine zum Gemeinplatz gewordene Feststellung. Wir Zionisten tragen unser Judentum wie eine Kokarde (Beifall und Händeklatschen), und das ist uns so selbstverständlich geworden, daß es bereits unser heiteres Staunen erregt, wenn wir sehen, daß andere es wie eine Brandmarke scheu verheimlichen. (Beifall) In den Ländern mit verschiedenen Nationalitäten haben unsere Gesinnungsgenossen die jüdische Nationalität mit der Forderung gleicher Rücksicht auf ihre Volksbedürfuisse und gleicher Achtung ihrer ethischen Individualität angemeldet. (Beifall.) Unserer Jugend gibt der Zionismus Stolz auf ihre Geschichte, Glauben an sich selbst und den sittlichen Halt eines Ideals. (Lebhafter Beifall) Unsere Gegner hofften, der Zionismus werde seinem Begründer ins Grab folgen. Er hat die schwere Erschütterung des Verschwindens seines ersten Führers ohne Schaden ertragen und damit den Beweis erbracht, daß er, von Personen unabhängig, aus eigener Kraft besteht. (Zustimmung.) Schwere Gefahr drohte dem Zionismus von den zahlreichen mörderischen Ueberfällen, die die Juden in den Ländern des Antisemitismus der Tat zu erleiden hatten. Nicht nur, weil unsere unglücklichen Brüder durch Mord, Brand, Schändung, Raub vollständig zugrunde gerichtet wurden, nicht nur, weil ihre Verzweiflung über das grausame Ende teuerster Angehöriger jeden andern Gedanken aus ihrem Bewußtsein verdrängte, sondern auch wegen treuloser Hetzreden, durch die bedenkenfreie Gegner die armen, verängstigten Opfer am Zionismus irre zu machen suchten. „Wo war der Zionismus", hörte man spöttische Stimmen rufen, „als entmenschte Horden im Osten die Juden niedermetzelten? Was hat er für die Verfolgten getan? Wie hat er ihuen geholfen? Welchen Schutz hat er ihnen gewährt?u Zur Ehre unserer schwer heimgesuchten Brüder sei es gesagt: Auch in ihrer tiefen Verzweiflung bewahrten sie genug gesunden Menschenverstand, um die Torheit dieser Spottfragen zu erkennen. Unsere Massen sehen sehr wohl ein, daß sie selbst in ruhigen Tagen für den Zionismus nicht genug getan haben, um von ihm erwarten und verlangen zu dürfen, daß er nun in den Tagen der Not für sie Entscheidendes tun werde. (Beifall.) Der Zionismus besitzt gerade nur, was das jüdische Volk ihm gibt. Das jüdische Volk aber hat ihm bisher nicht, die Mittel geliefert, für die Volksglieder in Gefahr wirksam eintreten zu können. Seine Würde verbot ihm eitle Kundgebungen und wichtigtuerische Geschäftigkeit. Die Zionisten verschlossen ihre Trauer in ihr Herz und arbeiteten mit zusammengebissenen Zähnen an ihrer großen Aufgabe weiter, deren künftige Verwirklichung die Gegenwart nach Maßgabe ihrer Kräfte vorbereiten muß. Inzwischen haben unsere Massen besser als bisher begreifen gelernt, daß der Zionismus, wenn er sie heute nicht retten und schützen kann, morgen das Heil ihrer Kinder sein wird. (Beifall.) Die Regierungen, um deren Wohlwollen zu werben ein wichtiger Punkt unseres Programms ist, haben uns keine nennenswerte Förderung angedeihen lassen. Um die ganze Wahrheit, zu sagen: sie haben sich bisher überhaupt kaum um uns gekümmert. Das scheint manchen ein Beweis, daß wir von allem Anfang einen falschen Weg eingeschlagen haben, und daß unsere Politik, die ihre Hoffnung teilweise auf die Regierungen setzte, ein Irrtum war. Das ist jedoch ein Fehlschluß. Regierungen sind heutzutage ganz gewiß keine Verächter der Imponderabilien, und sie würden niemals zugeben, daß große üeschichtsgedanken, daß Forderungen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit für sie inhaltslose Begrifie sind. Aber Regierungen haben sich vor allem mit konkreten, materiellen Interessen zu beschäftigen, und sie sind gewohnt, amtlich nur von solchen Angelegenheiten Kenntnis zu nehmen, für die ein Machtelement irgendwelcher Art ihre Aufmerksamkeit fordert. Solange die Regierungen im Zionismus nur die verschwommene Sehnsucht eines kleinen Häufleins weltfremder Träumer und Schwärmer vermuten, solange ihnen unsere Kongresse, unsere Organisation, unsere Propaganda, unsere Pläne, unsere Beschlüsse rein theoretische Geistesspiels zu sein scheinen, haben sie von ihrem Standpunkte aus wirklich keine Veranlassung, sich mit uns einzulassen. Das würde mit dem Augenblicke anders werden, wo der Zionismus Millionen oder doch Hunderttausende gegliederter, zielbewußter, einiger Anhänger, festgegründete, wirksame Einrichtungen, Geld, Einfluß, zahlreiche geistige Potenzen hinter sich hätte. Die Regierungen als Abwäger von Wirklichkeiten verlangen mit Recht von uns den Beweis, daß wir etwas sind, etwas haben, etwas können. (Richtig!) Solange wir ihnen diesen Beweis schuldig bleiben, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn sie uns vernachlässigen. (Beifall.) Noch sind wir nicht entfernt so gerüstet, wie wir sein sollten, wie wir sein müssen, wenn der Zionismus aus dem akademischen ins weltpolitische Stadium treten soll. Eines aber haben wir schon jetzt erreicht: Wir haben die Judenfrage, die von den einen überhaupt geleugnet, von den anderen als unerheblich angesehen wird, mit Nachdruck gestellt. Wir werden dafür sorgen, daß sie nicht wieder aus dem Gesichtskreise der Regierungen und Völker verschwindet, und wir werden nicht ruhen, bis sie in zionistischem Sinne gelöst ist: durch Wiederherstellung des Judenvolkes, das als gleichberechtigtes Mitglied in die Völkerfamilie eintritt. (Anhaltender Beifall.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.