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Neue Nationalzeitung · 1907-08-23 · Heft 36-37 (23.8.1907) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 36-37 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 »Neue National-Zeftung« Nr. 36/37 in Indien getan haben — ich meine die Kulturarbeit, nicht die Herrschaft — wir gedenken, nach Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken. (Andauernder lebhafter Beifall.) Keine Ghettoabsperrung. Ghettoabsperrung? Man verzeihe uns, daß wir über diese kindische Formel die Achsel zucken. Freie Seelen würdigen das Gefühl, aus dem heraus der Brite sein stolzes Wort spricht: „My house is my Castle". Wer Lächerlichkeit nicht fürchtet, der nenne immerhin unser Verlangen nach einem eigenen selbstgebauten Heim Ghettosehnsucht. Wir wissen, daß die allermodernste völkerpsychologische und ethnologische Erkenntnis zur Forderung führt, ein jedes Volk solle wie jedes Individuum sich nach seiner organisch begründeten oder geschichtlich gewordenen Eigenart ausleben und es ablehnen, sich durch Druck, Geringschätzung und Feindseligkeit verkümmern zu lassen. (Händeklatschen und Beifall.) Wir sind niemals fortschrittlicher, niemals moderner, als wenn wir lieber echt, als noch so vollkommene Nachahmung, lieber harmonisches Original als eine Karrikatur anderer sein wollen. (Bravorufe, lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Zionismus und Patriotismus. Man hat das Schlagwort ausgegeben, der Zionismus sei mit der Vaterlandsliebe unvereinbar. Ruhig im Bewußtsein treuer Anhänglichkeit an unser Geburtsland und gewissenhaftester Erfüllung aller unserer Staatsbürgerpflichten dürfen wir diese Beschuldigung verachten. (Sehr richtig!) Den Deutschen in den Vereinigten Staaten hat bisher noch niemand Mangel an amerikanischem Patriotismus nachgesagt, weil sie ihre Sprache, ihre Gesittung, ihre Stammeserinnerungen pflegen und auch drüben fortfahren, am Wohl und Wehe ihrer Volksgenossen in der alten Heimat regsten Anteil zu nehmen. Gewiß, ergäbe sich ein Gegensatz zwischen den Interessen des jüdischen Volkes und denen unserer Landsleute, dann müßten wir in schmerzlicher Wahl uns für die eine oder die andere Seite entscheiden. Glücklicherweise besteht ein solcher Gegensatz nicht und wird nach menschlichem Ermessen in absehbarer Zeit auch nicht bestehen. Wir dürfen uns also getrost zugleich als gute Zionisten und als gesinnungsstarke Staatsbürger bekennen. Außer jüdischen Denunzianten und bedenkenfreien Judenhassern, denen jede Gelegenheit zur Feindseligkeit gegen uns willkommen ist, hat denn auch bisher niemand an diesem Doppelbekenntnis Anstoß genommen. Zionismus und Antisemitismus. Weit verbreitet ist die Meinung, der Zionismus sei eine Antwort auf den Antisemitismus, die Antwort des jüdischen Trotzes nach den einen, der jüdischen Verzweiflung nach den anderen. Diese Auffassung gab manchen unserer Gegner Gelegenheit, sich in Heldenposen zu werfen und Bramarbasreden zu führen. „Ihr Zionisten," prahlten sie, „seid feige Ausreißer, wir dagegen sind tapfere Streiter; ihr ergreifet vor dem Feinde die Flucht, wir nehmen den Kampf an, wollen ihn in unserem Geburtslande bestehen und die Rüstung nicht ablegen, ehe wir gesiegt haben." Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen, den einen als die Gegenwirkung des anderen zu begreifen, ist überraschend oberflächlich. Der Antisemitismus war höchstens ein Anlaß, er war sicher nicht der Grund des Zionismus. Der Judenhaß hat nur in vielen Juden das eingeschlummerte Stammesbewußtsein geweckt und sie ermahnt, sich auf ibre geschichtliche Individualität zu besinnen. Er hat sie genötigt, über ihre Stellung in der Welt, über ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzelmenschen und als Gesamtheit nachzudenken, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit der Judenfeinde, hat sie zu überzeugten, ruhig entschlossenen Zionisten gemacht. Der Zionismus ist wie jede geschichtliche Bewegung aus einem stark empfundenen und klar erkannten Bedürfnis hervorgegangen, aus dem Bedürfnis nach einem normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen. Er ist die eiserne Schlußfolgerung der jüdischen Logik, dieses Grundvermögens der jüdischen Psyche. Denkende Juden lassen sich nicht darauf ein, sich selbst zu täuschen; sie sind gegen sich von der unerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir sind empfindlich, wenn man uns in unserem Geburtslande Fremde schilt. Es ist ja auch in der Tat eine Bosheit, uns als fremd auf der Scholle anzusehen, auf der unsere Wiege stand und unter der die Gebeine unserer Väter ruhen. Aber wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit zum Boden, zum Lande, zum Staate leugnen will, müssen wir es doch anderseits verstehen, daß die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde empfinden, da wir es beharrlich ablehnen, uns in ihnen aufzulösen. Da richtet sich ein Entweder-Oder vor uns auf, vor dem es kein Entrinnen gibt. Entweder, wir wollen ein Volk bleiben oder wir wollen kein Volk bleiben. Wollen wir kein Volk bleiben, dann gehen wir, so rasch wie es die demographischen Verhältnisse irgend gestatten, in unserer Volksumgebung auf. Also: Zionismus oder nationale Liquidation. (Beifall.) Alles andere ist Halbheit und beunruhigt die Logik. Vergebens reden Tiftler Haarspaltereien und Spitzfindigkeiten um diese unerschütterliche Schlußfolgerung herum. Sie drängt sich dem schlichten Menschenverstände der selbstdenkenden Juden auf und bestimmt häufig ihr Handeln. Wer an die Daseinsberechtigung des jüdischen Volkes glaubt, wer ihm eine Zukunft wünscht, der wird Zionist. Wer diesen Wunsch, wer diesen Glauben nicht hat, der fällt ab. Und das würde noch viel häufiger geschehen, wenn der Abfall vom Judentum, um vollgültig zu sein, nicht vom formellen Uebertritt zu einem anderen Glauben begleitet sein müßte, zu dem anständige Juden sich denn doch nicht leichten Herzens entschließen. Seit zehn Jahren rufen wir diese Wahrheiten in alle Winde. In großen Seelen haben sie mächtigen Widerhall geweckt; die Menge aber hat sie noch nicht hören oder noch nicht verstehen wollen. Denn wir wollen uns und andern nichts vormachen. Wir organisierte Zionisten sind leider immer noch eine betrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke. Wir lassen uns das jedoch nicht anfechten. Es ist kein tirund zur Entmutigung für uns. Eine Wahrheit hat ihre eigene Tugend und Würde, die ganz unabhängig davon ist, ob sie von anderen begriffen wird oder nicht (Beifall) und sie muß sich schließlich durchsetzen, denn sie ist unverwüstlich, und die Zeit kann ihr nichts anhaben. Die Geschichte ist überdies da, um uns vor Kleinmütigkeit zu behüten. Sechzig Jahre lang sangen Deutsche: „Was ist des Deutschen Vaterland?" und ließen sich nicht irre machen, obschon die bedeutendsten maßgebendsten Männer, Minister, Würdenträger, einflußreiche Praktiker aller Art die Forderung der deutschen Einheit als eine Schwärmerei für Schützenfeste und Gesangvereine verspotteten. Ebensolange erklärten bedächtige, nüchterne Diplomaten Italien für einen geographischen Begriff, und an eine italienische Nation glaubten nur einige romantische Verschwörer, die in Italien selbst sieben

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